Steine des Bonatzbaus Der Nordflügel ist ausverkauft

Jürgen Bock, 07.04.2012 15:33 Uhr

Stuttgart - Der Weg zum Stuttgarter Hauptbahnhof ist staubig und steinig, aber von Prominenz gesäumt. „Hier liegt die alte Messe auf dem Killesberg, daneben ein 800 Jahre altes Stück der Esslinger Stadtmauer“, sagt Manuel Rongen. Es folgt der frühere Karlsruher Bahnhof. „Und hier haben wir die Marienbrücke aus Dresden. Die wollte man tatsächlich zu Schotter verarbeiten“, sagt Rongen kopfschüttelnd. Auch die Reste vom Umbau der Mercedes-Benz-Arena lagern gleich nebenan. „Hier hat jeder Stein seine Geschichte“, sagt der Hausherr, „und da hinten sieht man auch schon den Stuttgarter Hauptbahnhof.“

Nun ist Rongen nicht Geschäftsführer eines Freizeitparks, in dem Miniaturgebäude stehen. Stattdessen handelt er mit Handfestem. Der Natursteinpark Tübingen auf dem Gelände des früheren französischen Munitionsdepots verwertet und verkauft gebrauchte und antike Natursteine. Auf 20 Hektar Fläche türmen sich 40.000 Tonnen unterschiedlichen Materials. Steinmetze und ein Bildhauer haben sich auf dem bewaldeten Areal angesiedelt, die Universität Tübingen hat geholfen, einen Lehrpfad anzulegen. Ein begehbares Steinmuseum wartet auf Kunden und Neugierige.

Laut Rongen ist das Unternehmen das größte und wohl auch einzige in Deutschland, das in dieser Dimension mit gebrauchten Natursteinen handelt. Demzufolge landet fast alles hier, was beim Abtragen größerer Gebäude im weiten Umkreis anfällt. Die Steine kommen jeweils vom Abrissunternehmen, das sie an Rongen verkauft. „Das Geschäft hat sich sehr gewandelt“, sagt er, „heute sind das alles absolute Profis. Das Material wird sauber getrennt.“ Was nicht bei Rongen landet, wird meist auf der Deponie entsorgt oder zu Schotter verarbeitet.

1500 Tonnen Südflügel

Dieses Schicksal hätte auch den Resten der abgerissenen Seitenflügel des Bonatzbaus gedroht, wenn sie nicht zur Weiterverwertung vorgesehen worden wären. „Das ist Crailsheimer Muschelkalk. Ein sehr schöner Stein, grau mit braunen Einschlüssen, aus einem Steinbruch, den es immer noch gibt. Kein Kruscht“, sagt Rongen und biegt rechts ab. Er bleibt vor einem riesigen Steinhaufen stehen. Hier liegen die ungleichmäßigen Steine, rechts daneben lagern die gleichförmigen Quader, sauber gestapelt.

„Derzeit haben wir 1500 Tonnen Südflügel hier, wir rechnen insgesamt mit etwa 3000“, sagt der Geschäftsführer. Manche der Quader tragen aufgemalte blaue Punkte – sie sind schon verkauft. Zwischen 35 und 150 Euro kostet die Tonne, je nach Beschaffenheit. „Manche Leute kommen her und wollen nur einen Stein als Andenken“, sagt Rongen. Doch die meisten Quader werden zu Trockenmauern oder Sitzbänken verarbeitet. „1000 Tonnen Nordflügel stehen schon in schwäbischen Gärten“, sagt Rongen und schmunzelt. Ausverkauft.

Wenn der Herr der Steine von seinem Naturmaterial spricht, gerät er ins Schwärmen. „Das ist alles von Hand gehauen, ein Wahnsinn, was man da geleistet hat. Heute wäre das viel zu teuer.“ An manchen Steinen sieht man noch jede Kerbe. Die vom Hauptbahnhof tragen zum Teil noch Nummern. „Wenn man die alten Pläne hätte, könnte man genau sagen, an welcher Stelle die gewesen sind.“

 
 
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Kommentare (32)
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APR
16
holzkopf, 12:05 Uhr

schön zu wissen....

...dass diese steine -ob nun teil vom bahnhof oder einem kleingarten- uns alle, die wir uns hier den mund über s21 fusslig reden, restlos überdauern werden. ;-) hat man nicht auch den alten belag der königsstraße plättlesweise verkauft?

APR
14
Die Ulmer, 14:27 Uhr

Der Ausverkauf Stuttgarts

Wir Ulmer wollten mal in Stuttgart nach dem Rechten sehen. Das ist ja eine Katastrophe was ihr da angerichtet habt. Baufortschritt gleich Null, nur Verwüstungen. Habt ihr Stuttgarter denn überhaupt keinen Plan ? Aber die Steuergelder verpulvern, dass könnt ihr. Wenn das jemals fertig wird, sage ich heute schon voraus: 10 Milliarden werden da nicht reichen. Wer ist eigentlich für dieses Total-Versagen verantwortlich ? Wahrscheinlich wie immer '' keiner ''.

APR
13
T.G., 11:53 Uhr

Die Bahn tut alles, um möglichst keine Diskussion über den Wiederaufbau aufkommen zu lassen

Dabei wird der Wiederaufbau auf diese Weise doch nur noch teurer für die Bahn AG.

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