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"Stammheim muss sich nicht verstecken"

"Nord-Rundschau", vom 25.10.2011 02:45 Uhr
Stammheim Bezirksvorsteherin Tina Hülle wird am Mittwoch verabschiedet. Es fällt ihr nicht leicht, Stammheim zu verlassen.

Frau Hülle, jetzt sind es doch nur vier Jahre in Stammheim geworden. Dabei hätten Sie ja eigentlich "lebenslänglich" verdient.

Zumindest wäre ich als Bezirksvorsteherin Beamtin auf Lebenszeit gewesen. Insofern wäre das "lebenslänglich" zumindest theoretisch möglich gewesen.

Ihr Lebensgefährte wohnt in Bamberg, Sie gehen der Liebe wegen. Dafür gibt es mildernde Umstände. Aber warum gehen Sie denn so plötzlich?

Das kommt Ihnen nur so vor. Ich habe schon einige Zeit darüber nachgedacht, wollte aber erst meinen Chef informieren und dass es danach alle gleichzeitig erfahren. So wollte ich vermeiden, dass es Gerüchte gibt.

Aber ist Bamberg denn besser als Stammheim?

Ich würde zwischen den Orten keinen Vergleich anstellen. Beide haben ihre Vorzüge. Bamberg lockt beispielsweise durch seinen Status als Welterbestadt, eine große kulturelle Vielfalt, Kunst und Kirchen spielen eine große Rolle. Es ist aber auch ein wichtiger Wirtschaftsstandort mit 70 000 Einwohnern, wodurch sich für mich eine interessante neue berufliche Herausforderung ergibt. Gleichzeitig hört damit die unangenehme Pendelei zwischen Stuttgart und Bamberg auf.

Da spricht die künftige Wirtschaftsförderin Bambergs. Was werden Sie denn in Stammheim vermissen?

Vor allem die vielen netten Leute, das fällt mir sehr schwer. Ich habe hier viele Freunde gewonnen. Dort fange ich in dieser Hinsicht und auch beruflich wieder neu an. Erst wenn man sich entschieden hat zu gehen, wird einem so richtig klar, was man zurücklässt. Besonders gefreut habe ich mich über die positiven Rückmeldungen. Jetzt kommen auf einmal Leute, von denen ich es nicht erwartet hätte, aber die sagen: "Ich habe gern mit Ihnen gearbeitet" oder "Sie haben Ihre Sache gut gemacht, wir werden Sie vermissen".

Ihr Abschied kommt schon ein wenig Knall auf Fall. Welche Baustelle hätten Sie denn gern noch zu Ende gebracht?

Na, der Stadtbahn-Umbau ist ja so gut wie abgeschlossen. Das Einweihungsfest ist am 10. Dezember. Da bin ich zwar keine Bezirksvorsteherin mehr und werde also keine Begrüßungsrede halten. Aber als Gast will ich auf jeden Fall dabei sein.

Und sonst . . .

. . . ist die Schulentwicklung wichtig, und die Kinderbetreuung muss besser werden. Am Herzen liegt mir die Ortsmitte, das ist eine wichtige Sache. Da muss etwas passieren. Stammheim muss sich besser präsentieren. Wir brauchen ein schöneres Wohnumfeld, um auch junge Familien für Stammheim zu gewinnen. Die Bürger wollen Treffpunkte.

Und glauben Sie daran, dass sich ein Investor findet, der die Grundstücke kauft und der Wohnungen und einen Supermarkt am Freihofplatz verwirklicht?

Ich bekomme deswegen viele Anfragen von Investoren und Projektentwicklern. Und auch die Grundstückseigentümer interessieren sich.

Aber die Eigentümer wollen doch nicht alle verkaufen, oder?

Die Grundstückseigentümer stehen dem Projekt nach meiner Wahrnehmung sehr aufgeschlossen gegenüber. Von allen Eigentümern, die wir für eine große Lösung bräuchten, hat mir noch keiner gesagt, dass er per se nicht verkaufen möchte. Sie wollen vorher verständlicherweise möglichst genau wissen, worauf sie sich einlassen.

Legen Sie mal die Karten auf den Tisch: Worauf sind Sie als Bezirksvorsteherin stolz?

Auf die Rückmeldung der Leute, was meine Arbeit betrifft. Als ich kam, war ich mit meinen damals 29 Jahren Stuttgarts jüngste Bezirksvorsteherin und bin es ja auch heute noch. Da waren viele skeptisch. Die haben gedacht, da kommt so ein junges Mädchen - ob die wohl dazu in der Lage ist, sich durchzusetzen und die wichtigen Themen Stammheims voran zu bringen? Jetzt sehen die Leute, es hat sich was getan, zum Beispiel auf der Freihofstraße, die ist sichtbar schöner. Ich habe das Gefühl, ich kann ohne schlechtes Gewissen gehen und meine Nachfolgerin oder meinen Nachfolger erwartet ein gut bestelltes Feld.

Haben Sie schon eine Idee, wer an Ihrem Schreibtisch künftig Platz nehmen könnte?

Hier rufen in jüngster Zeit einige an, die sich über meinen Job und über Stammheim erkundigen. Aber ich nenne keinen Namen.

Schade. Verraten Sie wenigstens, was es für Sie bedeutet, Bezirksvorsteher zu sein?

Bezirksvorsteher arbeiten weitgehend autark. Sie müssen initiativ werden und die Themen voranbringen wollen, müssen die Probleme zur Sprache bringen und in die Stadtmitte tragen: in die Verwaltung und zu den Politikern. Aus der Innenstadt kommt selten jemand von sich aus und sagt: "Dürfen wir dieses oder jenes Projekt in Stammheim voranbringen?" Das ist die Aufgabe von uns Bezirksvorstehern.

Und welche Eigenschaften sind vonnöten?

Man muss zäh sein, hartnäckig, frustrationstolerant, freundlich, offen und geduldig in der Ungeduld - weil man wollen muss, dass die Dinge schnell gehen, sie es aber auch nicht immer tun. Und man sollte kein Choleriker sein.

Welche Projekte sollte der oder die Neue denn weiterführen?

Vor allem die Ortsmitte. Dann ist das Neubaugebiet Langenäcker-Wiesert wichtig, die Verbesserung der Kinderbetreuung und wie es mit der Schule weitergeht. Und wir brauchen auch Pläne, wie es mit dem Gemeindehaus weitergehen soll, wenn die Feuerwehr ausgezogen ist. Finanzbürgermeister Föll hat hierfür jüngst übrigens Mittel für eine Machbarkeitsstudie in Aussicht gestellt.

Klingt traumhaft. Jetzt träumen Sie mal bitte und stellen sich vor, Sie kommen in zehn Jahren wieder nach Stammheim und es hätte sich nach Ihren Vorstellungen verändert. Wie sähe das aus?

Also gut, ich schließe die Augen. Die Schülerinnen und Schüler, die in Stammheim sowohl einen Hauptschulabschluss als auch die mittlere Reife ablegen können, sitzen in einem schönen Café auf dem neu gestalteten Freihofplatz. Sie treffen dort auf junge Familien, die vor kurzem in das Neubaugebiet Langenäcker-Wiesert gezogen sind und sich nach ihren Einkäufen in den attraktiven Läden entlang der Freihofstraße noch einen Cappuccino gönnen wollen. Dabei schauen sie den Älteren zu, die auf dem Bouleplatz nebenan ihren Spaß haben. In dem Café ist gerade noch ein Tisch für meinen Partner und mich frei. Darf ich die Augen wieder auf machen?

Selbstverständlich. Und was wünschen Sie den Stammheimer Bürgern zum Abschied?

Dass sie sich nicht hinter den anderen Stadtbezirken verstecken, dass sie ihre Stimme erheben und ihre Anliegen vorbringen. Erste Gelegenheit dazu gibt es in den anstehenden Haushaltsberatungen.

So, nun ist Ihre letzte Gelegenheit, über die Nord-Rundschau ein Wort an die Stammheimer zu richten.

Dann möchte ich für das Vertrauen in mich danken und für die Unterstützung bei all den Projekten der vergangenen Jahre. Ich wünsche mir, dass die Bürger, die Ämter und die Politiker weiterhin so gut zusammenarbeiten und an einem Strang ziehen, dass sie möglichst viel für Stammheim erreichen. Dass sie sich einmischen und Gehör verschaffen, bis in die Stadtmitte. Ich wünsche Ihnen, liebe Stammheimerinnen und Stammheimer, alles Gute!

Die Fragen stellte Chris Lederer

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