Stuttgart 21 „Was hier getrieben wird, ist eine Sauerei!“

Von Jürgen Lessat 

Friedlich, aber lautstark melden sich am Samstag die Gegner von S 21 zu Wort. Foto: Beytekin
Friedlich, aber lautstark melden sich am Samstag die Gegner von S 21 zu Wort.Foto: Beytekin

Lautstark haben mehrere tausend Menschen gegen das Milliardenprojekt protestiert.

Stuttgart - Mehrere Tausend Menschen haben am Samstagabend in der Landeshauptstadt friedlich gegen Stuttgart 21 demonstriert. Redner forderten einen sofortigen Baustopp und eine Bürgerbefragung über das umstrittene Bahnprojekt, das für 4,1 Milliarden Euro den Bau eines unterirdischen Hauptbahnhofs vorsieht.

Hier sind die Fotos zur Großdemo

6000, 10.000, 12.000 Menschen - die Polizei musste im Lauf des Samstagabends die Zahlen über die Teilnehmer an der Demonstration und der Kundgebung gegen Stuttgart 21 laufend korrigieren. Bei einem aber blieb es: "Die Veranstaltung auf dem Kurt-Georg-Kiesinger-Platz verlief ohne nennenswerte Vorkommnisse." Matthias Kästner, einer der Parkschützer, kennt die Teilnehmerzahl nach eigenem Bekunden ganz genau: Er hat in einen Zählapparat investiert und exakt 16182 Menschen gezählt, die den Projektverantwortlichen von Bahn, Land und Stadt unter Leitung von Schauspieler Walter Sittler mit Trillerpfeifen und Trompeten den elften ohrenbetäubenden Schwabenstreich bliesen.

Nicht zu überhören war auch der Applaus, den die Menge entlang des inzwischen erhöhten Bauzauns vor dem abrissbedrohten Nordflügel allen Rednern spendete. Etwa dem als sozialdemokratischen Vordenker angekündigten Herrmann Scheer. "Was noch nicht richtig angefangen hat, kann auch nicht unumkehrbar sein", widersprach der SPD-Bundestagsabgeordnete aus dem Rems-Murr-Kreis eigenen Genossen. Die Unumkehrbarkeit des Bahnprojekts gehört für SPD-Landtagsvizepräsident Wolfgang Drexler und S-21-Projektsprecher zu den Hauptargumenten, die für den Baubeginn sprechen. Ansonsten entstünden Ausstiegskosten in Milliardenhöhe.

Angesichts des Bürgerprotests ist für Scheer die Zeit jetzt reif für eine Bürgerbefragung, die von den Genossen im Stuttgarter Gemeinderat bisher jedoch abgelehnt worden ist. "Die SPD sollte eigene Fehler zugeben", forderte er.

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"Wir beraten die SPD gern, gemeinsam aus dem Projekt auszusteigen", sagte Werner Wölfle, der Grünen-Fraktionschef im Gemeinderat und verkehrspolitische Sprecher der Grünen im Landtag - und machte dem politischen Gegner Koalitionsavancen: Die Chancen bei der Landtagswahl im Frühjahr stünden gut, "die CDU von der Last des Regierens zu befreien". Dass eine rot-grüne Mehrheit ohne Projektsprecher Drexler auskomme, betonte er zudem: "Steigbügelhalter haben es noch nie zum Reiter gebracht."

In eine ungewohnte Rolle schlüpfte Theaterregisseur Volker Lösch, als er Stuttgarts OB parodierte. "Ich habe Albträume vom schlechten Gewissen, bitte nehmt mich in euer Aktionsbündnis auf", legte er Wolfgang Schuster in den Mund. Seinen Bürgerchor ließ Lösch den Aufruf verbreiten, wegen fragwürdigen Nutzens und verheimlichter Gutachten Strafanzeige gegen die Mitglieder des Lenkungskreises zu stellen. Nach Informationen dieser Zeitung lehnt die Stuttgarter Staatsanwaltschaft die Einleitung von Ermittlungsverfahren wegen Untreue und Betrugs gegen Ex-Ministerpräsident Günther Oettinger oder Bahn-Chef Rüdiger Grube als unbegründet ab. Die Anzeigenerstatter wollen dies jetzt mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde erzwingen.

Mehr als zwei Stunden lang bewegte sich im Anschluss der Kundgebung ein Demonstrationszug unüberhörbar vom Hauptbahnhof zum Rotebühlplatz, zum Rathaus, zum Charlottenplatz und wieder zurück zum Arnulf-Klett-Platz. Die Passanten waren beeindruckt von dem fast zwei Kilometer langen Lindwurm. "Wahnsinn, der hört ja gar nicht mehr auf", fand Anja Kunze aus Esslingen. "Ich finde es toll, dass so viele Menschen für den Erhalt des Kopfbahnhofs auf die Straße gehen", lobte Monika Schillmöller aus Riedenberg. Der Polizeibericht vermeldete am Ende kurzzeitige Blockaden am Charlottenplatz und in der Schillerstraße.

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