Stuttgart 21 Riesenbohrer hat fünf Monate, um Kurve zu kriegen

Von Konstantin Schwarz 

Unter dem Wagenburgtunnel wird der Berg für die Ankunft der S-21-Tunnelbohrmaschine vorbereitet. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Unter dem Wagenburgtunnel wird der Berg für die Ankunft der S-21-Tunnelbohrmaschine vorbereitet. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Die Bohrmaschine für den Fildertunnel wird im Sommer 2018 unter der Gerokstraße um 180 Grad gedreht werden. Das ist auch für erfahrene Mineure ein absolutes Novum.

Stuttgart - Die Sichtweite ist bescheiden, die Grobstaubbelastung rund 70 Meter unter Hausnummer 4 der Gerokstraße dagegen hoch. Hier haben die Mineure Röhren in den anhydrithaltigen Berg gesprengt, um der vom Filderportal an der A 8 kommenden Tunnelbohrmaschine im Sommer 2018 einen besonderen Empfang zu bereiten.

Suse, so heißt das stählerne 2000-Tonnen-Ungetüm (der Name steht für „Stuttgart-Ulm schnell erreicht“), wird hier vor ihrer rund 3630 Meter langen Schlussfahrt erneut einen Zwischenstopp einlegen. Sie wird durch eine Kaverne gezogen, um 180 Grad gedreht, und für die Bergauffahrt in dem inzwischen hergestellten Tunnelstummel ausgerichtet. Dann geht es mit einer Antriebsleistung von 4200 Kilowatt zurück Richtung Filderebene. Insgesamt ist die Maschine hinter dem Schneidrad, das 10,87 Meter Durchmesser hat, 120 Meter lang. Die so genannten Nachläufer bilden eine Art kleine Fabrik, die die Felsbrocken auf einem Förderband automatisch abtransportiert und Fertigbetonteile (Tübbinge) heranschafft, aus denen die Tunnelschale montiert wird. Bevor Suse wieder Gas geben kann, um die 155 Meter Höhendifferenz zwischen Talkessel und A 8 zu überwinden, muss das Wendemanöver gelingen.

Für Osthoff ist die Wende eine Premiere

„Ich hatte noch keinen Fall, wo so etwas gemacht worden ist“, sagt Abschnittsleiter Günter Osthoff beim Pressetermin. Osthoff ist 35 Jahre im Geschäft, ein erfahrener Mann – und mit Stuttgart 21 manches Fährnis gewöhnt. Er ist zuversichtlich. Die Maschine koste zwischen 16 und 20 Millionen Euro. Durch die Wende und die Bergauffahrt komme man mit einem Bohrer aus. Beim Albaufstiegstunnel hat die Bahn, weil die Zeit knapp wird, gleichzeitig zwei im Einsatz.

Zwölf Meter hoch und 13 Meter breit ist die Wendekaverne, das Verbindungsstück zwischen den beiden Röhren. Die Tunnel haben einen Achsabstand von rund 30 Metern, sagt der für den Bau zuständige Thomas Berner. Das Bohrschild, das nicht einfach demontiert werden kann, ist zwölf Meter lang. Es wird auf Luftkissen durch die Kaverne bugsiert werden. Viel Luft zum Manövrieren ist nicht, aus dem Berg gebrochen wurde nur, was wirklich nötig ist. „Die Wende wird vier bis fünf Monate dauern“, sagt Berner, anschließend soll der Bohrer 20 Meter pro Tag schaffen. Alle 24 Stunden fallen damit 5000 Tonnen Ausbruch an. Den bringe man mit dem Förderband hinter dem Schneidrad erst bergab, dann durch die Kaverne um die Kurve und mit dem Band die 9468 Meter hoch bis zum Fidlerportal. „Es wäre sehr belastend, wenn die 5000 Tonnen täglich zur Stadtmitte rausgehen“, so Osthoff. Das sahen die Pläne der Bahn zunächst vor, dazu steht im Schlossgarten ein kurzes Förderband samt Umladestation. Nun ist die Abfuhr geändert.

Vor Ende 2023 wird Stuttgart 21 nicht fertig

Anfang November soll Suse, die aktuell im Untergrund vor dem Sportpark Waldau steht, mit Zielrichtung Innenstadt starten. Den genauen Tag wolle er nicht nennen, sagt Osfthoff, „es kann ja immer viel passieren“. Suse war bisher auf zwei Teilabschnitten im Einsatz. Im November 2014 hatte die Bahn den von der Firma Herrenknecht konzipierten Bohrer an der A 8 beim Gewerbegebiet Fasanenhof in Position gebracht. Ein Jahr später waren die ersten 4035 Meter aus dem Berg gefräst, dann wurde das Technikwunder zerlegt und zum Startpunkt zurücktransportiert. Von Juni 2016 bis Juli 2017 folgte die Parallelröhre bis kurz vor Degerloch. Dort wird ein 1150 Meter langes Zwischenstück konventionell, das heißt durch Sprengungen, Spritzbeton und eine vor Ort betonierte Innenschale, hergestellt, weil hier in einer geologischen Übergangszone mit Wasser gerechnet werden muss. Die Tunnelwände sind nicht wie bei den Tübbingen 60 Zentimeter, sondern einen Meter dick, um Druck abzuwehren. So habe es das Büro Wittke Ingenieure berechnet. Suse wurde durch das konventionell gefertigte Stück geschoben und ist abfahrbereit. Auf ihrem Weg retour wird sie den Fernsehturm queren.

Ende 2019 solle der Rohbau für den Fildertunnel abgeschlossen sein. Blieben bis zum eigentlichen S-21-Fertigstellungstermin Ende 2021 (der allerdings längst bei 2023 liegt), zwei Jahre für Technikeinbauten und Probebetrieb. Das scheint knapp. Man liege hier nicht im zeitkritischen Bereich, sagt Projektsprecher Jörg Hamann. „Wir machen nur das Loch“, sagt Osthoff.

Lesen Sie jetzt