Stuttgart 21 Stadt will bei Montagsdemo Reißleine ziehen

Von Michael Deufel 

Demonstrationen am Hauptbahnhof sind vielleicht bald Geschichte Foto: Max Kovalenko
Demonstrationen am Hauptbahnhof sind vielleicht bald GeschichteFoto: Max Kovalenko

Die 200. montägliche Demonstration gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 ist womöglich die letzte vor dem Hauptbahnhof. Die Behinderungen im Auto- und Nahverkehr sowie für Geschäftstreibende gefährden laut Bürgermeister Martin Schairer die öffentliche Ordnung und Sicherheit in der City.

Stuttgart - Transparente, Fahnen, Schals, Anstecker, und immer wieder das Grün der Taschen und Mützen, das über die Jahre einem Symbol gleich zur Farbe des Protests geworden ist – am Montag werden die Gegner wieder vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof gegen Stuttgart 21 demonstrieren, gegen Politiker, Bahn-Manager und Planer, gegen all jene, die das aus Sicht der Protestbewegung stadtzerstörerische Milliardenprojekt zu verantworten haben. Sie werden Reden halten und gegen die verhasste unterirdische Durchgangsstation die bekannten „Oben bleiben“-Rufe skandieren. Vieles wird wie immer sein, auch der Verkehrskollaps rund um den Hauptbahnhof wird sich wieder einstellen.

Dennoch wird die Demonstration am nächsten Montag aus zwei Gründen keine Montagsdemonstration wie jede andere: Es ist erstens nach rund vier Jahren die 200. Auflage, weshalb zu diesem Jubiläum wohl mehr Menschen kommen werden als normalerweise. „Wir erwarten etwa 5000 Teilnehmer“, sagt Matthias von Herrmann, Sprecher der selbst ernannten Parkschützer, die die wöchentlichen Kundgebungen mitveranstalten.

Außerdem könnte es – und das wird Gegner, Befürworter und Unentschiedene mehr umtreiben – die letzte am gewohnten Ort sein. Die Stadtverwaltung wird den Veranstaltern für alle weiteren Kundgebung nach diesem Montag einen anderen Ort zuweisen. „Wir tasten das Demonstrationsrecht nicht an, halten aber die Auswirkungen der Montagsdemonstrationen der Stuttgarter Bevölkerung gegenüber für nicht mehr zumutbar“, begründet Ordnungsbürgermeister Martin Schairer gegenüber unserer Zeitung diesen Schritt. Bei Abwägung aller Umstände und Argumente müsse man zu dem Schluss kommen, dass die öffentliche Ordnung und Sicherheit nicht mehr gewährleistet sei. Geschäftstreibende klagten über Umsatzeinbußen, die Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) seien „nicht mehr in der Lage, ihren Auftrag zur Personenbeförderung zu erfüllen“. Im Busverkehr summierten sich die Verspätungen auf durchschnittlich 20 Minuten, bestätigt SSB-Sprecherin Birte Scharper. Folge: Manche Haltestellen können nicht mehr angefahren werden.

An den S-21-Demonstrationen, die seit Herbst 2009 mit wenigen Ausnahmen jeden Montag stattfinden, scheiden sich die Geister. Sie sind Teil des städtischen Lebens und – je nach Sichtweise – zwingend notwendig oder verzichtbar. Der künftige Kurs der Stadt bedeutet eine Zäsur in der Geschichte des Protests, der viele Protagonisten hat.

Lesen Sie jetzt