Stuttgart - Die neuen Stuttgarter Stadtwerke wollen im September mit dem Verkauf von Ökostrom starten. Sie sollen die Energiewende vorantreiben, aber kein "Billiganbieter" werden. Die Strategie des kommunalen Versorgers könnten die Bürger als Gesellschafter zum Teil mitgestalten.
Die Stadt bereitet mit großen Schritten den Wiedereinstieg in den Energiemarkt vor: Im September soll es erstmals Strom der im Herbst 2011 ins Leben gerufenen Stadtwerke Stuttgart GmbH zu kaufen geben. In einem zweiten Schritt wollen die Stadtwerke Gas anbieten; von 2014 an sollen die Stadtwerke auch Trinkwasser liefern.
Weil es noch keine nennenswerte Stromerzeugung und noch kein eigenes Vertriebs- und Abrechnungssystem besitzt, ist das junge Unternehmen auf einen kommerziellen Partner angewiesen. Infrage kommt allerdings nur ein Ökoanbieter. "Wir suchen derzeit einen Partner für den Vertrieb von erneuerbarem Strom und Gas, wobei die Stadt die Mehrheit des Unternehmens halten wird", erklärt Finanzbürgermeister Michael Föll (CDU), der den Aufbau der Stadtwerke federführend betreut.
Als klarer Favorit gilt die EWS
Am Dienstagabend haben drei potenzielle Partner ihre Konzepte dem Aufsichtsrat der Stadtwerke vorgestellt. Bis Ostern soll der Suchprozess abgeschlossen sein. Die drei Bewerber sind die Elektrizitätswerke Schönau (EWS), die Thüga-Gruppe und die Stadtwerke Aachen. Als klarer Favorit gilt die EWS, deren Wurzeln in einer Bürgerbewegung in Schönau/ Schwarzwald liegen; sie beliefert zurzeit 115 000 Haushalte in ganz Deutschland. Hinter der Thüga-Gruppe stehen 450 Kommunen und 90 Stadtwerke; die Aachener Stadtwerke treten alleine an.
Die Positionierung der neuen Marke hat beim Markteinstieg höchste Priorität. "Die Stadtwerke sollen für die Bürger ein glaubwürdiger Partner für die Energiewende werden", sagt Föll, der auch stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats ist. Sie würden konsequent auf Energieeffizienz, erneuerbare Energie und nachhaltige Energieproduktion setzen und so einen Beitrag der Landeshauptstadt zur Energiewende leisten. "Als Industriestandort Nummer eins müssen wir die Energiewende aktiv mitgestalten", gibt OB Wolfgang Schuster (CDU), Chef des Aufsichtsrats, die Richtung vor. Neben Stadtwerken benötige man unter anderem ein "umfassendes Förderprogramm für eine energieeffiziente Stadt" und eine dezentrale Versorgung.
Die Stadtwerke, denen ein Eigenkapital von etwa 600 Millionen Euro zur Verfügung steht, sollen jährlich 70 Millionen Euro in erneuerbare Energien investieren. Regionale Solar-, Wasser- oder Windkraftanlagen sollen bevorzugt werden; riskante Anlagen in Windparks an der Küste sind nicht vorgesehen. Das Geschäftsmodell ist auf Expansion ausgelegt: Bis 2020 könnten 20 000 Stuttgarter Haushalte Stadtwerks-Kunden sein, das wären rund sieben Prozent aller Haushalte. Damit nicht genug: "Das ehrgeizige Ziel ist es, dass bis 2020 rechnerisch alle Stuttgarter Privathaushalte mit Strom aus erneuerbaren Energien versorgt werden", so Föll.
Stadtwerke müssen rentabel sein
Auf einen Preiskampf will man sich aber nicht einlassen. "Die Stadtwerke werden bei Strom oder Gas kein Billiganbieter", betont Föll. Nach Informationen unserer Zeitung soll das kommunale Unternehmen eine Kapitalrendite von vier bis fünf Prozent erwirtschaften - angeblich nur halb so viel wie bisher die Energie Baden-Württemberg (EnBW). Trotzdem müssen die Stadtwerke rentabel sein, immerhin sollen sie zusätzlich das Millionendefizit der SSB ausgleichen.
Um nicht nur dem Gemeinderat, sondern auch den Bürgern Mitspracherecht an den Stadtwerken zu sichern, sollen sich Privatleute bis zur 25-Prozent-Schwelle über eine Bürgerbeteiligungsgenossenschaft am Geschäftsfeld Erneuerbare Energien finanziell beteiligen. "Auf diesem Weg will ich die Bürger mitnehmen", erklärt OB Schuster.
Bei der 2014 anstehenden Vergabe der Konzessionen für die Strom-, Gas- und Wassernetze sind für die Stadtwerke noch viele Fragen offen. "Im Bereich Trinkwasser streben wir eine 100-prozentige kommunale Lösung an", sagt Föll. Bei den Strom- und Gasnetzen könnte es gut sein, dass die EnBW einen 49-Prozent-Abteil erhält. Die Beteiligung des Konzerns beim Betrieb der Netze dürfte sogar zwingend sein, weil der Stadt dazu die Fachkenntnis fehlt und sich die EnBW zudem im Streitfall bei der Lieferung von Wasser querstellen könnte.
Die Bürgerinitiative Aktion Stadtwerk, die knapp 30 000 Unterschriften für ein entsprechendes Bürgerbegehren gesammelt hat, dringt aber darauf, dass die Stadtwerke "die Konzessionen für alle Netze" erwerben und diese auch selbst betreiben. Selbst den möglichen Einstieg der EWS im Stromvertrieb sieht man kritisch - trotz Ökostroms. "Die Stadt soll alle Fäden selbst in der Hand halten", fordert die Initiative.