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Streit um Ikea-Backofen Rentnerin schnappt das Schnäppchen

Ulrich Hanselmann, 25.01.2013 11:25 Uhr
Einkaufen ein Vergnügen? So nicht. Wenn die Polizei kommen muss, ist der Spaß schnell vorbei. So geschehen jetzt bei Ikea. Hier haben sich zwei Kunden um ein stark verbilligtes Einzelstück gebalgt. Körperverletzung inklusive.

Sindelfingen - Knut-Schnäppchen im schwedischen Einrichtungshaus an der Hanns-Martin-Schleyer-Straße in Sindelfingen. Noch bis zu diesem Samstag läuft der Schlussverkauf. Im Angebot zum Beispiel: Backöfen für 199 Euro. Doch es geht noch günstiger. In der Fundgrube gibt es Ausstellungstücke, die im Preis noch weiter herabgesetzt sind. Und genau hier, im Kassenbereich von Ikea, ist am späten Mittwochnachmittag ein 48 Jahre alter Mann fündig geworden. Er hat ein Einzelstück ergattert, einen Backofen für 139 Euro.

Was tun damit? Natürlich in den Einkaufswagen packen. Zu den anderen Sachen, die er bereits bei Ikea gefunden hatte. Obendrauf dann noch einige Regalbretter. Geschafft. Halt. Es fehlt noch etwas. Die Bedienungsanleitung für den Schnäppchen-Backofen. Die bekommst du in der Fachabteilung. Ob die Ikea-Mitarbeiterin, die der 48-Jährige nach der Anleitung gefragt hat, im Werbejargon des großen schwedischen Möbelhauses geantwortet hat, ist nicht gesichert. Geführt aber wurde ein Gespräch mit diesem Inhalt ganz sicher. Das sagte am Donnerstag Alex Preußer, die Chefin des Sindelfinger Einrichtungshauses, unserer Zeitung.

So weit, so gut. Der Ärger beginnt, als der Mann wenig später zurückkommt. Der Einkaufswagen mit dem Super-Knut-Schnäppchen ist weg. Der Böblinger Polizeisprecher Frank Natterer beschreibt das erschreckende Geschehen nüchtern so: „Er musste erkennen, dass eine andere Kundin sich seinen Einkaufswagen geschnappt und bis auf den Backofen ausgeräumt hatte.“ Dort, wo vorher noch der Wagen stand, sind jetzt nur noch die Regalbretter und die anderen Einkäufe – sie liegen am Boden.

Gezeter und Geschrei an der Kasse

Die Lage im Bereich von Fundgrube und Bezahlstationen bei Ikea in Sindelfingen ist übersichtlich. Und so hat der 48-Jährige keine große Mühe, seinen Wagen mit seinem Schnäppchen zu entdecken. Er befindet sich bereits an einer Kasse. Eine Frau hat ihn sich geschnappt. Sie ist, wie sich später herausstellt, 67 Jahre alt. Und offenbar begierig darauf, den 139-Euro-Backofen mit nach Hause zu nehmen. Eile tut not.

„Die 67-Jährige stand bereits an der Kasse, als der 48-Jährige der Frau den Einkaufswagen wieder entriss“, berichtet der Polizeisprecher. Und dabei, so Natterer weiter, wurde die Rentnerin leicht an einem Finger verletzt. Es gab ein Gezeter und Geschrei. Und offenbar konnte sich vor allem die Frau überhaupt nicht beruhigen. „Sie wollte die Polizei hier haben und Strafanzeige erstatten“, weiß Ikea-Chefin Preußer.

So kam es dann auch. Eine Mitarbeiterin des Möbelhauses machte den Anruf. Und die Beamten fanden gegen 17.50 Uhr zwei erregte Schnäppchenjäger vor. Die Frau, so der Polizeisprecher, sei sehr laut und hysterisch gewesen, der Mann habe darauf gepocht, dass der Backofen ihm gehöre. Darüber konnten die Polizisten freilich nicht entscheiden. „Diebstahl scheidet strafrechtlich aus“, sagt Natterer. Der männliche Schnäppchenjäger hatte den Backofen schließlich noch nicht erworben. So nahmen die Beamten nur eine Anzeige mit: Die der Frau gegen den 48-Jährigen wegen Körperverletzung.

Mann war bereits Besitzer des Backofens

Die Sache ist freilich juristisch knifflig. Möglicherweise durfte der Mann nach dem Einkaufswagen greifen. Er war zwar noch nicht Eigentümer, aber bereits Besitzer des Backofens gewesen. Dazu finden sich im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) Regelungen. So heißt es in Paragraf 858 (Verbotene Eigenmacht), dass derjenige widerrechtlich handelt, der dem Besitzer ohne dessen Willen den Besitz entzieht. „Wir werden überprüfen, ob die Tat des Mannes gerechtfertigt war“, sagte am Donnerstag Claudia Krauth, die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Stuttgart.

Und wer hat den Backofen am Mittwochabend triumphierend mit nach Hause genommen? „Keiner“, sagt Einrichtungshauschefin Preußer. Warum die Schnäppchenjäger darauf verzichteten, weiß sie nicht. Auch der Polizeisprecher kann diese Frage nicht beantworten. Möglicherweise hatte die Auseinandersetzung ja beiden den Spaß an dem günstigen Einkauf gründlich verdorben.

Für Preußer stellt sich der strittige Fall so dar. „Die Dame hätte auf den Backofen bestehen können.“ Denn die Mitarbeiterin, die dem 48-Jährigen den Weg in die Fachabteilung wies, hätte ihn darauf aufmerksam gemacht, dass er auf seinen Einkaufswagen achten müsse. Bei Ikea gelte die Regel: „Wir reservieren nichts.“ Auch das sei dem in der Fundgrube fündig gewordenen Mann mitgeteilt worden. Er aber habe den Wagen zur Seite gestellt. Die Frau entdeckte das Super-Knut-Schnäppchen und nahm es mit. Am Ende jedoch hat es keiner bekommen.

 
 
Kommentare (4)
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Japaner Ist schon länger als 1 Jahr her
Nur zur Info: Das AG Brandenburg hat 2012 entschieden, dass ein Kunde, der Waren in den Einkaufswagen legt, an diesen Besitz hat. Das heißt, dass der Herr hier wahrscheinlich gerechtfertigt gehandelt hat. Anders könnte es sein, wenn er den Besitz nicht mehr hatte, weil er den Wagen alleine gelassen hat. Das ist aber wenig lebensnah. Insofern gilt das, was der gesunde Menschenverstand ohnehin sagt: Die Dame hat sich schlichweg asozial verhalten!
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Erwin Ist schon länger als 1 Jahr her
Die Rentnerin wusste, dass sie Unrecht tut. Eine Verurteilung hätte sie sich redlich verdient.
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Rechtsverdreher Ist schon länger als 1 Jahr her
... sollte bitte mal einen Blick ins BGB werfen. Kann ja sein, dass man dort nichts reservieren kann, aber auch ein Einrichtungshaus ist keine BGB-freie Zone. Ein rechtmäßiger Besitzer einer Sache (was ein Kunde, der die Ware in seinen Einkaufswafen legt, ist) muss sich diese Sache nicht unrechtmäßig wegnehmen lassen. Wäre ja noch schöner, wenn sich jeder aus dem Einkaufswagen anderer Leute bedienen könnte.
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Siegfried Ist schon länger als 1 Jahr her
So wie ich die Sache sehe , hat doch der Mann für den Einkaufswagen eine 1 Euro-Münze verwendet . Ich meine solange der Wagen durch mein Geld qasi geliehen ist , gehört auch die darin liegende Ware zu mir . Ich finde es rechtens das der Mann sein Eigentum wieder an sich gebracht hat . Auf Die Frau bezogen hat sie nicht nur hart an der Grenze zum Diebstahl gehandelt , sondern auch noch andere Kunden durch die auf den Boden abgelegte Ware , wie die Bretter in Gefahr gebracht zu stolpern oder gar hinzufallen . Mein Eindruck ist halt der , das die Frau zwischen Recht und Unrecht nicht unterscheiden will , weil es ihr vollkommen egal ist , Hauptsache ich habe das was ich wollte . Die Rentnerin sehe ich in diesem Falle als Spiegelbild der heutigen Gesellschaft und ihre Ellenbogen-Mentalität .
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