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Stuttgart Leute, wehrt euch!

Nicole Golombek, vom 20.02.2012 14:18 Uhr
Don Karlos (Jan Krauter, li) und Marquis Posa (Marco Albrecht) Foto: Sonja Rothweiler
Don Karlos (Jan Krauter, li) und Marquis Posa (Marco Albrecht) Foto: Sonja Rothweiler

Stuttgart - Fasching. Tolle Zeit. Die Theatermacher dürften andere Sorgen gehabt haben in den vergangenen Wochen, Hasko Weber probte zwischen Baustellenbesuchen und seiner Vorstellung als designierter Intendant in Weimar. Regisseur Sebastian Baumgarten musste beinahe ohne Drehbühne auskommen, da beim Einbau der neuen Bühnentechnik allerlei nicht funktionierte.

Trotz all der Sanierungsaufregungen ist an beiden Abenden aber allerhand Faschingsspaßigkeit zu erleben. In Jean-Paul Sartres Totenreich zappeln Harlekine und Clowns, in der Welt wüten Militärs in Unterhosen und Fantasieuniformen. Friedrich Schillers Königspalast bevölkern ein Großinquisitor im Joker-Kostüm aus dem Film „Batman“, der in delikat feinsinnigem Ton aus Heiner Müllers „Hamletmaschine“ rezitiert, und Hofschranzen, die mit ihren Federperücken auf jedem Fasnachtsball eine bella figura machen könnten.

Man meinte in Webers „Don Karlos“-Inszenierung etwas von dem Galgenhumor zu spüren, der sich angesichts der Baustellenverzögerungen eingestellt haben mag. Überraschend amüsante Szenen, auch einige Kalauernde („darf ich melden: Parquis von Mosa, äh, Marquis von Posa“) sind an dem ansonsten wenig überraschenden dreistündigen Abend zu erleben.

Die abgezirkelt tippelnden Hofdamen (Svenja Wasser, Rahel Ohm, Eléna Weiß) sowie die Kriegstreiber Herzog von Alba (Markus Lerch, automatenhaft und starr) und Beichtvater Domingo (Christian Schmidt als Sonnenbrillen-Geck) bestehen aus blöden Intriganten, die entsprechend eindimensional gespielt werden. Der König: machtvoll und männlich, Sohn Karlos: feurig und leidenschaftlich, Posa ist ein kühler Stratege, die Königin dagegen eine disziplinierte Verächterin des unterdrückerischen Regimes ihres Mannes.

Jan Krauter gibt Karlos zunächst als armefuchtelnder Poseur in roten Schlangenlederhosen. Posa (Marco Albrecht) ist entsprechend schnell genervt von diesem weichlichen Lackschuhträger, der darüber la­mentiert, dass der Papa ihm die geliebte Elisabeth vor der Nase weggeheiratet hat. Dass allerdings Lisa Bitters wunderbar klug und überlegen interpretierte Elisabeth je an so einem Kindskopf interessiert gewesen sein kann, beglaubigt dieses Figurentableau nicht. In der berühmten Verwechslungsszene legen Jan Krauters Karlos und Svenja Wassers aufgeregt oberflächliche Eboli eine ulkige Boulevardnummer hin.

Famos übereifrig versucht Karlos zu verstehen, was die Dame von ihm will – bis er, etwas schwerfällig im Geiste, der junge Mann, begreift. Er ist derjenige ist, den sie liebt. Peinliches Hand-vor-die-Augen beiderseits. Geradezu Zaubervarieté-artig ist der Beginn der Gedankenfreiheitsszene.

Der König (Sebastian Kowski) geht in lila Unterhemd zur königlichen Schlafhose umher und überlegt dabei auch noch verzweifelt, ob er seinen Getreuen trauen soll, die Königin und Karlos denunzieren. Er wünscht sich einen unabhängigen Mann und hoppla, taucht aus der Tiefe des Raumes Posa auf. Der König tigert im Kreis um den auf einem Stuhl fläzenden Marquis (Marco Albrecht) und hört sich an, was der über Ruhm, Staatskunst, Unterdrückung zu sagen hat und dem König vorschlägt: Wenn’s bis jetzt nicht mit ihren Untertanen klappt, versuchen Sie’s zur Abwechslung einfach mal mit Gedankenfreiheit. Das ist eine fabelhaft gespielte Szene, wie überhaupt der Abend immer wieder eindrückliche Momente hat, wenn etwa der spät zur Vernunft gekommene Karlos um den für ihn gestorbenen Posa trauert.

Die Szenen aber stehen merkwürdig unverbunden nebeneinander, zusammengehalten nur durch dräuende Bässe und der – mit Bildern von Demonstrationen und zwei riesigen gemalten Kalaschnikows – überdeutlichen Anspielung an unterdrückerische Verhältnisse in Ägypten oder Syrien. Vom Geist des arabischen Frühlings getragen ist die finale Textumstellung. Noch ist der verratene Königssohn nicht tot und mit einer auf Revolution hoffenden Meldung, das Volk rebelliere gegen den Herrscher und wolle Karlos lebend sehen, entlässt Hasko Weber das nicht über Gebühr geforderte, gut unterhaltene Publikum.

Leute, wehrt euch, heißt es auch einen Abend später. Die erste Viertelstunde von Sartres „Das Spiel ist aus“ ist grandios. Florian von Manteuffel mit schwarzer Brille und Rollkragen-Kleid steht an der Rampe, stellt sich als Namensvetter des französischen Philosophen Jean-Paul Sartre vor, der drei Semester Philosophie studiert hat, bevor er ein Elektrofachgeschäft eröffnete.

Man kann in so kurzer Zeit offenbar allerhand lernen, denn er erteilt dem Publikum einen kundigen Schnellkurs in Sachen Materialismus und Existenzialismus, Existenz und Essenz und schafft dabei noch eine Anspielung an den „guuuten Plan, wie wir alle wissen“ für die neue Theaterbühne, der nun die Existenz der Bühne bestimmt. Das Publikum, auf provisorischen Plastikstühlen sitzend, weil die eigentlichen Theatersessel nicht in den nun steiler ansteigenden Saal hineinpassten, kommentiert’s mit Lachen. Die Existenz auf der Bühne dann: dunkel, schäbig grüner Schick und: sich tadellos sich drehend.

Auf diesen Enthusiasmus folgt ein langatmiges eindreiviertelstündiges Spiel, das Sartres Thesen dokumentieren soll. Rebell Pierre (Till Wonka) und Eve (Nadja Stübiger), Ehefrau des Diktatorensekretärs, wurden ermordet. Die Toten bewegen sich, nun als Harlekins verkleidet, unsichtbar zwischen den Lebenden, sie sehen Verrat und Ungerechtigkeit.

Weil sie anders als die anderen Toten darunter leiden und weil sie eigentlich füreinander bestimmt waren, bekommen sie noch einmal eine Chance. Sie strengen sich an, doch Pierre wählt Politik statt der Liebe. Sie vertun die Chance, raten aber dem nächsten Paar, es trotzdem zu versuchen. Selbst wenn es schwer ist, man muss sich auflehnen gegen Gewalt und Korruption: Interessante Thesen zum Thema Willensfreiheit hat Baumgarten entwickelt und fleißig Sartres Theorie mit Gedanken zeitgenössischer Denker konfrontiert, doch die Schauspieler leiden unter Regieaufmerksamkeitsdefizit, ihnen bleibt kaum mehr zu tun als puppenlustig mit den Gliedern zu zucken.

So spielerisch interessant der Schiller, so gedanklich aktuell der Sartre – das Theaterwunder an diesem Wochenende besteht in Stuttgart vor allem in den guten Nerven des Ensembles und darin, dass trotz der vielen Renovierungspannen und nicht funktionierender neuer Bühnentechnik überhaupt gespielt werden konnte. Und dazu gab es heftigen Applaus.

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