Stuttgart/Düsseldorf - Es ist noch nicht lange her, als notorische Schwarzmaler, Nörgler und Pessimisten das Schlimmste befürchteten. In Deutschland gingen die Lichter aus, es drohe ein Kollaps der gesamten Energieversorgung. Im Zuge der Energiewende waren zuvor acht Kernkraftwerke vom Netz genommen worden. Und die Konzernchefs der Energieriesen zeterten: Ohne Frankreichs Atommeiler drohe ein Stromausfall in Deutschland. „Im Winter werden wir uns nicht auf diese Helfer verlassen können“, warnte RWE-Chef Jürgen Großmann. Im Sommer vergangenen Jahres unkte der Energieboss, um einen bundesdeutschen Blackout zu vermeiden, könne es notwendig sein, „einzelne Regionen in Süddeutschland – etwa in der Größe des Großraums Stuttgart – dunkel zu schalten“. Damals sekundierte auch Johannes Teyssen vom Eon-Konzern, die Stabilität der Netze gerate in Gefahr.
Doch nun zeigt sich, die Netze trotzen selbst der bittersten Kälte. Speziell in Baden-Württemberg, das allgemeinhin als Brennpunkt der Energiewende gilt, drohen aktuell keine Engpässe. Aufgrund der derzeitigen Wettersituation sind die Stromnetze hoch ausgelastet“, sagt Markus Fürst, Leiter Systemführung bei der EnBW-Netztochter TNG. Die TNG betreibt rund 3200 Kilometer Stromautobahnen – das sogenannte Übertragungsnetz – in Baden-Württemberg.
Derzeit sind alle großen Kraftwerke des Landes am Netz
Die Situation sei angespannt, aber sicher. „Die Sicherheit der Stromversorgung in Baden-Württemberg ist derzeit nicht gefährdet“, sagte Fürst. Zwar sei der Energiebedarf von Unternehmen und Haushalten aktuell sehr hoch, aufgrund des sonnigen Wetters könnten Lastspitzen mittags aber teilweise über Fotovoltaik-Strom aus dem Land abgemildert werden. Dass aktuell relativ wenig Windstrom vom Norden Deutschlands nach Süden transportiert werden müsse, schone zudem die Transportkapazitäten der großen Überlandleitungen. Wie im Winter üblich, seien derzeit alle großen Kraftwerke des Landes am Netz. Auf ein Reservekraftwerk – GKN 3 in Mannheim – müsse aktuell allerdings nicht zurückgegriffen werden, um die Stromversorgung sicherzustellen. Unterm Strich importiert der Südwesten Strom, was allerdings nicht unüblich sei, sagte Fürst.
Im Notfall kann die EnBW zudem auf rund 1000 Megawatt Kraftwerkleistung – das ist in etwa die Leistung eines Atommeilers – aus Österreich zugreifen, um die Versorgung stabil zu halten. Außerdem können Kraftwerke in Italien und der Schweiz angezapft werden.
Ähnlich stellt sich die Lage auch im Bundesgebiet dar. „Die Lage ist angespannt, aber nicht kritisch“, sagt eine Sprecherin des Netzbetreibers Tennet, das sich von der Nordseeküste bis nach Bayern erstreckt. Positiv auf die Lage wirkten sich die vielen Fotovoltaik-Anlagen im Süden der Republik aus, betonte auch die Sprecherin.
Nur einmal – aber das war vor dem Kälteeinbruch – griff Tennet auf eine Kaltreserve in Österreich zurück, als der Atommeiler Grundremmingen wegen eines Brennelementewechsels im vergangenen Jahr vorübergehend vom Netz musste.
Normales Geschäft meldet auch der Netzbetreiber Amprion, der früher zum RWE-Konzern gehörte. Die Lage in den gut 12 000 Kilometer langen Höchstspannungsnetzen sei stabil, heißt es von dem Unternehmen. Es müsste über einen längeren Zeitraum – und vor allem auch tagsüber – noch kälter sein, bevor Probleme entstünden. In Nordrhein-Westfalen drohe wegen der Nähe der stromerzeugenden RWE-Kraftwerke ohnehin kein Engpass.
Bundesnetzagentur hat Vorsorge getroffen
Auch bei der Bundesnetzagentur werden kältebedingt keine außergewöhnlichen Aktivitäten zur Netzstabilisierung festgestellt. „Wir haben Vorsorge getroffen“, heißt es. Anfang September hatte die Behörde nach einer umfangreichen Inventur aller Stromerzeugungskapazitäten konventionelle Kraftwerke in Deutschland und Österreich mit jeweils gut 1000 Megawatt benannt, auf die die Netzbetreiber im Bedarfsfall zurückgreifen können – die sogenannte Kaltreserve. Selbst im Außenhandel zeigt sich die Stromwirtschaft in diesen Tagen in bester Verfassung. In der täglichen Übersicht des Verbands der europäischen Übertragungsnetzbetreiber Enso steht Deutschland in diesen Tagen häufig als Nettoexporteur von Strom da. So bleibe über das gesamte Jahr unter dem Strich ein Netto-Export von rund 6000 Gigawatt. Insgesamt zeige sich dabei, das etwa drei Viertel der stillgelegten Kernkraftwerke durch entsprechende Strommengen im Inland ausgeglichen worden seien, davon auch ein guter Teil aus erneuerbaren Energien.
