Studentenverbindungen Schnappt euch den Burschen

Christian Ignatzi, 23.11.2012 13:00 Uhr

Stuttgart - Michael Csaszkóczy lächelt. Es ist der verständnisvolle Blick eines Pädagogen, der ein komplexes Thema erklärt. An diesem Abend ist es aber nicht sein Auftrag, seinen Schülern etwas über Geschichte beizubringen. Der Realschullehrer ist für die antifaschistische Initiative Heidelberg ins Lilo-Herrmann-Haus nach Stuttgart gekommen. Er berichtet den Angehörigen der örtlichen linken Szene von der Geschichte der Deutschen Burschenschaft.

Die Antifaschisten haben sich getroffen, um ihre Protestaktionen zu besprechen gegen den Burschentag, der an diesem Wochenende im Untertürkheimer Sängerheim stattfindet. Mittvierziger Csaszkóczy hat keine Haare mehr auf dem Kopf, aber unzählige Ringe im Ohr. Auf einer Leinwand zeigt er eine „Spiegel-TV“-Reportage vom letzten Burschentag in Eisenach. Ungläubiges Gelächter, Spott und Entsetzen über die gezeigten Bilder erfüllt den Raum.

Stauffenberg hängt an der Wand

Zehn Auto-Minuten entfernt steht – in nobler Halbhöhenlage – das Haus der Burschenschaft Hilaritas (lateinisch: Heiterkeit). Eine Villa mit einem Turm auf dem Dach, die wirkt wie ein kleines Schloss, das über der Stadt thront. Im Innern des Hauses hängen Hirschgeweihe wie Kronleuchter von der Decke. Hagen Spielmann ist Sprecher, das heißt Vorsitzender der Aktivitas im laufenden Semester. Der Mann, Anfang 20, führt einen Erstsemester-Studenten durch das Haus. „Die Stafflenbergstraße wurde damals extra für unser Haus angelegt“, erzählt er und zeigt auf ein Schwarz-Weiß-Bild im Saal. Im Gemeinschaftsraum hängt ein moderner Flachbildschirm an der Wand. Die Burschenschaftler waren gemeinsam Blut spenden, um ihn sich leisten zu können. An der gegenüberliegenden Wand blickt Claus Schenk Graf von Stauffenberg von einem Plakat. „Es lebe das heilige Deutschland“, steht unter dem Konterfei des Hitler-Attentäters. „Er war ein Freiheitskämpfer für Deutschland“, sagt Spielmann selbstbewusst. „Deshalb hängt das Plakat dort.“

Studentenverbindungen stehen häufig nicht im besten Ruf und werden von linken Initiativen vehement bekämpft. Schuld daran haben zum Großteil immer stärker werdende, rechte Tendenzen im Dachverband Deutsche Burschenschaft (DB). Die Hilarier bezeichnen sich selbst ausdrücklich als Burschenschaft der liberalen Mitte.

Nicht alle ihre Bundesbrüder halten Stauffenberg und andere Kämpfer gegen das Nazi-Regime, gemäß ihres Wahlspruchs „Ehre, Freiheit, Vaterland“, in Ehren. Beispiel Norbert Weidner: Der 40-jährige ist Ex-Landesgeschäftsführer der Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FDAP) in Nordrhein-Westfalen, die inzwischen als neonazistische Organisation verboten wurde. Seit 2008 ist er Chefredakteur der burschenschaftlichen Blätter. Im Verband nennen sie dieses Amt „Schriftleiter“.

Nicht rechtsextrem, sondern „ganz klar rechts“

In einem Leserbrief in der Mitgliedszeitung seiner Burschenschaft, den Raczeks, bezeichnete er den Theologen und NS-Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer als „Landesverräter“, weil er politische und militärische Pläne an die Briten weitergegeben hatte. Ein Brief, der aus Weidners Feder stammt, wie er zugibt. Derzeit läuft deshalb ein Verfahren gegen ihn. Er sei nicht rechtsextrem, sondern „ganz klar rechts“, sagt er.

Auf dem jährlichen Burschentag in Eisenach, im vergangenen Sommer, war Weidner mit knapper Mehrheit als Chefredakteur wiedergewählt worden. Die liberalen Burschen aus dem DB-Vorstand traten geschlossen zurück, unter ihnen der Stuttgarter Hilare Michael Schmidt, der Pressesprecher der DB war. Der Burschentag wurde vertagt.

Die Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks, die heute in Bonn sitzt, war häufiger wegen rechter Tendenzen negativ in den Schlagzeilen. Deren Name stammt von einer Gaststätte, in der sich die Burschen im frühen 19. Jahrhundert zu geheimen Besprechungen trafen. Für einen weiteren Skandal sorgten die Raczeks, die den Ausschluss einer Mannheimer Burschenschaft aus dem Bund forderten. Diese hatten einen Studenten mit chinesischen Eltern aufgenommen.

Zuviel für die Stuttgarter Burschenschaften Hilaritas, Ghibellinia und Alemannia. Sie gründeten die Stuttgarter Initiative, die mittlerweile die Initiative Burschenschaftliche Zukunft (IBZ) eingerichtet hat, die Forderungen für den Burschentag erarbeitet hat. Deren Sprecher ist nun Michael Schmidt.

Ginge es nach den Antifaschisten im Lilo-Herrmann-Haus, würden sie dem Treiben der Burschen Einhalt gebieten – und sie auflösen. „Die Studentenverbände stehen für ein Gesellschaftsbild, in dem es keinen Platz für sozialen Fortschritt, Geschlechtergleichberechtigung und internationale Solidarität gibt“, sagt eine junge Aktivistin der Stuttgarter Frauengruppe. Die Burschen hielten zu sehr an überholten Rollenbildern zwischen Mann und Frau fest. Zudem reihten sie sich in Gruppen ein, die gegen Zuwanderer hetzten.

 
 
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Kommentare (8)
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Karsten Gehweiler, 18:47 Uhr

Extrem

Natürlich dürfen in Deutschland alle demonstrieren, aber mittlerweile geht es doch nur noch darum, wer am lautesten schreit. Das ist zwar Demokratie, aber mittlerweile auch die gefühlte Diktatur der Minderheiten. Wehe du bist gegen eine Minderheitenmeinung, schon bist du ein Nazi, ein Demokratiefeind, einer von Vorgestern oder ein Ignorant...

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25
Hans König, 11:12 Uhr

Wie jetzt, soll dann also nur noch einen Einheitsmeinung der 'Mehrheit' zulässig sein?

'gehört verboten und aufgelößt. ...Aber bitte keine rechten Veranstaltungen der Burschenschaften und keine dämlichen Topfschlag-Demos der linken Chaoten. Das ist nicht die Mehrheit!' Das hatten wir doch schon oft genung, so z.B. 1933-1945, später dann auch in der DDR. Auch die Kirche setzte ihre 'Mehrheitsmeinung' z.B. mittels der Inquisition um, die Geschichte ist voll von der unseligen Durchsetzung von 'Mehrheitsmeinungen'. 'Freiheit ist auch immer die Freiheit Andersdenkender' schrieb Rosa Luxemburg mal zutreffend, welche von der 'Antifa' aber offensichtlich auch nicht gelesen wird.

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Waldemar Pabst, 09:17 Uhr

Mehrheiten uninteressant

Dürfen nur diejenigen Veranstaltungen abhalten oder Demos organisieren, die die Mehrheit stellen? Was ist denn das für ein Demokratieverständnis. Auch Minderheiten stehen alle bürgerlichen Rechte zu, die das Grundgesetz den Menschen einräumt.

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