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Studentenverbindungen Schnappt euch den Burschen

Von Christian Ignatzi 

Mitglieder der Stuttgarter Burschenschaft Ghibellinia sitzen gemütlich beisammen – an diesem Wochenende dürfte die Atmosphäre in der Sängerhalle hitziger sein. Foto: Ghibellinia Stuttgart
Mitglieder der Stuttgarter Burschenschaft Ghibellinia sitzen gemütlich beisammen – an diesem Wochenende dürfte die Atmosphäre in der Sängerhalle hitziger sein.Foto: Ghibellinia Stuttgart

Studentenverbindungen im Richtungskampf: Die einen beharren auf konservativen, teils rechtslastigen Vorstellungen, die anderen fordern eine Liberalisierung. Ein außerordentlicher Burschentag soll die Fronten klären.

Stuttgart - Michael Csaszkóczy lächelt. Es ist der verständnisvolle Blick eines Pädagogen, der ein komplexes Thema erklärt. An diesem Abend ist es aber nicht sein Auftrag, seinen Schülern etwas über Geschichte beizubringen. Der Realschullehrer ist für die antifaschistische Initiative Heidelberg ins Lilo-Herrmann-Haus nach Stuttgart gekommen. Er berichtet den Angehörigen der örtlichen linken Szene von der Geschichte der Deutschen Burschenschaft.

Die Antifaschisten haben sich getroffen, um ihre Protestaktionen zu besprechen gegen den Burschentag, der an diesem Wochenende im Untertürkheimer Sängerheim stattfindet. Mittvierziger Csaszkóczy hat keine Haare mehr auf dem Kopf, aber unzählige Ringe im Ohr. Auf einer Leinwand zeigt er eine „Spiegel-TV“-Reportage vom letzten Burschentag in Eisenach. Ungläubiges Gelächter, Spott und Entsetzen über die gezeigten Bilder erfüllt den Raum.

Stauffenberg hängt an der Wand

Zehn Auto-Minuten entfernt steht – in nobler Halbhöhenlage – das Haus der Burschenschaft Hilaritas (lateinisch: Heiterkeit). Eine Villa mit einem Turm auf dem Dach, die wirkt wie ein kleines Schloss, das über der Stadt thront. Im Innern des Hauses hängen Hirschgeweihe wie Kronleuchter von der Decke. Hagen Spielmann ist Sprecher, das heißt Vorsitzender der Aktivitas im laufenden Semester. Der Mann, Anfang 20, führt einen Erstsemester-Studenten durch das Haus. „Die Stafflenbergstraße wurde damals extra für unser Haus angelegt“, erzählt er und zeigt auf ein Schwarz-Weiß-Bild im Saal. Im Gemeinschaftsraum hängt ein moderner Flachbildschirm an der Wand. Die Burschenschaftler waren gemeinsam Blut spenden, um ihn sich leisten zu können. An der gegenüberliegenden Wand blickt Claus Schenk Graf von Stauffenberg von einem Plakat. „Es lebe das heilige Deutschland“, steht unter dem Konterfei des Hitler-Attentäters. „Er war ein Freiheitskämpfer für Deutschland“, sagt Spielmann selbstbewusst. „Deshalb hängt das Plakat dort.“

Studentenverbindungen stehen häufig nicht im besten Ruf und werden von linken Initiativen vehement bekämpft. Schuld daran haben zum Großteil immer stärker werdende, rechte Tendenzen im Dachverband Deutsche Burschenschaft (DB). Die Hilarier bezeichnen sich selbst ausdrücklich als Burschenschaft der liberalen Mitte.

Nicht alle ihre Bundesbrüder halten Stauffenberg und andere Kämpfer gegen das Nazi-Regime, gemäß ihres Wahlspruchs „Ehre, Freiheit, Vaterland“, in Ehren. Beispiel Norbert Weidner: Der 40-jährige ist Ex-Landesgeschäftsführer der Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FDAP) in Nordrhein-Westfalen, die inzwischen als neonazistische Organisation verboten wurde. Seit 2008 ist er Chefredakteur der burschenschaftlichen Blätter. Im Verband nennen sie dieses Amt „Schriftleiter“.

Nicht rechtsextrem, sondern „ganz klar rechts“

In einem Leserbrief in der Mitgliedszeitung seiner Burschenschaft, den Raczeks, bezeichnete er den Theologen und NS-Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer als „Landesverräter“, weil er politische und militärische Pläne an die Briten weitergegeben hatte. Ein Brief, der aus Weidners Feder stammt, wie er zugibt. Derzeit läuft deshalb ein Verfahren gegen ihn. Er sei nicht rechtsextrem, sondern „ganz klar rechts“, sagt er.

Auf dem jährlichen Burschentag in Eisenach, im vergangenen Sommer, war Weidner mit knapper Mehrheit als Chefredakteur wiedergewählt worden. Die liberalen Burschen aus dem DB-Vorstand traten geschlossen zurück, unter ihnen der Stuttgarter Hilare Michael Schmidt, der Pressesprecher der DB war. Der Burschentag wurde vertagt.

Die Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks, die heute in Bonn sitzt, war häufiger wegen rechter Tendenzen negativ in den Schlagzeilen. Deren Name stammt von einer Gaststätte, in der sich die Burschen im frühen 19. Jahrhundert zu geheimen Besprechungen trafen. Für einen weiteren Skandal sorgten die Raczeks, die den Ausschluss einer Mannheimer Burschenschaft aus dem Bund forderten. Diese hatten einen Studenten mit chinesischen Eltern aufgenommen.

Zuviel für die Stuttgarter Burschenschaften Hilaritas, Ghibellinia und Alemannia. Sie gründeten die Stuttgarter Initiative, die mittlerweile die Initiative Burschenschaftliche Zukunft (IBZ) eingerichtet hat, die Forderungen für den Burschentag erarbeitet hat. Deren Sprecher ist nun Michael Schmidt.

Ginge es nach den Antifaschisten im Lilo-Herrmann-Haus, würden sie dem Treiben der Burschen Einhalt gebieten – und sie auflösen. „Die Studentenverbände stehen für ein Gesellschaftsbild, in dem es keinen Platz für sozialen Fortschritt, Geschlechtergleichberechtigung und internationale Solidarität gibt“, sagt eine junge Aktivistin der Stuttgarter Frauengruppe. Die Burschen hielten zu sehr an überholten Rollenbildern zwischen Mann und Frau fest. Zudem reihten sie sich in Gruppen ein, die gegen Zuwanderer hetzten.

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