Steigende Strompreise Nur wer wechselt, spart

Walther Rosenberger, 04.12.2012 13:00 Uhr
Mehr als die Hälfte der Energieversorger erhöht zum Jahreswechsel die Strompreise. Auf die Verbraucher rollt eine Kostenlawine nie gekannten Ausmaßes zu. Um sich dem zu entziehen, gibt es nur eine Möglichkeit: Versorger oder Tarif wechseln.

Stuttgart - Die Tarife für Strom und Gas – sie steigen und steigen. Vor Beginn der Energiewende waren es stets die Kosten für die Rohstoffe Kohle, Öl und Gas, die die Preise klettern ließen. Nun sind es die Belastungen, die aus dem Ausbau erneuerbarer Energien entstehen, die den Verbrauchern ein Loch in den Geldbeutel reißen. Entspannung ist frühestens in einem Jahrzehnt in Sicht. Dann werden die „Gratis-Energien“ Sonne, Wind und Biomasse teure Öl- und Gasimporte so stark verdrängt haben, dass sich die Energiewende nach Expertenmeinung auszahlen wird – ein Effekt, der schon jetzt sechs Milliarden Euro im Jahr ausmacht. Bis dahin heißt es aber: Energie wird teurer. Doch wie kann man die Kosten minimieren?


Wie sieht die Lage aus?
Nach einer Analyse des Verbraucherportals Verivox werden zum Jahreswechsel 614 von bundesweit etwa 1100 Stromversorgern ihre Tarife um durchschnittlich zwölf Prozent erhöhen. Für einen Mehrfamilienhaushalt bedeutet das einen Anstieg der jährlichen Energiekosten um rund 120 Euro. Wer dann als Mama-Papa-Kind-Kind-Familie weniger als 1000 Euro im Jahr für den Strom ­bezahlt, fährt schon ziemlich günstig.

Welche Versorger erhöhen die Preise?
Großkonzerne, Regionalversorger, Stadtwerke und reine Energievertriebe – die Preiserhöhungen gehen quer durch die Branche. Im Normalfall sind es die Grundversorger, die die Tarife zuerst anheben. Die größten in Baden-Württemberg sind die Karlsruher EnBW und die Freiburger Badenova. In deren Schlepptau folgen dann die kleineren Firmen. Bis Ende März dürften fast alle Unternehmen die Tarife angepasst haben, schätzt Daniel Dodt vom Vergleichsportal Toptarif.

Wann lohnt sich der Anbieterwechsel?
Sparen können besonders Stromkunden, die ihren Versorger noch nie gewechselt haben. Sie haben nämlich den meist sehr teuren Grundversorgungstarif ihres lokalen Anbieters gebucht. Bei der EnBW ist dies etwa der Tarif EnBW Komfort, den der Konzern ab Anfang Februar 2013 um 10,3 Prozent anhebt. Aber auch Kunden, die nicht in den teuren Grundversorgungstarifen verharren, können Geld sparen. Allerdings sind die Deutschen ziemliche Wechselmuffel. Auch fast 15 Jahre nach Beginn der Liberalisierung der Energiemärkte beziehen nach Daten der Bundesnetzagentur noch knapp 40 Prozent der deutschen Haushalte Grundversorgungsstrom und haben damit den Versorger oder den Tarif noch nie gewechselt. Etwas gewiefter sind die Stuttgarter Bürger. Nach einer Umfrage von TNS-Emnid im Auftrag der Eon-Tochter E-wie-Einfach haben immerhin 29 Prozent der Haushalte schon einmal den Anbieter gewechselt. Bundesweit liegt der Wert bei 17 Prozent. Mit jedem Druck auf den Lichtschalter verschwenden sie Geld – und das, obwohl fast alle Bürger den Preis als wichtigstes Kriterium der Anbieterwahl angeben.

Wie viel lässt sich durch einen Anbieterwechsel sparen?
Daniel Dodt von Vergleichsportal Toptarif schätzt, dass bis zu 30 Prozent der Stromkosten gespart werden können, bei einer Familie also durchaus 300 Euro und mehr. „Fast immer beträgt die Ersparnis pro Familie mehr als hundert Euro im Jahr.“

Wechseln – wie geht das?
Der Anbieterwechsel ist kein Problem und geht schnell. Der erste Schritt: Sich über seine aktuellen Stromkosten klarwerden. Dazu: Unterlagen wälzen oder (schneller) den aktuellen Versorger anrufen und sich nach dem jährlichen Stromverbrauch und den Kosten erkundigen. Dafür den gültigen Grund- und Arbeitspreis des eigenen Tarifs erfragen. Der Grundpreis ist ein Fixbetrag, der monatlich für die Stromlieferung anfällt, der Arbeitspreis bezeichnet die Kosten der Kilowattstunde Strom in Cent. Diese Daten dienen als Referenz für Vergleichsangebote, die sich am einfachsten im Internet über Portale wie Toptarif.de oder Verivox.de herausfinden lassen. Diese Seiten listen alle verfügbaren Ausweichangebote auf. Wer kein Internet hat, orientiert sich etwa an der konzen­trierten Auswahl in unserer Zeitung oder ruft ihm bekannte Versorger direkt an. Wenn man sich für einen Tarif entschieden hat, genügt ein Anruf beim neuen Versorger. Nötig sind dann nur der Name des alten Lieferanten, die Kunden- sowie die Zählernummer. Alles Weitere übernimmt der neue Anbieter. Spätestens nach einem Monat fließt der neue Strom. Wichtig: Nicht selbst beim alten Versorger kündigen, sondern das dem neuen Unternehmen überlassen.

Kommt man leicht aus seinem alten Vertrag heraus?
Grundversorgungskunden zahlen am meisten, haben aber auch die kürzesten Kündigungsfristen. Sie betragen maximal vier Wochen zum Ende des Kalendermonats. Bei Stromsondertarifen gibt es abweichende Fristen. Wenn – wie jetzt der Fall – Preiserhöhungen anstehen, hat der Kunde ein Sonderkündigungsrecht. Meist wird den Verbrauchern dann eine Kündigungsfrist eingeräumt, die einen Monat vor Inkrafttreten der Preisänderung endet.

Auf was sollte bei der Wahl des neuen Vertrags geachtet werden?
Zuerst einmal sollte man sich klarwerden, was für ein Wechseltyp man ist. Wer kein Problem damit hat, jedes Jahr den Versorger zu wechseln, kann bei der Wahl der Angebote auf Boni- und Rabattjagd gehen. Viele Versorger gewähren Neukunden Rabatte, die ziemlich satt ausfallen und den Preis des Angebots im ersten Jahr gewaltig drücken. Boni und Rabatte, die einmalig gezahlt werden, täuschen allerdings darüber hinweg, dass die laufenden Kosten des Angebots – also Grund- und Arbeitspreis – vielleicht etwas höher als normal sind. Für Wechselmuffel empfiehlt sich daher, auf die Rabatte zu pfeifen und sich nur an den effektiven Kosten zu orientieren.

Preisgarantien, Vorauskasse und Online-Tarife – was ist sinnvoll?
Preisgarantien sind nach Expertenmeinung extrem wichtig. Am besten sind vollumfassende Garantien, die die Kosten des Tarifs auf mindestens ein Jahr zementieren. Allerdings bieten nur etwa zehn bundesweit buchbare Versorger, darunter etwa die EnBW-Tochter Yello, E-wie-Einfach oder Vattenfall, diese Variante an. Die meisten Versorger gewähren sogenannte eingeschränkte Preisgarantien. Diese beziehen sich meist nicht auf staatlich beeinflussbare Preisbestandteile, also etwa Steuern und Abgaben, darunter auch die berüchtigte EEG-Umlage für erneuerbare Energien. Diese eingeschränkten Preisgarantien haben aber auch ihren Sinn, zumal nach dem Preisschock der letzten Wochen die Abgabenlast in mittlerer Zukunft langsamer steigen wird. Von Vorauskassemodellen und Paketpreisen raten Verbraucherschützer dagegen meist ab. Mit Online-Tarifen können vor allem Kunden, die sich im Netz mühelos bewegen, zusätzlich Geld sparen.

Servicequalität und Beschwerden – wie ist die Lage aktuell?
Daniel Dodt von Verivox hält die Servicequalität der Versorger für „immer besser werdend“. Die meisten Anbieter hätten sich seit 2008 stark professionalisiert, Kundenanfragen würden meist routiniert abgewickelt. Allerdings, das gibt auch der Experte zu, sind Beschwerden keine Einzelfälle. Oft beruhten sie jedoch auf Missverständnissen. Wenn echte Probleme auftauchen, ist der Kontakt zu den jeweiligen Verbraucherzentralen oder zur Schlichtungsstelle Energie anzuraten. Von mehreren Ministerien getragen, werden hier Streitigkeiten außergerichtlich beigelegt – eine Praxis, die sich nach Expertensicht bewährt hat.

Was sind echte Ökotarife?
Ökotarife gibt es viele. Als echte Ökoanbieter gelten aber die von der Initiative Atomausstieg-selber-machen empfohlenen Versorger EWS Schönau, Lichtblick, Naturstrom und Greenpeace Energy. Andere Versorger, die etwa auf das Ok-Power-Siegel oder das Grüner-Strom-Label zurückgreifen, entsprechen ebenfalls harten Öko-Kriterien. Finger weg gilt dagegen für Anbieter, die Ökostrom über sogenannte Recs-Zertifikate vermarkten, da es sich hierbei um umetikettierten Atomstrom handeln kann.

Wo sitzen die Energiefresser im Haus?
Stromfressern den Garaus machen, ist die beste Art, Energie und Kosten zu sparen. Vorsicht also bei Stand-by-Schaltern oder Geräten, die über keinen echten Aus-Knopf verfügen. Durch abschaltbare Steckdosenleisten legt man sie am besten still, wenn man sie nicht braucht. Auch alte Kühlschränke, Wäschetrockner oder Waschmaschinen brauchen so viel Energie, dass sich ihr Austausch oft schnell lohnt. Gleiches gilt für Heizungs- und Umwälzpumpen älterer Bauart. Sie sind oft zu groß konzipiert und echte Stromfresser.

www.atomausstieg-selber-machen.de

www.vz-bawue.de

www.schlichtungsstelle-energie.de

 
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