Stuttgart in der Nacht Die dunklen Seiten von Benztown

Uwe Bogen, 25.10.2012 18:43 Uhr
Stuttgarter Mondscheingeschichten: Vom Leben im Schatten der Nacht erzählt das Buch „Die im Dunkel sieht man doch“ mit Texten von StN-Redakteurin Anja Wasserbäch. „Von wegen, nachts sind alle Katzen grau“, heißt es im Vorwort, „Stuttgart ist bunt.“

Stuttgart - Die Faszination der späten Stunde: Es gibt Eulen und Lerchen, Menschen, die ihre beste Zeit nachts haben, und solche, die am früheren Morgen ihre Glanzpunkte erleben. Nicht allein der Wecker bestimmt über Höhen und Tiefen. Tief verborgen in jedem Körper tickt eine innere Uhr. Wer sich nicht daran hält, arbeitet gegen den eigenen Körper. Und wie tickt Stuttgart?

Ist Dunkelheit für die Hauptstadt im schwäbischen Universum ein Schutz oder erst die Möglichkeit, sich zu entfalten?

„Stuttgart ist nicht New York“ – dieser Spruch, der fast zum Refrain der Arbeit an diesem Buch werden sollte, stand am Anfang in der Akademie der Bilden den Künste. Professor Hans-Georg Pospischil, Herausgeber des Bildbands, wollte seine Studenten damit warnen. Der Theiss-Verlag war mit der Idee auf ihn zugekommen, die Stadt an Neckar und Nesenbach in der Nacht künstlerisch auszuleuchten und zu ergründen – möglichst ohne Blitzlichter, also in der Atmosphäre des Augenblicks. Weil Stuttgart nicht New York sei, warnte der Professor, werde das Unterfangen nicht leicht.

Doch will Stuttgart überhaupt New York sein? Dies hat Pospischil nicht gefragt. Christoph Binder, 29, einer der vier Fotografen des Buchs und bis vor kurzem Student der Kunstakademie, weiß nach einjähriger Pirsch zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang: „In Stuttgart ist nachts mehr los, als viele meinen.“ In der Nacht seien die Menschen „entspannter“ und „lockerer“. Die Anspannung und Hektik des Tages fallen ab. Die Stadt fühlt sich frei.

Sie bauten nachts ein Studio auf dem Schlossplatz auf, fotografierten im Nachtleben Passanten vor dunklem Hintergrund

Ein Jahr lang haben Binder und Sven Weber, Marcel Diemer und Henning Kreitel an bekannten Orten wie dem Porsche-Museum oder dem Flughafen und an weniger bekannten Plätzen wie einer Polizeistation und einer Großbäckerei die Gesichter einer nächtlichen Großstadt eingefangen.

Sie bauten nachts ein Studio auf dem Schlossplatz auf, fotografierten im Nachtleben Passanten vor dunklem Hintergrund. Anja Wasserbäch, Redakteurin der Stuttgarter Nachrichten, schrieb stimmungsvoll die Texte dazu, die weiß auf schwarz gedruckt sind. Die Autoren verstehen ihr Buch nicht als Reiseführer, auch nicht als „bloßen Bildband“. Das Buch ist für sie der Versuch eines Porträts einer Stadt bei Nacht, ihrer besonderen Orte und unterschiedlichen Menschen. Gezeigt werden Motive, die es nur in Stuttgart gibt, etwa die liebevoll von Hand hergestellten Backwaren bei einem Biobäcker in Gablenberg oder wie sich Enten mitten in der Stadt und mitten in der Nacht auf Wanderschaft begeben. In den Feuerwehrfahrzeugen ist die Beleuchtung rot, damit sich die Augen nicht so sehr umgewöhnen müssen. Das Buch ist auch ein Zeitdokument der Subkultur. Man findet Orte darin, die es inzwischen nicht mehr gibt. „Wir waren beim letzten Konzert in der Röhre dabei“, sagt Binder. Die Auswahl aus einer Fülle an Motiven fiel nicht leicht. Einer der Nachtschwärmer meldete sich und zog seine Bereitschaft zurück, in dem Buch mitzuwirken. Er war Arm in Arm mit einer jungen Frau durch die Stadt gelaufen, mit der er sich nicht mehr sehen lassen will. Nachts gibt es immer Überraschungen, von einer Nacht auf die andere kann sich so viel ändern. Denn die im Dunkeln sieht man doch.

Das Buch „Die im Dunkeln sieht man doch“ erscheint am Freitag. Die Releaseparty dazu ist am Samstag, 20 Uhr, im Self Service Open Art Space (Eberhard­straße 6 A, Eingang über Eichstraße). Es werden einzelne Fotografien gezeigt.

Mehr zum Buch gibt es auch in Facebook: http://www.facebook.com/DieimDunkelnsiehtmandoch

 
 
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