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Stuttgart-Album So schön war der Leonhardsplatz einmal

Von Uwe Bogen 

Nach einem Platz sieht der Leonhardsplatz heute nicht mehr aus. Zwischen Rotlicht und Stadtautobahn verfällt die Bausubstanz – im Stuttgart-Album wird hitzig darüber diskutiert, ob das älteste Quartier der Stadt noch zu retten ist.

Stuttgart - „Erschreckend“ findet Frederik Stock, Kommentator im Facebook-Forum unseres Geschichtsprojekts Stuttgart-Album, wie der Leonhardsplatz heute im Vergleich zu den historischen Aufnahmen aussieht: „Statt vieler kleiner Häuser stehen da riesige Klötze – zwei davon sind himmelschreiend hässliche Parkhäuser.“

Damit die Autos schnell durch die Stadt kommen, ist das Quartier zwischen dem Kaufhaus Breuninger und der Leonhardskirche zerlegt worden – zerteilt und auseinandergerissen. Von einem Platz, der von Häusern umgrenzt wird, kann keine Rede mehr sein. Wer wissen will, wie dieses Viertel einst ausgesehen hat, sollte die Altstadt von Esslingen besuchen, schlägt eine weitere Kommentatorin vor. So schön könnte es heute in Stuttgart sein. Doch die Kriegsbomben haben verhindert, dass dieser Charme im Talkessel eine Chance bekam. „Die Wunden des Krieges sind unheilbar“, schreibt Fritz Walker auf unserer Facebook-Seite, worauf Frederik Stock erwidert: „Heilbar im Sinne von ersetzbar ist es nicht gewesen. Aber lindern hätte man es als damaliger Stadtplaner schon können, stattdessen hat man die Wunden sogar noch verschlimmert.“

Kann ein buntes Miteinander wie einst das Quartier retten?

„Rettet das Leonhardsviertel!“ Schon vor über 30 Jahren hingen Transparente mit Aufschriften wie dieser über den Altstadtgassen. Jetzt gibt es neue Versuche, den Niedergang zu stoppen. Kann ein buntes Miteinander wie einst das Quartier retten? Einst pflegten Handwerksbetriebe und Mostwirtschaften ein nachbarschaftliches Verhältnis zum Milieu. Hält die junge Szene den Zerfall auf? Ein langsam wachsendes Gewicht gegen das Elend der Prostituierten, gegen den Niedergang einer schützenswerten Architektur könnten die coolen Bars sein, die sich hier zum Sexgewerbe ansiedeln.

Erst nach dem Krieg ist das rote Licht im Leonhardsviertel aufgegangen. In den Ruinen rund um die Leonhardskirche hatte sich das, was man das älteste Gewerbe nennt, breitgemacht. Über Jahrzehnte schien es die Politik nicht sonderlich zu interessieren, wie das Viertel mit seiner historischen Bausubstanz heruntergewirtschaftet worden ist.

Während bis 2011 städtischer Streubesitz am liebsten verkauft wurde, will die Verwaltung in der Altstadt nun verstärkt als Käufer auftreten. Wohnungen und milieufremde Gaststätten sollen gefördert werden.

Der Verkehr – das lässt sich mit Gewissheit sagen – hat sich im Städtle verlagert. Vor 20 Jahren drehten Freier in ihren Autos ihre Runden auf der Leonhardstraße, wie ein weiteres Foto im Stuttgart-Album zeigt – heute müssen Fahrzeuge draußen bleiben. „Eine Institution“ in diesem Viertel war, wie Rainer Müller in unserem Forum schreibt, die Wirtin Annie Heinrich in der Gaststätte Schiller – auch noch im hohen Alter von 90. Außerdem erinnert er an das Kickers-Original „Kotlett“: „Auf dem Platz der Blauen in Degerloch hat er das Zuschauergeländer malträtiert und wild fuchtelnd Einfluss auf das Spielgeschehen nehmen wollen – so ganz nebenbei beherrschte er als Bassist und Geiger mit seinem Musikantentrio alle Feste in den Etablissements im Städtle.“

Illegale Bordelle sollen verschwinden

Etwa die Hälfte aller Häuser des Quartiers steht unter Denkmalschutz. „Das hört sich viel an“, schreibt Thomas Schorn, „ist es aber nicht.“ Während mit der Calwer Straße 1976 eine „Gesamtanlage“ unter Ensembleschutz gestellt wurde, von der nur die Fassaden erhalten blieben, ist im Leonhardsviertel die historische Bausubstanz meist vorhanden. „Solange die Elendsprostitution und illegale Bordelle hier zu Hause sind, wird sich nichts ändern“, meint Biggi Binder. „Weil die Stadt Schienengrundstücke vorm Hauptbahnhof für viele Millionen erwerben wollte, hat sie, um an Geld zu kommen, Grundstücke in der Altstadt verkauft und den Niedergang des Städtles mitverantwortet“, schreibt Katja Weiß.

Die Idylle der alten Aufnahmen wird nicht mehr zurückkehren. Und Stuttgart wird weiterhin Plätze haben, die gar keine sind.

Diskutieren Sie mit unter www.facebook.com/Album.Stuttgart. Im Silberburg-Verlag sind zwei Bücher zu unserer Serie „Stuttgart-Album“ erschienenl

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