Zwischen der Leitung des Mercedes-Benz-Werks in Sindelfingen und dem Betriebsrat ist offenbar ein Streit über die Leiharbeiter ausgebrochen. 270 zusätzliche solche Stellen werden von heute an besetzt, obwohl fast 60 Auszubildende, die vor kurzem ihre Abschlussprüfungen absolviert haben, die Firma im Sommer verlassen sollen.
Am Rande der traditionellen 1.-Mai-Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) am Samstag in Böblingen mit 500 Teilnehmern wurde bekannt, dass der Daimler-Konzern die Zahl der Leiharbeiter im Sindelfinger Werk innerhalb von fünf Monaten fast verdoppelt. "270 Stellen werden neu besetzt", erklärte Joachim Nisch von der IG-Metall, der Vertrauenskörperleiter im Werk. Nisch ist der Vertreter der insgesamt 1000 Vertrauensleute. Erst zum Jahresbeginn hatte man im Sindelfinger Werk im Zuge der deutlich gestiegenen Nachfrage nach den Autos mit dem Stern 300 Leiharbeiter eingestellt.
Weitere 80 solcher Stellen sind möglich. Denn laut einer Vereinbarung zwischen der IG Metall und der Werksleitung vor wenigen Jahren dürfen insgesamt 650 Leiharbeiter in Sindelfingen beschäftigt werden. Sie bekommen zwar den gleichen Lohn wie die feste Belegschaft, aber die Frist der Arbeitsverträge reicht nur von einer Woche bis zu einem Jahr. Mit den flexibel einsetzbaren Kräften will der Autobauer Zeiten auffangen, in denen die Auftragslage stark steigt, aber schwer abzusehen ist, wie lange die Nachfrage anhält.
Laut Nisch werden im Sindelfinger Werk nun Stimmen laut, die statt des verstärkten Einsatzes von Leiharbeitern zunächst die Einstellung von etwa 60 Auszubildenden fordern, die jüngst ihre Gesellenprüfungen bestanden haben, die Firma aber Ende Juni verlassen sollen. "Es wird in dieser Woche ein Gespräch auf höchster Ebene zwischen der Gewerkschaft und dem Konzern geben", sagte Nisch. Ihm zufolge "brummt das Geschäft beim Daimler schon wieder seit längerer Zeit". Die so genannten Flexibilisierungs-Arbeitszeitkonten der festen Belegschaft, die im Krisenjahr 2009 wegen des Absatzeinbruchs auf minus 180 Arbeitsstunden sanken, seien wegen der vielen Überstunden und Sonderschichten auf durchschnittlich fast 50 Stunden im Plus gestiegen. "Man muss den jungen Leuten, die ihre Ausbildung abgeschlossen haben und gehen sollen, eine Chance geben, ehe man so stark auf die Leiharbeiter zurückgreift", forderte Nisch.
Viel ist am Sonntag bei der traditionellen 1.-Mai-Kundgebung in Böblingen von prekären Arbeitsverhältnissen die Rede gewesen. Kritik entzündete sich dabei auch an der Praxis vieler Unternehmen, verstärkt Leiharbeiter einzusetzen. "Das ist der Ausdruck einer Willkürherrschaft der Unternehmen", klagte Uwe Meinhardt, der Zweite Bevollmächtigte der IG-Metall Stuttgart, als Hauptredner. "Mit diesen Stellen sollen die Personalkosten massiv gesenkt werden. Denn wenn es weniger Arbeit gibt, sitzen vor allem die Leiharbeiter sofort wieder auf der Straße", erklärte Meinhardt. Und selbst wenn sie Arbeit hätten, würden sie meist schlechter bezahlt als die feste Belegschaft, kritisierte er.