Studie Kirche soll sich einmischen

Von Maria Wetzel 

Vielen Gläubigen ist die Kirche Heimat für ihren Glauben und ihre Spiritualität. Foto: dpa
Vielen Gläubigen ist die Kirche Heimat für ihren Glauben und ihre Spiritualität.Foto: dpa

Jeder vierte Katholik in der Diözese Rottenburg-Stuttgart hat schon einmal erwogen, aus der Kirche auszutreten. Das belegt eine neue, von der Kirchenleitung veröffentlichte Studie.

Stuttgart - Die Mehrheit der Katholiken wünscht sich eine offene, tolerante und kommunikationsfähige Kirche, die sich gesellschaftlich einmischt. Die Kirchengemeinden sollen soziale und geistliche Heimat sowie Nähe bieten. Das geht aus einer Studie hervor, die die Leitung der Diözese Rottenburg-Stuttgart in Auftrag gegeben hat. Dazu wurden im vergangenen Jahr 3176 Katholiken und 1055 Nichtkatholiken befragt.

Doch nicht immer werden die Erwartungen erfüllt. 24 Prozent der Befragten gaben an, schon einmal ernsthaft über einen Kirchenaustritt nachgedacht zu haben. Wichtigster Grund dafür ist die Entfremdung von der Kirche mit 35 Prozent. 15 Prozent nannten finanzielle Gründe, 12 Prozent den Missbrauchskandal. Glaubenszweifel spielten mit 7 Prozent eine eher untergeordnete Rolle bei den Austrittsüberlegungen.

Auslöser für die Untersuchung, mit der das Institut Pragma beauftragt wurde, war die hohe Zahl der Kirchenaustritte. Seit 1990 kehrten durchschnittlich 10 650 Mitglieder pro Jahr der Kirche den Rücken, das entspricht 0,5 Prozent der rund 1,9 Millionen Mitglieder. Einen Rekord verzeichnete die Diözese im Jahr 2010 mit 15 650 ­Austritten. Damals waren zahlreiche Fälle bekannt geworden, bei denen Priester, ­Ordensleute und Mitarbeiter Kinder und ­Jugendliche sexuell missbraucht hatten. Die teilweise Jahrzehnte zurückliegenden Taten waren aber vielfach vertuscht worden. Das hatte zu einer Vertrauenskrise in der Kirche geführt.

Kirche soll sich weniger abgehoben äußern

„Jeder einzelne Austritt schmerzt, schwächt er doch unsere Glaubensgemeinschaft und unser Glaubenszeugnis“, sagte Generalvikar Clemens Stroppel bei der Vorstellung der Studie. Mit den Erkenntnissen aus der repräsentativen Befragung soll der Dialogprozess in der Kirche gestärkt werden, mit dem die Kirche Vertrauen zurückgewinnen will. „Es geht darum, zur Kenntnis zu nehmen, was ist, und nicht, was wir meinen und wünschen und zufällig zu hören bekommen.“ Das sei die Voraussetzung für eine nachhaltige Erneuerung der Kirche.

Neun von zehn Befragten wünschen, dass sich die Kirche weniger abgehoben äußert. „Wir sind als Kirche also dringend aufgefordert, unseren Kommunikationsstil weiterzuentwickeln“, sagte Bischof Gebhard Fürst. Der Wunsch nach Werten wie Offenheit und Toleranz bestätige den Kurs der Diözese. „Ein Weg in ein selbst gewähltes Ghetto verbietet sich“, so Fürst. Doch die Studie zeige auch, dass die meisten keine ganz verweltlichte Kirche wünschen, sondern eine Heimat für ihren Glauben und ihre Spiritualität. Deshalb müsse sich die Kirche auch mehr menschliche Nähe ermöglichen. So dürften Seelsorgeeinheiten nicht zu „anonymen Großorganisationen“ werden.

Mit ihren Kirchengemeinden und Seelsorgeeinheiten sind rund 60 Prozent der Befragten sehr zufrieden oder zufrieden. 3 beziehungsweise 4 Prozent beurteilten deren Leistungen als sehr schlecht. Nach den Gründen dafür – etwa kircheninternen Streitthemen wie Priestermangel, Zölibat, Rolle der Frauen oder Ausschluss von Wiederverheirateten Geschiedenen von der Kommunion – wurde nicht gefragt.

Lesen Sie jetzt