Stauffenberg-Gesellschaft in Stuttgart Stoppsignal für die Feinde der Demokratie

Von Jan Sellner 

Am 15. November vor 110 Jahren wurde der   Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg  geboren. Foto: GEDENKSTAETTE
Am 15. November vor 110 Jahren wurde der Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg geboren. Foto: GEDENKSTAETTE

Die diesjährige Gedächtnisvorlesung der Stauffenberg-Gesellschaft war dem Sozialdemokraten Adolf Reichwein gewidmet – eine packende Geschichtsstunde mit direkten Bezügen zur Gegenwart.

Stuttgart - Was bewegt mehrere Hundert Menschen, Jahr für Jahr an einem Samstag im November der Einladung der Stauffenberg-Gesellschaft zu einer Gedächtnisvorlesung in den Weißen Saal des Stuttgarter Neuen Schlosses zu folgen? Das anschließende Buffet? Unwahrscheinlich. Der Auftritt von Solisten und Kammerchor des Eberhard-Ludwigs-Gymnasiums, das die Stauffenberg-Brüder einst besuchten? Schon eher, immerhin sind dort viele musikalische Talente versammelt.

Der eigentliche Grund aber für den Besucherandrang ist die in dieser Form einzigartige Möglichkeit einer intensiven Begegnung mit Biografien von Männern und Frauen des deutschen Widerstandes gegen die Nazi-Diktatur, Persönlichkeiten, die Lichtpunkte waren während des dunkelsten Kapitels deutscher Geschichte.

Zu diesen Persönlichkeiten zählt Adolf Reichwein (1898-1944), gebürtig in Bad Ems. Der Sozialdemokrat, Wirtschaftswissenschaftler, Reform-Pädagoge und Vorreiter der Erwachsenenbildung steht im Mittelpunkt der vom Leiter des Hauses der Geschichte, Thomas Schnabel, und Kultusstaatssekretär Volker Schebesta eröffneten zwölften Gedächtnisvorlesung. Anlass dieser Reihe ist der Geburtstag des Hitler-Attentäters Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der am 15. November vor 110 Jahren geboren wurde.

„Sein Schicksal hat mich ein Leben lang begleitet“

Der Festvortrag stammt von Roland Reichwein einem von vier Kindern aus Adolf Reichweins zweiter Ehe. Eine Krankheit verhindert, dass er ihn selbst hält. Alfred von Hofacker, Sohn des Widerstandskämpfers Caesar von Hofacker, die Rolle des Vortragenden. Die beiden verbindet ein ähnliches Kinderschicksal: Roland Reichwein war acht Jahre alt, als sein Vater hingerichtet wurde, Alfred Hofacker neun. Das Vater-Bild ist entsprechend verschwommen, erst nach und nach hat Roland Reichwein es sich erschlossen – aus Erzählungen von Weggefährten und aus der Beschäftigung mit dem Widerstand: „Da war ich bereits 40 und gerade Professor für Soziologie in Münster geworden.“ Den Grund für diese späte Hinwendung teilt er mit etlichen anderen Kindern von Männern des Widerstandes: „Es gab Zeiten – Ende der 40er und in den 50er Jahren – in denen ich gegenüber Unbekannten lieber nicht davon sprach, dass mein Vater zum Widerstand gegen Hitler gehörte, weil ich befürchten musste, dann als Sohn eines Hoch- und Landesverräters angesprochen zu werden.“ Tatsächlich aber ist der Vater für Roland Reichwein eine feste Größe: „Sein Schicksal hat mich ein Leben lang begleitet.“

Verraten von einem Gestapo-Spitzel

Die persönliche Erinnerung des Sohnes endet im Frühsommer 1944. Als Stauffenberg am 20. Juli das Attentat auf Hitler verübte, saß Adolf Reichwein bereits in Haft; ein Gestapo-Spitzel hatte ein geplantes Treffen mit einer kommunistischen Widerstandsgruppe in Berlin verraten. Reichwein gehörte zum Kreisauer Kreis, der zivilen, bürgerlichen Widerstandsgruppe um Helmuth James von Moltke, die sich Gedanken über das von der Nazi-Diktatur befreite Nachkriegs-Deutschland machten. Reichwein sollte nach diesen Plänen Kulturminister werden.

Die Kontaktaufnahme mit den Kommunisten war der Versuch, den Widerstand gegen Hitler auf breitere Basis zu stellen – im Bewusstsein der Todesgefahr, die damit einher ging, denn: „Wenn das schiefgeht, kostet es das Leben.“ Am 20. Oktober wurde Reichwein, 46-jährig, vom sogenannten Volksgerichtshof zum Tod verurteilt und zusammen mit Hermann Maaß, einem Mitstreiter, am selben Tag in Berlin-Plötzensee gehängt.

„Der Weg zur totalitären Herrschaft ist kurz“

Sein Sohn ist weit davon entfernt, den Vater zu verklären. Dieser versuchte sich anfangs mit den Verhältnissen zu arrangieren - in der Annahme, dass der braune Spuk bald wieder verschwindet: „Er und viele seiner Zeitgenossen haben es nicht für möglich gehalten, dass die Nazis brutal eine totalitäre Herrschaft durchsetzen würden.“ Erst 1940, sieben Jahre nach der Hitlers Machtergreifung, ging er in den Widerstand, dann jedoch zum Äußersten entschlossen. Im Juni 1944 formulierte Reichwein, der nach den Erlebnissen des Ersten Weltkriegs zum Pazifisten geworden war, folgende Sätze: „Es müssen entscheidende Schritte unternommen werden, um das deutsche Volk und die europäische Kultur zu retten. Es ist tragisch, zu Mitteln greifen zu müssen, die ich aus meiner ganzen inneren Einstellung heraus ablehne. Wir werden auch bestenfalls kein eigenes Leben mehr haben, das werden wir unseren Kindern und der Zukunft des Deutschen Volkes zum Opfer bringen müssen. Doch um dieser Zukunft willen muß es sein. Es ist schon sehr, sehr spät, aber noch nicht zu spät.“

Die Gedächtnisvorlesung hinterlässt einen starken Eindruck bei den Zuhörern, zu denen auch der Stauffenberg-Sohn Berthold gehört. Wolfgang Schneiderhan, Vorsitzender der Stauffenberg-Gesellschaft, sieht am Beispiel Reichweins bestätigt, wie überrumpelt sich viele Nazi-Gegner anfangs fühlten. „Der Weg zur totalitären Herrschaft ist kurz“, sagt er. Die Schlussfolgerung daraus lautet für ihn „denjenigen ein klares ,Halt!‘ entgegen zu setzen, die für unseren politischen, moralischen und gesellschaftlichen Werterahmen nur Spott und Verachtung übrig haben.“

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