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Stuttgart 21 „Was hier getrieben wird, ist eine Sauerei!“

Jürgen Lessat, vom 09.08.2010 09:27 Uhr
Friedlich, aber lautstark melden sich am Samstag die Gegner von S 21 zu Wort. Foto: Beytekin
Friedlich, aber lautstark melden sich am Samstag die Gegner von S 21 zu Wort. Foto: Beytekin

Stuttgart - Mehrere Tausend Menschen haben am Samstagabend in der Landeshauptstadt friedlich gegen Stuttgart 21 demonstriert. Redner forderten einen sofortigen Baustopp und eine Bürgerbefragung über das umstrittene Bahnprojekt, das für 4,1 Milliarden Euro den Bau eines unterirdischen Hauptbahnhofs vorsieht.

Hier sind die Fotos zur Großdemo

6000, 10.000, 12.000 Menschen - die Polizei musste im Lauf des Samstagabends die Zahlen über die Teilnehmer an der Demonstration und der Kundgebung gegen Stuttgart 21 laufend korrigieren. Bei einem aber blieb es: "Die Veranstaltung auf dem Kurt-Georg-Kiesinger-Platz verlief ohne nennenswerte Vorkommnisse." Matthias Kästner, einer der Parkschützer, kennt die Teilnehmerzahl nach eigenem Bekunden ganz genau: Er hat in einen Zählapparat investiert und exakt 16182 Menschen gezählt, die den Projektverantwortlichen von Bahn, Land und Stadt unter Leitung von Schauspieler Walter Sittler mit Trillerpfeifen und Trompeten den elften ohrenbetäubenden Schwabenstreich bliesen.

Nicht zu überhören war auch der Applaus, den die Menge entlang des inzwischen erhöhten Bauzauns vor dem abrissbedrohten Nordflügel allen Rednern spendete. Etwa dem als sozialdemokratischen Vordenker angekündigten Herrmann Scheer. "Was noch nicht richtig angefangen hat, kann auch nicht unumkehrbar sein", widersprach der SPD-Bundestagsabgeordnete aus dem Rems-Murr-Kreis eigenen Genossen. Die Unumkehrbarkeit des Bahnprojekts gehört für SPD-Landtagsvizepräsident Wolfgang Drexler und S-21-Projektsprecher zu den Hauptargumenten, die für den Baubeginn sprechen. Ansonsten entstünden Ausstiegskosten in Milliardenhöhe.

Angesichts des Bürgerprotests ist für Scheer die Zeit jetzt reif für eine Bürgerbefragung, die von den Genossen im Stuttgarter Gemeinderat bisher jedoch abgelehnt worden ist. "Die SPD sollte eigene Fehler zugeben", forderte er.

Hier sind die Fotos zur Großdemo

"Wir beraten die SPD gern, gemeinsam aus dem Projekt auszusteigen", sagte Werner Wölfle, der Grünen-Fraktionschef im Gemeinderat und verkehrspolitische Sprecher der Grünen im Landtag - und machte dem politischen Gegner Koalitionsavancen: Die Chancen bei der Landtagswahl im Frühjahr stünden gut, "die CDU von der Last des Regierens zu befreien". Dass eine rot-grüne Mehrheit ohne Projektsprecher Drexler auskomme, betonte er zudem: "Steigbügelhalter haben es noch nie zum Reiter gebracht."

In eine ungewohnte Rolle schlüpfte Theaterregisseur Volker Lösch, als er Stuttgarts OB parodierte. "Ich habe Albträume vom schlechten Gewissen, bitte nehmt mich in euer Aktionsbündnis auf", legte er Wolfgang Schuster in den Mund. Seinen Bürgerchor ließ Lösch den Aufruf verbreiten, wegen fragwürdigen Nutzens und verheimlichter Gutachten Strafanzeige gegen die Mitglieder des Lenkungskreises zu stellen. Nach Informationen dieser Zeitung lehnt die Stuttgarter Staatsanwaltschaft die Einleitung von Ermittlungsverfahren wegen Untreue und Betrugs gegen Ex-Ministerpräsident Günther Oettinger oder Bahn-Chef Rüdiger Grube als unbegründet ab. Die Anzeigenerstatter wollen dies jetzt mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde erzwingen.

Mehr als zwei Stunden lang bewegte sich im Anschluss der Kundgebung ein Demonstrationszug unüberhörbar vom Hauptbahnhof zum Rotebühlplatz, zum Rathaus, zum Charlottenplatz und wieder zurück zum Arnulf-Klett-Platz. Die Passanten waren beeindruckt von dem fast zwei Kilometer langen Lindwurm. "Wahnsinn, der hört ja gar nicht mehr auf", fand Anja Kunze aus Esslingen. "Ich finde es toll, dass so viele Menschen für den Erhalt des Kopfbahnhofs auf die Straße gehen", lobte Monika Schillmöller aus Riedenberg. Der Polizeibericht vermeldete am Ende kurzzeitige Blockaden am Charlottenplatz und in der Schillerstraße.

Kommentare (65)
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AUG
10
20:40 Uhr, geschrieben von MiMa
Was sollen die Politiker ändern?
Lass doch die Parteien aus dem Spiel.Das die nichts gescheites auf die Reihe bringen sieht man doch sehr gut in Deutschland.Es passiert doch nicht wirklich was.Die sind jetzt da stürzen sich in die Menge zeigen sich Solidarisch und hoffen drauff das sie bei der nächsten Wahl wieder gewählt werden.Die haben des doch vor Jahren eingebrockt mit S21 anstatt damals gleich ein Veto ein zu legen.
AUG
10
13:07 Uhr, geschrieben von Anonymer Benutzer
Eine Zeitung eine Meinung?
Lieber Herr Daniel W. (CDU-, SPD-, oder FDP-Wähler?), sie schmücken Ihre "Ausführungen" mit dem Link einer Zeitung und scheinen sich Ihre Meinung daraus gebildet zu haben. Schön, Sie lesen zumindest eine Zeitung. Lesen Sie doch auch mal eine andere, denn Meinungsbildung sollte nie nur auf einem Artikel beruhen: http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/das-waeren-die-alternativen/ Weiterhin würde ich mir, nach dem durchlesen der Kommentare, etwas mehr Sachlichkeit, vor allem von den S21-Befürwortern, wünschen, die zu einem nicht unerheblichen Teil aus abgedroschenen Phrasen bestehen (dies soll keine Verallgemeinerung der S21-Befürworter sein!). Wer nur im Auto sitzt und sich über das aufregt, was auf den Straßen passiert (Blockade durch Demonstranten), ohne sich zu informieren, der kann nicht wissen, das auf den Demonstrationen auch Wähler der CDU, der SPD und der FDP sind, die sich Ihre eigene Meinung gebildet haben und nicht nur die Reklamesprüche von S21 in Foren nachplappern. Nach dem lesen der Argumente BEIDER Seiten bleibt nur ein Schluß: OBEN BLEIBEN.
AUG
10
12:18 Uhr, geschrieben von Ulrich Dürr
@ Anonym 9:59
Lieber Anonymus (9:59 Uhr), ich würde Sie ja gern etwas persönlicher ansprechen, aber…. Ihre Sorge, sich nicht mehr auf die Straße trauen zu können ist völlig unbegründet. Auf der Demo am Samstag zeigte ein S21-Befürworter Flagge mit einem Plakat PRO_ST und ging völlig unbehelligt durch den Demonstrationszug. Er wurde noch nicht einmal (zu seinem bedauern?) angesprochen. Ich teile nicht seine Meinung, er hat aber meinen Respekt. a) weil er für seine Meinung eintritt. b) weil er seinen Hintern hoch bekommt. Sie weisen in Ihrem Text auf die Potenziale hin, vermeiden es aber diese zu benennen. Meinen Sie das Potenzial des Tiefbahnhofs, dem renommierte Gutachter genau dieses absprechen und auf die viel zu eng geplante Kapazität hinweisen? Oder meinen sie das städtebauliche Potenzial auf den freiwerdenden Gleisflächen? Der Demonstrationszug über die Friedrichstraße wat eine gute Gelegenheit langsam und aus einem anderen Blickwinkel (dem aus der Straßenmitte) die Bebauung zu betrachten. Diese kostenoptimierte Bauklötzchenarchitektur ist einer Stadt, die die landschaftliche Schönheit im Untertitel führt (Hauptstadt zwischen Wald und Reben) unwürdig. Was hat dies nun mit den projektierten Rosenstein- und Europaviertel zu tun? Dort wird kaum jemand wohnen, denn 80% der bebauten Flächen sollen gewerblich genutzt werden und die Investoren schauen sehr genau auf die Rendite. Bei den im freien Fall befindlichen Mietpreisen für Büros (5-6 €/qm normale und ab 11 €/qm gehobene Ausstattung) in Stuttgart, können sie sich leicht ausrechnen, was dort gebaut wird. Übrigens, der ehemalige Güterbahnhof hinter der LBBW ist seit über 15 Jahren Brachland. Es werden also gigantische Leestandspotenziale geschaffen. Da dieses Projekt politisch ist, muss die freiwerdende Fläche bebaut werden. Dreimal dürfen Sie raten, wie sich die Investoren absichern werden. Entweder die LBBW und andere Landesbanken übernehmen das volle Risiko und/oder diese (Risiken) werden durch CDO oder ähnliche Papiere weit gestreut. Sie erinnern sich richtig, dass sind genau diese toxischen Papiere, denen wir die aktuelle Weltwirtschaftskrise zu verdanken haben. Als aufmerksamer Leser von Zeitungen mit wirtschaftlicher Kompetenz wissen Sie, dass zur Zeit mit dem Platzen der Gewerbeimmobilien-Blase in den USA und China (die Fachleute streiten noch darüber, wird zuerst fällt) gerechnet wird. Wir können also bereits jetzt für die anstehende Bankenrettung 2.0 mit dem Sparen beginnen. Wenn Sie Ihre Stadt lieben, gehen Sie einmal mit offenen Augen durch (es muss ja nicht in einem Demonstrationszug sein) und vergleichen Sie Planung (schöne Bildchen) mit der Realität (tatsächliche Umsetzung) sowie die Kosten (Planung und Realität) und bilden sich dann eine Meinung. Ich bitte Sie nur, den Projekt-Verantwortlichen nicht blind zu glauben – dafür haben die einfach zu oft gelogen. Ihr Ulrich Dürr
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