Stuttgart 21 Kefer: „Wir haben das an Kosten dargestellt, was wir wussten“

Michael Isenberg, 23.01.2013 07:00 Uhr

Stuttgart – Zwei Tage lang hat Bahn-Vorstand Volker Kefer in Stuttgart versucht, den Projektpartnern und der Politik zu erklären, warum Stuttgart 21 teurer wird. Nach den internen Gesprächen äußerte sich der Manager im Interview.

Herr Kefer, am 12. Dezember 2012 haben Sie Ihrem Aufsichtsrat vorgeschlagen, wegen neuer Kosten und Kostenrisiken den Finanzierungsrahmen von Stuttgart 21 von 4,5 Milliarden Euro um 1,1 Milliarden Euro anzuheben. Wann haben Sie, Herr Kefer, erstmals gewusst, dass das Projekt derart teurer wird?
Nach den ersten Vergaben im Januar 2012 hatten wir erste, konkrete Anhaltspunkte für Budgetüberschreitungen. Dann haben wir gehandelt, indem wir ein sogenanntes Sechs-Punkte-Programm zur Kostenkontrolle entwickelt, ausgeschrieben und im April 2012 gestartet haben. Die Überprüfung der Kosten in solch einem komplexen Projekt hat dann – trotz eines Teams von rund 40 Leuten – bis Ende November 2012 gedauert. Erst dann waren wir soweit, dass ein stabiler Projektstatus berichtet werden konnte. Das haben wir dann auch unverzüglich getan.

Stuttgart 21 wird seit über 15 Jahren geplant. Außerdem gibt seit einigen Jahren eine intensive, kritische Debatte um das Projekt. Vor diesem Hintegrund: Hätten Sie eine derartige Kostenexplosion noch für möglich gehalten?
Gerade eine lange Vorlaufzeit bringt es mit sich, dass sich Projektparameter ändern. Und es liegt in der Natur der Sache, dass sich auch die Kosten mit einer vertieften Planung – und damit relativ spät im Projektverlauf – konkretisieren. Das ist aber kein Alleinstellungsmerkmal von Stuttgart 21. Wir haben jedenfalls zu jedem Zeitpunkt das an Kosten dargestellt, was wir wussten. Schon bei der Schlichtung Ende 2010 haben externe Wirtschaftsprüfer die damals auf dem Tisch liegenden Kosten auf Basis der damals vorliegenden Planungsdaten als plausibel und nachvollziehbar attestiert.

Ist das Projekt Stuttgart 21 für die Bahn eine Nummer zu groß, zu komplex?
Die Deutsche Bahn investiert jährlich mehrere Milliarden Euro in die Schieneninfrastruktur, darunter ist auch beispielsweise die Großbaumaßnahme zwischen Berlin und München mit einem Investitionsvolumen von zehn Milliarden Euro. Das Besondere an S 21 ist, dass wir hier ein politisches Umfeld wie bei kaum einem anderen Großprojekt haben. Das macht die Sache nicht leichter. Deswegen reklamieren wir von unseren Partnern bei der Realisierung von S 21, mit uns an einem Strang zu ziehen – in dieselbe Richtung, wohlgemerkt.

Haben Sie die äußeren Widerstände und Widrigkeiten in Stuttgart unterschätzt?
Nein. Ich habe früh den Aufsichtsrat der Bahn und alle an dem Projekt Beteiligten vor den Risiken gewarnt. Wir richten aber den Blick nach vorn: Schließlich schlagen wir ja vor, die Kalkulationsrisiken von 1,1 Milliarden Euro selbst zu übernehmen. Wir haben das dem Aufsichtsrat bewusst vorgeschlagen, um das Projekt vorwärts zu bringen. Bei den darüber hinaus möglichen Zusatzrisiken von 1,2 Milliarden Euro gibt es Chancen, gemeinsam mit den Projektpartnern diese Risiken abzuwenden oder deutlich zu minimieren.

 
 
Lokale Favoriten - stuttgarter-nachrichten.de
Kommentare (204)
  • Kommentare anzeigen
  • Kommentar schreiben
Anzeigen
FEB
04
M. Stocker, 21:47 Uhr

@Volkmar

Die Lage der DB AG muss schon ganz schön verzweifelt sein. Bisher, zumindest bis zum 27. 11. 2011, 18:01 Uhr, galt als unumstößliches Gesetz: 1.5 Mrd (des Steuerzahlers, als Schadensersatzansprüche der Bahn zu bezahlen) für nichts oder Beibehalt des Landesanteils. Jetzt siehts aber plötzlich sehr finster aus, für diese dreiste Lüge. Also doch keine 1.5 Mrd für nichts für den Steuerzahler, sondern ausschließlich für die Bahn. Alleine für die dreiste Austiegskosten-Lüge und die 'S21-ist-ausreichend-finanziert'-Propagandalüge kann man die Bahn, vor allem aber ihre gesammelten Nieten in Nadelstreifen ruhig finanziell über die Klinge springen lassen. Das ist doch wunderbar! Wenn die Bahn die Ausstiegskosten komplett übernehmen muss: ein genialer Schachzug der Grünen! So werden nämlich die Ausstiegskosten auf ein paar dutzend bis hundert Millionen zusammenschnurren. Das nennt man 'Bündelung der Verantwortlichkeiten', 'Optimierung der Abläufe', oder auch 'Einsparpotentiale nutzen'. Zum ersten Male hätten diese Floskeln keinen Propagandalügen-Beigeschmack. Denn wenns um die Boni geht, kommen unsere Herrschaften vom Vorstand der DB AG schon auf die Hufe. Sollte es jetzt einem der ganz schlauen Proler einfallen, dass die DB diese Ausstiegskosten ebenfalls aus Steuergeldern und Fahrkartenerlösen bezahlen wird: vollkommen richtig! Gut erkannt! Das gilt übrigens auch für die 1,1 Milliarden, die die DB AG aufgrund eigener eingestandener Fehlplanungen übernehmen will. Viel Vergnügen beim Auflösen der Widersprüche ;-)

FEB
01
C. Wenzel, 09:57 Uhr

best geplant und -finanziert

@ Geschädigter, in unserer Gesetzgebung sind hohe Hürden vorgesehen bei 'negativer Kenntnis'. Die Betrogenen müssen nachweisen, was der Ahnungslose wissen konnte. Entsprechend formuliert Herr Kefer. Aber auch der normale Bürger sollte seine Lektion lernen. Wie dumm ist doch der Anständige, möchte man ausrufen. Er wird im Himmel belohnt, aber doch nicht hier auf Erden. Nur wer seinen Vorteil sucht, ist im Recht. Wer es nur irgendwie mit seinem Gewissen vereinbaren kann, muss seine Mitmenschen leimen. Sonst bleibt er auf der Strecke. Auch Kindern muss man schon beibringen, dass sich Ehrlichkeit nicht lohnt.

FEB
01
Volkmar, 00:31 Uhr

Im Gegenteil - Haftungsfragen verbieten Ausstieg

Schizophren, die Grünen. Sie drohen Kefer mit Haftungsklagen wegen Veruntreuung oder Schädigung des Unternehmens Deutsche Bahn, sollte die Bahn weiterbauen. Doch das Gegenteil ist der Fall: Ausstieg heißt, dass das ganze Ausstiegs-Kostenrisiko die Bahn alleine trägt und Zuschüsse für Alternativen von noch keinem zugesagt sind! Weiterbauen heißt immer noch Sprechklausel, d.h. eine Chance auf teilweise Kostenübernahme durch Stadt und Land, wie die Region schon zugesagt hat. Mehrheiten zeichnen sich längst ab, z.B. für Verbesserungen auf den Fildern. Schizophren ist, dass die Grünen sich weigern, sich an den ggf. hohen Ausstiegskosten zu beteiligen, so wenig trauen sie auch ihren eigenen Zahlen. Aussteigen könnte ja viel zu teuer werden. Und sie weigern sich, ggf. Zuschüsse für Alternativen zuzusagen, so wenig trauen sie auch hier den eigenen Zahlen. Alternativen könnten ja zu teuer werden. Entweder wollen die Grünen den Ausstieg, dann sollten sie einen Kostenausgleich vorschlagen, wenn der Ausstieg zu teuer wird, oder eine Kostenbeteiligung vorschlagen, wenn die Alternativen zu teuer werden. Wenn sie das nicht tun, hat ein Ausstieg keinerlei Chance und bleibt grün-linke Phantasie.

Kommentar-Seite 1  von  68
  1. (Logout)
  2. Die Redaktion veröffentlicht ausgewählte Kommentare auch in der gedruckten Ausgabe der Stuttgarter Nachrichten. Voraussetzung ist, dass der Beitrag mit Namen, Postanschrift und E-Mail (Adressen werden nicht veröffentlicht) vorliegt.
Melden Sie sich jetzt an!
Um Artikel kommentieren zu können, ist eine Registrierung erforderlich.

Sie müssen dabei Ihren Namen sowie eine gültige E-Mail-Adresse (wird nicht veröffentlicht) angeben.

Bei Abgabe Ihrer Kommentare wird Ihr Name angezeigt. Alternativ können Sie sich mit Ihrem Facebook-Account anmelden.