Strategie des Stuttgarter Konzerns Bosch setzt auf Digitalisierung

Von Klaus Köster 

Bosch_Chef Denner Foto: dpa
Bosch_Chef DennerFoto: dpa

Smartphones können heute fast alles – bald messen sie sogar die Luftqualität und schalten die Klimaanlage ein, wenn es an Sauerstoff mangelt. Dass der Traditionskonzern den digitalen Fortschritt vorantreibt, hätte den Stuttgartern vor kurzem noch kaum jemand zugetraut.

Stuttgart - Ist Bosch im vergangenen Jahr um vier Prozent gewachsen? Oder um zehn? Oder gar um 45? Das kommt auf die Betrachtungsweise an, denn die vorläufigen Geschäftszahlen, die der Stuttgarter Konzern jetzt vorgelegt hat, lassen alle Schlüsse zu – und jeder ist richtig, enthält aber eine andere Aussage. Ein Plus von 45 Prozent kommt heraus, wenn man den Umsatz des Jahres 2015 mit dem des Vorjahres vergleicht, der um rund 22 Milliarden auf 70 Milliarden Euro gestiegen ist. Die Zahlen sind allerdings nicht wirklich vergleichbar, denn hinter dem Wachstum stehen nicht nur gestiegene Verkäufe, sondern vor allem die Komplettübernahme der einstigen Gemeinschaftsunternehmen BSH Hausgeräte und Robert Bosch Automotive Steering (Lenksysteme).

Von den bisherigen Partnern Siemens und ZF übernahm man je die Hälfte der Anteile, so dass beide Unternehmen jetzt voll in der ­Bilanz auftauchen. Wenn man die Zahlen für 2014 so anhebt, als hätten die beiden Unternehmen schon damals ganz zu Bosch gehört, ergibt sich ein Umsatzplus von zehn Prozent.

Doch auch dieses besteht nicht vollständig aus zusätzlichen Verkäufen, sondern ist sogar zum überwiegenden Teil darauf ­zurückzuführen, dass Bosch für Erlöse in ausländischen Währungen – etwa in US-Dollar – wegen der Währungsentwicklung höhere Euro-Umsätze verbuchen konnte. Rechnet man auch diesen Effekt heraus, verbleibt ein Plus von rund vier Prozent, mit dem Bosch mitten im geplanten Zielkorridor von drei bis fünf Prozent gelandet ist.

In vielen Bereichen stieg der Marktanteil der Stuttgarter

Vier Prozent – das ist viermal so viel wie das Wachstum der weltweiten Automobilproduktion und damit der Kuchen, den es in der größten Bosch-Sparte zu verteilen gab. Auch das weltweite Wirtschaftswachstum blieb mit 2,5 Prozent hinter dem zurück, was Bosch ­erreichte. Gerade im weltweit eher lahmenden Automobilsektor konnte der Konzern ­seinen Marktanteil deutlich steigern – wuchs Bosch hier doch um zwölf Prozent auf knapp 42 Milliarden Euro. Verantwortlich dafür ­waren vor allem die Einspritzsysteme für Benziner und für Diesel, bei denen Bosch trotz VW-Affäre keinen Rückgang verspürt.

Zunehmend erntet der Konzern heute die Früchte der massiven Investitionen in die Digitalisierung, die sich Konzernchef Volkmar Denner bereits zu Beginn seiner Amtszeit auf die Fahnen geschrieben hatte. Bosch profitierte davon, dass der Markt für neue Funktionen wie Spurhalte- oder Notbremsassistenten wächst, die in immer mehr Neufahrzeugen enthalten sind. Weil für solche Assistenten Sensoren erforderlich sind, wächst der Absatz geradezu stürmisch. Die Verkaufszahlen für Radar- und Videosensoren haben sich erneut verdoppelt.

Mit einem Plus von elf Prozent und einem Umsatz von 5,1 Milliarden Euro ist auch der Unternehmensbereich, der sich mit Energie und Gebäudetechnik befasst, stark gewachsen. Hier liefen Sicherheitssysteme und ­in­telligente Heizungen sehr gut; bei Letzteren ist Bosch mit einem Absatz von 100 000 vernetzten Produkten inzwischen der führende Hersteller. Auch in der Sparte, die sich um den Privatkonsumenten kümmert, waren vernetzte Produkte der Wachstumstreiber – hier tat sich besonders die Haushaltsgeräte-Tochter BSH hervor. Auch vernetzte Rasenmäher aus dem Geschäftsbereich Power Tools (Werkzeuge) trugen dazu bei, dass die Sparte um neun Prozent auf 17 Milliarden Euro wuchs. Dagegen musste die stark vom Maschinenbau abhängige Industrietechnik-Sparte ein Minus von zwei Prozent hinnehmen, wobei sich der Verpackungsmaschinen-Bereich „moderat positiv“ entwickelte.

Das Auto als persönlicher Assistent und als Haushaltshilfe, die schon mal den Backofen einschaltet

Doch nicht nur der Umsatz ist gewachsen, sondern auch das, was unter dem Strich ­übrig bleibt: Das Betriebsergebnis stieg um mehr als 20 Prozent auf rund fünf Milliarden Euro. Rechnet man Sondereffekte, etwa durch die Übernahme von BSH und den Lenksystemen heraus, bleibt ein Ergebnis von 4,5 Milliarden Euro – ein Plus von 20 Prozent. Weil der Gewinn damit deutlich schneller als der vergleichbare Umsatz ­gestiegen ist, verbesserte sich auch die ­Umsatzrendite auf 6,5 Prozent.

Auch in diesem Jahr will Bosch in einem schwierigen Umfeld schneller wachsen als die Märkte, auf denen man tätig ist. Vor ­allem das Internet der Dinge, also die ­Vernetzung von Gegenständen wie etwa Autos, aber auch Heizungen oder Alarmanlagen, soll weitere Marktanteile bringen. „In der vernetzten Welt hat der einen Vorteil, der in vielen Bereich stark und zu Hause ist“, sagt Denner. „Welches Unternehmen kann das Auto nicht nur zum persönlichen Assistenten, sondern zur Haushaltshilfe machen, die von unterwegs schon mal die Heizung anschaltet und den Backofen vorwärmt?“

Eine besonders wichtige Kompetenz sieht Bosch in den Sensoren, wie sie in Reutlingen hergestellt werden. Diese werden sowohl in Fahrzeugen als auch in Gebäuden in immer größerer Zahl gebraucht – und mit immer neuen Anwendungsfeldern. Mittlerweise verfügt Bosch auch über Sensoren, die die Qualität der Raumluft messen können, um mit diesen Informationen einmal automatisch Klimaanlagen steuern zu können. Auch die Messung der Außenluft wird über kurz oder lang mit drei Millimeter kleinen Sensoren möglich sein. Werden die Geräte vernetzt, lassen sich daraus kleinräumige digitale Wetterkarten erzeugen. Schon jetzt erobert Bosch mit seinen Smartphone-Sensoren, die auch den Luftdruck messen können, Marktanteile. Inzwischen sind in drei von vier Smartphones, die weltweit gebaut werden, Bosch-Sensoren vorhanden. Noch vor einem Jahr war es jedes zweite.

Parkplatzsuche als ideale Anwendung vernetzter Technologien

Auch im Autogeschäft sieht Bosch in der Vernetzung große Chancen. So hat Bosch bereits eine technische Lösung, mit der Fahrzeuge die Straßen ständig nach Parkplätzen absuchen und diese an eine Datenzentrale melden, die daraus Echtzeit-Informationen über Parkmöglichkeiten zusammenstellt – und diese Informationen verkauft. Auch kann Bosch inzwischen Parkplätze mit Sensoren ausstatten, die bemerken, ob ein Platz belegt ist oder nicht. Über die Vernetzung soll sich nicht nur der Park-Suchverkehr stark verringern lassen, auch die Verkehrs­sicherheit soll steigen: So könnte über die Fahrzeugortung erkannt werden, ob ein Auto falsch in eine Schnellstraße einfährt. Die Software warnt dann übers Datennetz nicht nur den betreffenden Fahrer, sondern auch die Autos in der Nähe.

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