StN-Reihe „Über Kunst“ mit Thomas Locher Vom Überschuss der Bedeutungen

Von Nikolai B. Forstbauer 

Am 29. Mai Gast der Gesprächsreihe „Über Kunst“  unserer Zeitung in der Galerie Parrotta in Stuttgart: der Künstler Thomas Locher Foto: Erich Malter
Am 29. Mai Gast der Gesprächsreihe „Über Kunst“ unserer Zeitung in der Galerie Parrotta in Stuttgart: der Künstler Thomas Locher Foto: Erich Malter

Näher dran an herausragenden Persönlichkeiten der Kunstszene: Die „Stuttgarter Nachrichten“ machen dies mit ihrer Gesprächsreihe „Über Kunst“ möglich. Nächster Gast ist am Montag, 29. Mai, um 19.30 Uhr der international bekannte Künstler Thomas Locher. „Über Kunst“ findet statt in der Galerie Parrotta in Stuttgart.

Stuttgart - Am 1. Juni übernimmt Thomas Locher ­offiziell das Rektoramt der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Seit Februar bereits wird er als Rektor geführt – „richtig los aber“, sagt Locher, „geht es jetzt“.

Locher am Steuer einer bis vor wenigen Jahren international als Flaggschiff der ­Malerei geltenden und zuvorderst mit dem Namen Neo Rauch verbundenen Kunsthochschule? Locher, soviel ist klar, hätte als Künstlerforscher an den einige Zeit üb­lichen Blindeinkäufen in den Leipziger ­Ateliers seine analytische Freude gehabt. Und doch dürfte er sich jetzt, da der Wind in der jüngeren Leipziger Kunstszene eher aus der Ecke des Performativen und des Diskurses weht, noch wohler fühlen.

Seit Jahren an der Spitze des Kunstgeschehens

Thomas Locher? Seit fast 30 Jahren zählt der 1956 in Munderkingen Geborene zur Spitze des deutschen Kunstgeschehens.­­ ­Lochers zeichnerische, plastische, objekthafte Befragung von Buchstaben, Wörtern und der Folge ihrer Verbindungen macht einen Locher-Beitrag für eine Bestandsaufnahme deutscher Gegenwartskunst unverzichtbar. Immer wieder wird Locher buchstäblich konkret. So ist etwa das einer Analyse des Grungesetztextes folgende Projekt „Politics of Communication“ 2003 eine Untersuchung der Sprache des Arbeitsalltags. In mehreren Schritten reflektiert ­Locher darin die Gegenstände der Arbeitswelt (Tisch und Stuhl), deren Platzierungen sowie die sich daraus entwickelnden ­Bezugssysteme .

Eine Sprachuntersuchung als Kunst? Die Auseinandersetzung mit Sprache ist seit ­Beginn des 20. Jahrhunderts ein zentrales Thema der Kunst. Um 1910 werden Buch­staben,Wörter, Wortfetzen und Ausrisse aus Tageszeitungen zu eigenwertigen Bild­elementen. Die Schrift ist nicht mehr ­kommentierendes Beiwerk, sondern selbst Hauptakteur.

Sprache erklärt Gesellschaft

Nach welchen Regeln aber entstehen diese Worte, nach welchen Gesetzen funktionieren Sätze, in welche Systematik ist Sprache organisiert? Konsequent macht Thomas ­Locher, der von 1979 bis 1985 an der Kunstakademie Stuttgart und an der Universität Stuttgart studiert und im Wintersemester 1997/98 Gastdozent an der Merz-Akademie in Stuttgart ist, solche Fragestellungen zum Thema. ­Sprache selbst, macht Locher deutlich, basiert auf ihren eingeschriebenen Macht- und Ordnungssystemen. Macht man diese sichtbar, erklärt man die Funktionsweisen in der Gesellschaft.

Was ihn antreibt? Locher verweist auf seine Jugend, auf den Widerstreit zwischen konservativer Regierung und immer lauteren Demonstranten in Baden-Württemberg. Und heute? Die weltweite Finanzkrise und die Debatten um die Sicherheiten beziehungsweise Unsicherheiten im europäischen Finanzverbund muss man als Steilvorlagen für Locher sehen. Über was wird da eigentlich imZusammenhangmit dem Euro debattiert – und wie? Das ist denn auch 2012 der Ausgangspunkt für die von Claudia ­Emmert für das Kunstpalais Erlangen ­erarbeitete Ausstellung „Parcours“. Präsentiert sind seinerzeit unter anderemArbeiten, auf ­denenmit Farbbeuteln beworfene Zitate aus dem „Kapital“ von Karl Marx zu lesen sind. Etwa: „Es ist nur das ­bestimmte gesellschaftliche Verhältnis der Menschen selbst, welches hier für sie die ­fantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen ­annimmt.“

Was ist gesetzt, was bleibt, was verwischt, was wird verwischt? Locher, umfänglich in der Kunstsammlung der Landesbank Baden-Württemberg vertreten und in Stuttgart durch eine zur Eröffnung des Kunstmuseums 2005 vorgestellte Arbeit viele Jahre prägend für den Sammlungsbereich des Museums, hat im Zentrum der Metropolregion eine Bühne, die regelmäßig Erstaufführungsort der jeweils jüngsten Werkgruppe ist. Immer wieder setzt die Galerie Reinhard Hauff ein Fragekarussell in Gang – zuletzt etwa nach der Veränderung von ­Zeichen und Buchstaben im Pfropfen, ­Drücken und Hängen. Im Titel der Ausstellung:„Dead Letters. Living Words. Dying Metaphors. graft, press, hang“ .

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