Streit um Davidstern Roger Waters und sein Skandal-Schwein

Von Almut Siefert 

Vor „The Wall“ in Frankfurt gab es heftige Diskussionen um die Symbolik der Show – Darf der Davidstern auf einem Schwein prangen?

Frankfurt - „Die Marek-Lieberberg-Konzertagentur distanziert sich ausdrücklich von zweifelhaften, verunglimpfenden Metaphern, sieht jedoch keine Möglichkeit, in das Recht auf künstlerische Freiheit einzugreifen.“ Das hat die größte deutsche Konzertagentur am Montag unserer Zeitung mitgeteilt. Eine eher ungewöhnliche Aussage für einen Konzertveranstalter – was war geschehen?

Freitagabend: Kampfgeschwader fliegen durch die Commerzbank-Arena in Frankfurt. Aus ihren Luken fallen keine Bomben, es fallen Symbole: Mercedes-Sterne, Shell-Logos, Kreuze und Davidsterne. Und wie in jeder „The Wall“-Show von Roger Waters schwebt auch am Freitag ein riesiges schwarzes Warzenschwein durch das Stadion. Auch darauf Symbole des Kapitalismus, des Kommunismus, faschistische und religiöse Zeichen. Als das Tier erscheint, brandet tosender Applaus auf – die Waters-geübten Zuschauer wissen: Sie dürfen das mit Luft gefüllte Ungetüm in wenigen Minuten zerstören. Faktisch – und symbolisch.

Antisemitismus: Waters wehrt sich in einem offenen Brief

Um eben dieses Schwein geht es. Und um den Davidstern, der an der unteren rechten Seite seines Maules prangt. Der Show, die ­etwa 28 500 Zuschauer in das Frankfurter Stadion lockte, war eine heftige Diskussion vorausgegangen. Ein Besucher von Waters Konzert in Belgien am 18. Juli hatte ein Video von dem Schwein auf der Internetplattform You Tube hochgeladen – prompt hagelte es Kritik von vielen Seiten. Unter anderem von Rabbi Abraham Cooper, dem stellvertretenden Direktor des Simon-Wiesenthal-Centers. Er wirft dem einstigen Mitbegründer der Band Pink Floyd vor, er sei ein Antisemit, „ein bekennender Juden-Hasser“.

Dagegen wehrt sich Waters in einem offenen Brief auf seiner Facebook-Seite: Er fühle sich durch den Vorwurf des Antisemitismus persönlich beleidigt, und weist darauf hin, dass er in seiner Show außer dem Davidstern auch das Kreuz und den Halbmond verwendet. Der Musiker argumentiert, die Symbolik des Davidsterns in „The Wall“ richte sich gegen die Politik des Staates Israel, eines Staates, so Waters, „der Apartheid praktiziert, sowohl innerhalb seiner eigenen Grenzen also auch in den Gebieten, die er seit 1967 besetzt und kolonisiert hat“. Friedlich gegen Israels Innen- und Außenpolitik zu protestieren sei nicht antisemitisch.

Ist das Kunst und somit erlaubt?

Das Schwein repräsentiere das Böse eines fehlgeleiteten Staates, schreibt Waters in seinem Statement weiter. Dass er in „The Wall“, einer Geschichte über Krieg, Tod, Zerstörung und Angst, prinzipiell mit Symbolen spielt, ist hinreichend bekannt. Animierte Hämmer marschieren im Gleichschritt wie in einer Militärparade, und Waters wirft sich gleich zu Beginn der Show einen langen schwarzen Mantel mit roter Armbinde über – und zeigt sich als Diktator.

Den 70-Jährigen, der im vergangenen Jahr vor der UN-Generalversammlung eine Rede gegen die israelische Palästina-Politik gehalten hat, in die Ecke von Nazis und Rassisten zu stellen ist die falsche Reaktion. Zu eindringlich ist sein Plädoyer für Frieden und Freiheit. Doch überschreitet er mit seinem provokanten Spiel mit religiösen und politischen Symbolen eine Grenze, oder ist das Kunst und somit erlaubt?

Die Agentur von Marek Lieberberg hatte Roger Waters vor seinem Auftritt in Frankfurt ausdrücklich auf die fragwürdige Benutzung der Symbolik hingewiesen „und sowohl ihre Missbilligung als auch ihr Bedauern darüber zum Ausdruck gebracht“. Aufgrund der Kritik, die nach dem Konzert in Belgien entbrannte, habe sich Waters für sein erstes Konzert in Deutschland dazu entschlossen, neben dem Davidstern auch weitere religiöse Symbole wie den Halbmond und das Kreuz auf dem Schwein anzubringen. Den Fans, die aufgrund der Problematik auf das Konzert verzichten wollten, habe die Agentur allerdings auch entgegengehalten, dass sie damit „eine der größten theatralischen Rock’n’Roll-Shows“ verpassen würden. Es sei letztendlich die Entscheidung jedes Einzelnen.

Mehr als drei Jahrzehnte nach der ersten „The Wall“-Tour ist Roger Waters in diesem Jahr auf Europa-Tournee. Die kommende Station ist am 20. August Warschau, in Deutschland tritt Waters noch in Berlin (4. September) und Düsseldorf (6. September) auf.

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