Stuttgart 21: Fildertunnel Vier Kilometer in acht Monaten

Von Konstantin Schwarz 

Bereits 86 Meter hat sich die Riesenbohrer Suse in den Berg gegraben. Nach einem kurzen Winterschlaf soll es dieser Tage weitergehen Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Bereits 86 Meter hat sich die Riesenbohrer "Suse" in den Berg gegraben. Nach einem kurzen Winterschlaf soll es dieser Tage weitergehenFoto: Lichtgut/Max Kovalenko

Am 10. Juli hat die Bahn AG die Bohrmaschine für den Fildertunnel getauft. Am 5. Dezember 2014 hat sich der Riesenbohrer in Bewegung gesetzt und bisher 86 Meter gegraben. Im August 2015 sollen es schon 4000 sein.

Stuttgart - Kein Rütteln, kein Staub, kein infernalischer Lärm: Am Beginn des neuen Jahres ruht die grell beleuchtete Stuttgart-21-Baustelle an der Autobahn Nummer  8. Kurz vor dem Gewerbegebiet Fasanenhof hat sich ein Riesenwurm aus Stahl 86 Meter in den Untergrund gegraben. Jetzt schläft er. Experten der Herstellerfirma Herrenknecht verpassen dem 2000 Tonnen schweren Koloss mit dem Schweißgerät ein paar Streicheleinheiten, während draußen auf der Baustelle Ablaufrinnen betoniert und im Gewerbegebiet Messpunkte gesetzt werden.

„Wir sind noch viel am Justieren“, sagt Robert Pechhacker. Der 37-Jährige ist Bauleiter der Arbeitsgemeinschaft Atcost 21, in der sich die Firmen Porr, Hinteregger, Ostu Stettin und Swietelsky zusammengetan haben. Anfang Januar will Pechhacker die nun im Untergrund vor der Stadtbahn-Endhaltestelle in der Schelmenwasenstraße stehende Maschine auf Touren bringen. Dann soll es zügig vorangehen. Um bis August vier Kilometer geschafft zu haben, sind 15 bis 20 Meter am Tag nötig.

Geduld ist eine der Tugenden des Niederösterreichers. „Wir haben das Projekt schon vor fünf Jahren annonciert und ein Jahr lang verhandelt, doch dann ging es zwei Jahre lang nicht vorwärts“, sagt Pechhacker. Jedes Wochenende spult er 560 Kilometer bis zur Heimat Lunz ab. Das Projekt Stuttgart 21 „kennt zwar jeder, egal wo“, aber nach dem Stillstand die richtigen Leute zu reaktivieren sei eine große Aufgabe gewesen, denn der Markt an passenden Arbeitskräften sei klein, schließlich ist Mineur kein Ausbildungsberuf. Die Mitarbeiter im Berg sind Schlosser, Mechaniker, einer der Schildfahrer, der auf der 120 Meter langen Maschine ganz vorn sitzt und über 5700 Pferdestärken gebietet, war Fliesenleger.

„Im Tunnelbau braucht es keine jungen, tollwütigen Arbeiter, die Maschine hat schließlich einen irrsinnigen Wert“, so Pechhacker. 20 Millionen Euro steckten da im Berg, und die werden bis zum letzten der insgesamt 18 936 Meter gebraucht. Die Mannschaft sollte sich also blind verstehen. Zu den absoluten Spezialisten zählen die Schildfahrer. Im Bedienstand sind acht Monitore zu überwachen, der Abbauprozess muss kontrolliert werden. Die Schäl- und Schneidräder mahlen durch die Drehung des kompletten Bohrschilds jedes Gestein klein. „Schildfahrer sind rar“, sagt Pechhacker, „die Nachfrage macht den Preis.“ Wo der liegt? „4000 bis 5000 im Monat, netto“, gibt der Ingenieur, der an der TU Wien studierte, einen Rahmen an.

Pechhacker, der für die Bahn schon den Finnetunnel auf der Strecke Erfurt–Halle/Leipzig gegraben und insgesamt 43 Kilometer unter Tage auf dem Buckel hat, fand seine Mannschaft. In zwei Schichten zu zehn Stunden sind je acht Leute in der Röhre, sechs davon auf der Maschine. Der Tunnelbauleiter ist 57, ein Elektriker 22 Jahre alt. Draußen werden die Beton-Fertigelemente für die Tunnelwand (Tübbinge, je sieben mit 45 bis 60 Zentimeter Wandstärke geben einen Ring von zwei Meter Länge) zu- und gigantische Mengen Gestein abgefahren. Rund 70 Leute sind insgesamt auf der Baustelle, die auch eine große Werkstatt und ein kleines Betonwerk umfasst.

Zwei der Spezialisten hat Herrenknecht abgestellt. „Planung, Montage, Bauvorbereitung und jetzt das Graben, das ist meine erste Großbaustelle hier“, sagt Simon Kalmbach. Der 28-jährige Projektingenieur hat Mechatroniker gelernt und ist mit Herrenknecht herumgekommen: Holland, Italien, São Paulo, Venezuela. Wenn die Maschine, die auf Vorschlag eines Lesers unserer Zeitung Suse heißt („Stuttgart und Ulm schnell erreicht“) zicken sollte, muss Kalmbach sofort zur Stelle sein.

Mögliche Probleme unter Tage beschäftigen Pechhacker sehr viel weniger als die Enge der Baustelle. Die Tübbing-Stapel und der Ausbruch brauchen Platz. Vier Millionen Tonnen Gestein müssen abgefahren werden, in Spitzenzeiten soll alle 90 Sekunden ein Lastwagen anrollen. Eine direkte Abfahrt von der A 8 wäre hilfreich. „aber die ist wohl genauso wie die Zufahrt gestorben“, orakelt Pechhacker. Wenigstens eine Wendeschleife für Lkw soll nun her.

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