Stuttgart 21 „Die Bahn strebt riskante Lösungen an“

Von Konstantin Schwarz 

Fordert von der Bahn verbesserte Pläne für den Schienenverkehr auf den Fildern: OB Roland Klenk Foto: Max Kovalenko
Fordert von der Bahn verbesserte Pläne für den Schienenverkehr auf den Fildern: OB Roland KlenkFoto: Max Kovalenko

Von diesem Montag an läuft im Kongresszentrum der Landesmesse die Erörterung der Bahn-Pläne und der Einwände zum Flughafenanschluss beim Projekt Stuttgart 21. Roland Klenk, OB von Leinfelden-Echterdingen, hält die Pläne für untauglich. Er streitet für die Variante „Filderbahnhof Plus“.

Von diesem Montag an läuft im Kongresszentrum der Landesmesse die Erörterung der Bahn-Pläne und der Einwände zum Flughafenanschluss beim Projekt Stuttgart 21. Roland Klenk, OB von Leinfelden-Echterdingen, hält die Pläne für untauglich. Er streitet für die Variante „Filderbahnhof Plus“.
 
Stuttgart - Herr Klenk, Leinfelden-Echterdingen bekommt mit Stuttgart 21 am Flughafen einen Fern- und Regionalbahnhof geschenkt. Da wäre Dankbarkeit angezeigt. Aber Sie sind gegen die Pläne.
Ich bin kein undankbarer Mensch, und persönlich gehöre ich zu den Befürwortern des Gesamtprojektes. Aber ich nehme die sehr berechtigten Interessen meiner Stadt wahr. Wir sind Kritiker in Teilpunkten und wollen, dass Stuttgart 21 für unsere Bürger erträglich ist.
Sie haben dem geschenkten Gaul also sehr akribisch auf den Zahn gefühlt?
Wir haben uns über ein renommiertes Institut der Technischen Universität Dresden fachlichen Rat geholt. Die Bahn hat ein ­Betriebsprogramm, auf dem ein Stresstest aufgebaut wurde. Der hat unsere Frage­zeichen bei der Zuverlässigkeit des heutigen S-Bahn-Verkehrs bestätigt. Noch größere Bedenken gibt es beim Thema Ausbau. Die Frage ist, ob mehr Züge überhaupt noch möglich sein werden.
In einem internen Schreiben der Genehmigungsbehörde Eisenbahn-Bundesamt (Eba) aus 2011 wird von einer „grenzwertigen ­Betriebssituation“ gesprochen, wenn S-Bahn, Nah- und Fernverkehr dasselbe Gleis nutzen müssen. Finden Sie beim Eba Unterstützer?
Es ist untunlich, im Vorfeld mit der Genehmigungsbehörde Kontakt aufzunehmen. Wir haben klare Spielregeln: Ab heute läuft die Erörterungsverhandlung. Aber wenn ich den Eba-Einwand höre, habe ich den Eindruck, dass wir mit unseren Sorgen nicht danebenliegen.
Wenn das Schnellbahnsystem kollabieren würde, wie Ihr Gutachter es in den Hauptverkehrszeiten behauptet, dann müsste der Verband Region Stuttgart als Verantwortlicher für die S-Bahn an Ihrer Seite stehen.
Die Region legt in ihren Einwendungen auch Wert darauf, dass der S-Bahn-Verkehr nicht beeinträchtigt wird. Wir haben das Gut­achten der Region gegeben. Ich hoffe, dass der Verband Region Stuttgart seine Interessen geltend macht.
Gravierende Probleme auf der S 2 und S 3 könnte man auch ganz einfach lösen. Der verstorbene Regionaldirektor Bernd Steinacher hatte erklärt, man könne von Vaihingen zum Flughafen nur eine Linie fahren lassen. Wer zum Hauptbahnhof will, schafft es ja mit Stuttgart 21 vom Flughafen in acht Minuten mit dem Regionalzug durch den neuen Fildertunnel.
Mit der Thematik habe ich mich nicht ­beschäftigt. Wichtig ist doch, dass der Nahverkehr in ausreichender Taktung da ist, sonst erreichen wir das Ziel, den Auto­verkehr zurückzuschrauben, nie. Das geht nur mit einem noch attraktiveren öffent­lichen Nahverkehr. Wer mit dem Regionalzug vom Flughafen in die Stuttgarter City will, muss übrigens zunächst zum Flughafen kommen.
Der Regionalverband könnte aber Geldmittel und S-Bahn-Züge aus einer gekappten Linie sicher gut für Netzausbauten an anderer Stelle brauchen.
Hier fahren doch nicht umsonst zwei Linien. Den Bedarf gibt es, und ich sehe nicht, dass der entfallen würde. Die von Ihnen geschilderte Lösung ist keine. Man würde hier ein Loch aufreißen.
Sie wollen für Leinfelden-Echterdingen doch im Grunde den Filderbahnhof Plus aus dem Filder-Dialog von Mitte 2012. Also den S-Bahnhof unverändert erhalten und Nah- und Fernverkehr von der Gäubahn in den neuen Fernbahnhof fahren lassen. Die Lösung kostet 254 Millionen Euro mehr.
Man hat gelernt, mit Zahlen vorsichtig zu sein. 250 Millionen wären knapp vier Prozent an der Gesamtbausumme. Es wäre gut angelegtes Geld, schließlich soll Stuttgart 21 viele Jahrzehnte lang tauglich sein. Ich wäre froh, wenn man das Geld investieren und uns so für die Zukunft viele Schwierigkeiten ersparen würde.
Würde Leinfelden-Echterdingen etwas dazugeben?
Wenn die Region Stuttgart ihren Einsatz erhöhen würde, dann wären wir automatisch mit dabei.
Was geben Sie zurzeit für Anwälte und Gutachter aus, um die aus Ihrer Sicht bessere Lösung zu bekommen?
Unser Budget liegt bei jährlich rund 50 000 Euro. Insgesamt kommen wir wohl mit 100 000 bis 150 000 Euro aus.
Der Spardruck bei der Bahn ist nach der Kostenexplosion bei Stuttgart 21 auf 6,5 Milliarden Euro gewaltig. Hier liegt der letzte große Planungsabschnitt. Beißen den Letzten jetzt die Hunde?
Auf den Gedanken könnte man kommen. Ich sehe fast schon mit Bitterkeit, dass die Bahn hier riskante Lösungen anstrebt, obwohl es bessere geben würde, die im Gesamtbudget untergeordnet zu Buche schlagen würden.
Wenn Sie durchkämen mit Ihren Wünschen, wie groß wäre das Zutrauen zu der Aussage, dass Stuttgart 21 Ende 2021 fertig wird?
So wie bei den Kosten haben wir gelernt, auch die Ankündigung von Fertigstellungszeitpunkten als vorläufig zu betrachten. Wenn das Projekt durch eine bessere Lösung auf den Fildern ein halbes Jahr später fertig werden würde, wüsste ich nicht, wo die Katastrophe liegen sollte. Nochmals: Der Verkehr wird mehr, dieser Schienenausbau muss über viele Jahrzehnte funktionieren.
Die Anwohner an der Stecke müssen sich auf mehr Lärm und auf Erschütterungen einstellen. Wie hilft die Stadt ihren Bürgern?
Zunächst versuchen wir mit dem Gutachter und Anwälten eine Rechtspflicht der Bahn auf Schutzmaßnahmen zu begründen. Ein wichtiger Punkt ist dabei, wie der Abschnitt klassifiziert wird: Neubau oder Bestandsstrecke? Die Bahn sagt Bestand und will daher die 16. Bundesimmissionsschutzverordnung nicht anwenden. Die Grenzwerte dort sind strenger als im Bestand, dann müsste die Bahn Lärmschutz bauen. Die Rohrer Kurve und das Terminal sind fraglos Neubauten, dazwischen sollen die Schienen 20 Zentimeter auseinandergedrückt werden. Aber die Funktionalität der Strecke verändert sich völlig. Wir wollen den Lärm- und Erschütterungsschutz dort, wo Menschen wohnen.
Die S-Bahn-Strecke durch die Stadt darf überhaupt nur durch eine Sondergenehmigung des damaligen Verkehrsministers Peter Rams­auer von Fern- und Regionalzügen befristet genutzt werden. Ein Kardinalfehler?
Wenn Ramsauer keine Ausnahmegenehmigung erteilt hätte, dann hätte die Bahn nicht weiterplanen können. Er hat ein klares Zeichen des Bundes für Stuttgart 21 gesetzt. Seine Ausnahmegenehmigung ist bis 2035 befristet. Ob sie ein Kardinalfehler war, ­werden wir noch sehen.

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