Stuttgart 21 Bahn-Vorstand Kefer kommt unter Druck

Michael Isenberg, 07.02.2013 18:00 Uhr
Hat Technik-Vorstand Volker Kefer den Aufsichtsrat der Deutschen Bahn zu spät über höhere Kosten und drohende Risiken bei Stuttgart 21 informiert? Ist er dafür womöglich persönlich haftbar? Für den 57-jährigen Manager könnten diese Fragen, die vor allem den Bund interessieren, Schicksalsfragen werden.

Stuttgart/Berlin - Fragen zur Zukunft von Vorstand Volker Kefer? Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: „Kein Kommentar“, heißt es momentan in der Zen­trale der Deutschen Bahn AG in Berlin. Die Sache Kefer gilt als Tabu in diesen Tagen. „Darüber reden wir nicht einmal innerhalb des Hauses“, gesteht der Mitarbeiter.

„Herr Kefer ist sehr verärgert, er wirkt auch erschöpft und tief enttäuscht“, sagt ein Mann, der den Topmanager in den letzten Tagen aus der Nähe beobachten konnte. Die Frage, die derzeit öffentlich diskutiert wird – ob Kefer zu spät über die Mehrkosten bei S 21 informiert hat und für einen daraus resultierenden Schaden womöglich haftbar sein könnte –, setzt dem 57-jährigen Manager demnach sichtlich zu. „Kefer sieht sich als mutigen Mann, weil er viele Jahre im Voraus vor möglichen Mehrkosten warnt und dafür sogar den Bund mitverantwortlich macht – und zum Dank wird er mit Kritik überhäuft“, sagt der Beobachter. Diesen Sachverhalt könne Kefer nicht verstehen; die Zweifel an seiner Integrität empfinde er geradezu als „Unverschämtheit“.

„Herr Kefer ist nur der Überbringer einer schlechten Nachricht“, sagt ein Aufsichtsrat der Deutschen Bahn. Er vermutet, dass der neue Streit um die Mehrkosten auch „keine personelle Konsequenz“ für Kefer habe. Im Bahn-Konzern wird betont, dass der komplette Vorstand und das Präsidium des Aufsichtsrats zu dem Manager stünden. Doch es gibt auch skeptische Stimmen. „Kefer ist nicht naiv; er weiß, dass es in der Politik Bauernopfer gibt. Ehe er ein solches Opfer wird, könnte er den Job auch von sich aus hinwerfen“, heißt es im Umfeld der Bahn.

Keiner will für weitere Kostenrisiken geradestehen

Am 12. Dezember 2012 hatten Bahn-Chef Rüdiger Grube und der für Stuttgart 21 verantwortliche Technik- und Infrastrukturvorstand Kefer dem Aufsichtsrat der Deutschen Bahn AG mitgeteilt, dass das Projekt um bis zu 1,1 Milliarden Euro teurer werde. Darüber hinaus drohten weitere Kostenrisiken von bis zu 1,2 Milliarden Euro, für die derzeit niemand geradestehen wolle. Seit diesem Eingeständnis steht vor allem Kefer unter besonderer Beobachtung – bei der Bahn, in Öffentlichkeit, Politik, Medien.

Im Bundesverkehrsministerium hat diese kritische Haltung eine besondere Qualität erreicht. In einem Dossier, mit dem sich der Staatssekretär des Hauses auf die S-21-Arbeitssitzungen im Aufsichtsrat vorbereiten soll, werden dem Manager laut einem Bericht der „Stuttgarter Zeitung“ schwere Versäumnisse vorgeworfen: So habe Kefer dem Aufsichtsrat „über Monate hinweg keinen Hinweis auf die bekannten Dimensionen des Problems gegeben“, heißt es in dem Dossier. Und weiter: „Es sollte geprüft werden, ob diese Verantwortung in konkreten Personen, insbesondere Vorständen, zu verorten ist.“

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) hat das Dossier am Montag als „Quatsch“ bezeichnet. Die Bahn kennt das Papier bisher nur aus den Medien. In der mehrstündigen Sitzung, bei der Aufsichtsräte Grube und Kefer nach dem Eindruck von Teilnehmern „einer Art von Verhör“ unterzogen haben, soll das Dossier keine Rolle gespielt haben. Das Dossier trage nicht einmal Unterschrift oder Absender, kritisiert Baden-Württembergs SPD-Fraktionschef Claus Schmiedel. Er wertet das Dossier als Versuch, das Projekt Stuttgart 21 in Berlin schlechtzureden.

„Wir gehen davon aus, dass wir rechtzeitig informiert haben“

Zum Kernvorwurf hat sich Kefer bereits mehrfach geäußert – unabhängig und zeitlich vor dem Dossier. „Wir haben zu jedem Zeitpunkt das an Kosten dargestellt, was wir wussten“, sagte er am 23. Januar im Interview mit unserer Zeitung. Nach Unterlagen des Vorstands sind Ende 2011 erstmals hohe Mehrkosten aufgelaufen. Darauf wurde ein externes Kostenkontrollprogramm gestartet. Dessen „vorläufige Ergebnisse“ wurden am 9. Oktober 2012 im Vorstand diskutiert. Die Autoren des Dossiers werfen speziell Kefer vor, er habe bereits am 2. Juli 2012 die „vorläufigen Ergebnisse“ gekannt.

Auch aus Unterlagen des Vorstands geht hervor, dass Kefer bereits am 5. Juni 2012 die Vorstandskollegen über „Schwachstellen im Projektmanagement“ von S 21 informiert hat. Ob dabei bereits der Umfang der Mehrkosten genannt wurde, ist unklar. Auch im Lenkungskreis mit Land, Stadt und Region am 22. Oktober 2012 hat Kefer die 1,1 Milliarden Euro Mehrkosten, die zu großen Teilen aus Planungsfehlern und Fehlkalkulationen der Bahn resultieren und darum vom Konzern übernommen werden sollen, nicht erwähnt. Im Interview sagte Kefer, er habe erst am 20. November einen „stabilen Projektstatus“ berichten können.

„Wir gehen davon aus, dass wir rechtzeitig informiert haben“, heißt es bei der Bahn in Berlin. Einer „etwaigen Überprüfung“ dieser Dinge sehe man mit Gelassenheit entgegen.

 
 
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Kommentare (53)
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Reini Ist schon länger als 1 Jahr her
Kefer war beim Betteln in Stuttgart. Klar es geht um seinen Kopf (bahnhof)! Noch halten die Politiker ihr Wort und geben keinen Cent. Ich mach jede Wette, dass die spd schon lange mit der cdu einen Ausweg aus diesem Dilemma sucht! Die spd wird sich nicht scheuen zum Königsmörder zu werden, wenn nur S21 weiter gebaut wird. Schmiedel ist alles zum zutrauen! Ich frage mich wie lange die Mitglieder in BaWü und die Bundesführung dieses Trauerspiel noch mitmachen! Ist die spd immer noch die gleiche wie unter Schröder?? In BaWü mit Sicherheit!
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Kamel Ist schon länger als 1 Jahr her
... die Karawane zieht weiter und wird ans Ziel kommen. Ich wünsche Dr. Kefer, dass er weiter so kompetent und konsequent seine Arbeit tut. Für Stuttgart 21, aber nicht nur da. Es wäre gut, wenn seine Idee der Projektgesellschaft sehr schnell verwirklicht werden könnte. Je schneller, desto größer der Effekt, auch der Einspareffekt. Dass ein Bahnvorstand für Parkschützer, Montagsdemonstranten und andere Kampfgenossen gegen S21 ein rotes Tuch ist, das wundert mich dagegen gar nicht.
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Realist Ist schon länger als 1 Jahr her
Es ist nochmal zu betonen, dass Stuttgart 21 nur eine von viele Baustellen der Bahn ist. Wörtlich, weil die Bahn ein Vielfaches davon jährlich investiert und flächendeckend national und international baut. Kefer hat diese Baustellen analysiert und heftige interne Kritik geübt: er ist berufen worden, um hier Reformen durchzuführen, eine Herkulesaufgabe! Und übertragen gibt es auch viele Baustellen: der Konzern hat wirre Entscheidungsstrukturen. Kefer sucht hier Lösungen durch Projektgesellschaften und durch Verschlankung von Entscheidungswegen. Kefer zieht ein riesengroßes Technikoptimierungsprogramm durch mit ersten Erfolgen. Er arbeitet hart an den Problemen der Zulieferer wie Siemens und Bombardier, auch das keine kleine Aufgabe. Desgleichen hat Kefer die Unterfinanzierung der technischen Anlagen herausgearbeitet und einen Forderungskatalog entwickelt, der der Politik kein gutes Zeugnis ausstellt. Und das ist nicht alles. Ein Vorstand hat in der Hierarchie weder die Möglichkeit noch den Auftrag, die Einzelheiten zu regeln. Das kann er nicht leisten. Die Stuttgarter Bahnhofs-Gegner kommen nun zu einer mehrfachen Falscheinschätzung der Arbeit Kefers: 1. Sie ist für Außenstehende nur schwer einzuschätzen. 2. Reformer haben immer innere Feinde, die auf alte Strukturen beharren, Denunziationen von dieser Seite landen in den Medien und werden gerne aufgenommen. Wer kann prüfen, was daran wahr ist? 3. Stuttgart ist nicht der Nabel der Welt, Stuttgart 21 nicht das entscheidende und einzige Bauwerk der Bahn, wenn es auch ein sehr kompexes ist. Kefer kommt bestimmt nicht unter Druck wegen eines einzigen Projektes, auch wenn wir Stuttgarter uns für so wichtig halten, dass wir das meinen könnten. 4. Die Komplexität der Aufgaben des Technikvorstands ist gewaltig. Egal, wer den Job macht, er kommt an seine Grenzen und ist eher zu bedauern als unter Dauerbeschuss zu nehmen, der auch noch recht kenntnisfrei in Bahnsachen daher kommt. Bedauern wäre freilich auch nicht richtig, denn ein Vorstand wird berufen und er muss den Job nicht machen und er kriegt auch nicht wenig Gehalt. Aber zunächst gebührt Kefer Respekt, und zwar grundsätzlich, zumal er seinen Job alles in allem ganz gut macht, auf sehr vielen Feldern, wenn auch nicht auf allen. Weil die Bahn einfach ein schwerfälliger, alter Staatsbetrieb ist, der ziemlich widerständig ist gegen alle Änderungsversuche. 5. Die Außenwirkung von Kefer ist auch nicht unwichtig: und da hat sogar die Uni Hohenheim wissenschaftlich nachgewiesen, dass er überzeugend und kompetent rüberkommt. In der Schlichtung genauso wie in Talkshows, bei öffentlichen Reden genauso wie bei Podiumsdiskussionen. Souverän und gut informiert, meist besser als seine Kontrahenten. Vielleicht ist diese Außenwirkung der Grund, dass die Bahnhofs-Gegner den Mann persönlich zu diffamieren suchen? Gut möglich. 6. Es gibt sicher Gründe, dass Kefer von den Aufsichtsräten anerkannt wird, selbst von kritischen wie Kirchner als Gewerkschafter. Und sein Vertrag ist verlängert. 7. Es kann alles anders sein, aber das wissen dann die Medien in der Regel doch nicht. Bisher riecht alles gewaltig nach Spekulation, Denunziation und Übertreibung.
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hansdampf Ist schon länger als 1 Jahr her
ALLE sollten dafür gerade stehen!!! ...alle die den Schrott21 befürwortet haben und die kritiker als lügner defamiert hatten. denn eins ist geschichtlich verbrieft: die gegner wußten bereits 2010 wieviel der bahnhof aktuell mehr kostet! und wer bitte glaubt denn wirklich, dass es bei den ~7MRD bleiben wird!!!!! es ist doch noch kein spatenstich erfolgt! jetzt heißt es doch schon das der s21 bau locker 10MRD kosten wird!! hallo?! dafür kannste 5x das Burj Khalifa bauen!!! DAS ist ein prestigeprojekt, s21 ist einfach nur sau peinlich. andererseits muß man darfür auch dankbar sein.....ohne s21 wäre vermutlich CDU und der rest der mafia immernoch am drücker!
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Erika Ist schon länger als 1 Jahr her
Typisch Stuttgarter Nachrichten: Den schwerwiegendsten Vorwurf gegen Kefer können die Leser ja der überregionalen Presse entnehmen: Kefer habe noch fleißig Aufträge vergeben, als er schon wusste, dass die Finanzierung des Tiefbahnhöfles nicht mehr gesichert ist. Um den Ausstieg künstlich zu verteuern, habe er der Bahn so Verluste im dreistelligen Millionenbereich zugefügt. Ob er sich im Knast auch noch die Haare färbt?!
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