Stuttgart 21 Bahn hebt für Tunnelbau mehr Häuser an

Von Konstantin Schwarz 

An der Willy-Brandt-Straße wird sich bald eine größere Baugrube auftun. Die Häuser am Hang müssen gesichert werden, weil unter ihnen zwei Bahntunnel entstehen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
An der Willy-Brandt-Straße wird sich bald eine größere Baugrube auftun. Die Häuser am Hang müssen gesichert werden, weil unter ihnen zwei Bahntunnel entstehen.Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Die Deutsche Bahn treibt für den Bau des Fildertunnels zum Flughafen einen erhöhten Sicherungsaufwand. In der City sollen am Hang des Kernerviertels nun 20 statt acht Häuser durch großflächige Betoninjektionen angehoben werden.

Stuttgart - Kurz vor Weihnachten hat die Bahn-Projektgesellschaft Stuttgart-Ulm rund 100 Wohnungsbesitzer aus der Urban-, Schützen- und Sängerstraße zu zwei Informationsabenden gebeten. Die Botschaft der Bahn in Sachen Stuttgart 21: Im Kernerviertel sollen zwischen Urban- und Schützenstraße Mehrfamilienhäuser durch die Injektion von Beton ins Erdreich um wenige Zentimeter angehoben werden. Unter oder direkt neben den Gebäuden werden zwei je zweigleisige Tunnel gegraben. Sie haben einen Querschnitt von rund 20 Meter. Obwohl das Gelände stark ansteigt ist der Abstand von der Tunneldecke bis zu den Kellergeschossen gering.

Die Eigentümer sind über die Nachricht alles andere als erfreut. Vorgehen und Erwartungen der Bahn führen zu Kritik. „Wir sollten bis zum 15. Januar einen Gestattungsvertrag unterschreiben und dem Eintrag ins Grundbuch zustimmen. Die Bahn wollte das auf einfachem Weg handhaben, es sollte schnell gehen“, moniert Hans-Peter Hafner. Er spricht für die Eigentümergemeinschaft in der Kernerstraße 28. Von den elf Parteien im Haus würden „nicht viele unterschreiben, wir haben uns inzwischen von einem Anwalt beraten lassen“, so Hafner. Die Bahn müsse einen Änderungsantrag beim Eisenbahn-Bundesamt (Eba) stellen und den Wohnungsbesitzern ein geotechnisches Gutachten liefern.

Bahn gewährte nur kurze Frist

„Die Anwohner haben eine Frist bis Ende Januar, um sich zu erklären“, sagt ein S-21-Projektsprecher. Er räumt ein, dass die Bahn „dachte, ohne förmliche Planänderung auszukommen“. Die Genehmigungsbehörde habe dieses Vorgehen aber nicht befürwortet. „Das Eba hat auf das Verfahren bestanden“, so der Sprecher.

Doch warum müssen die Häuser überhaupt angehoben werden? Bisher wollte die Bahn das teure Verfahren nur für acht Häuser zwischen Willy-Brandt- und Urbanstraße anwenden. Dort ist der Abstand zwischen Tunneldecke und Keller gering. In dem am Infoabend präsentierten Papier sind acht Meter angegeben. Von drei Schächten an der Willy-Brandt-, Urban- und Sängerstraße aus soll daher über fächerförmig verteilte Rohre im Untergrund eine Betonmischung ins Erdreich unter den Häusern gedrückt und so der Boden stabilisiert und die Häuser ein wenig gelupft werden. Nach der Absenkung durch den Tunnelbau wäre dann das alte Niveau wieder erreicht.

Noch im Herbst galt: Es gibt keine Hebung

Noch im Herbst 2015 habe die Bahn Bedenken zu der Bebauung oberhalb der Urbanstraße zerstreut, sagt Hans-Peter Hafner. „Es sei alles klar“, habe der die Bahn beratende Ingenieur Walter Wittke die Anwohner beruhigt. Wittkes Büro hatte zuletzt im März 2013 in einer umfassenden Stellungnahme zu einer Erhöhung der Grundwasserentnahme am Hauptbahnhof festgestellt, dass oberhalb der Urbanstraße „Gebäude mit dem vorgesehenen Vortriebskonzept ohne Hebungsinjektionen schadlos unterfahren werden können“. Bei einem Abstand von 20 bis 45 Meter zur Tunneldecke prognostizierte er Senkungen von vier bis fünf Zentimetern. Die Flanken der Senkungsmulden seien flach, die Winkelverdrehungen (einseitige Absenkung von Gebäuden) klein, Vorbeugung also nicht angezeigt.

Nun sind offenbar doch Sicherungsmaßnehmen nötig. Gibt es Neues zur Geologie? Nein, sagt der Projektsprecher, die Erweiterung des Hebungsfeldes stehe „nicht im Zusammenhang mit neuen geologischen Erkenntnissen“. Seit der Baugenehmigung für den Fildertunnel habe sich aber „die Technik für Hebungsinjektionen weiterentwickelt“, nun könnten größere Flächen von einem Schacht aus erreicht werden. So könne „mit relativ geringem Aufwand die Sicherheit für Gebäude im Kernerviertel nochmals erhöht werden“. Gibt die Aktiengesellschaft zusätzliches Geld aus, nur weil es neue technische Möglichkeiten gibt?

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Von 25. Mai 2016 - 5:00 Uhr

Verhandlungstermin: Projektkritiker wollen beim Verwaltungsgericht Berlin die vollständige Einsicht in die Unterlagen zum umstrittenen Weiterbau durchsetzen.