Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen Zum Gedicht gibt’s Brüste und Schenkel

Von Philipp Obergassner 

Ein düsteres Malerbuch Picassos: „Poèmes et Litograhpies“ Foto: factum/Granville
Ein düsteres Malerbuch Picassos: „Poèmes et Litograhpies“Foto: factum/Granville

Picasso, Matisse, Chagall: In einer neuen Ausstellung zeigt die Galerie Malerbücher der französischen Moderne. Die aufwendig gestalteten Bände sind teilweise sehr explizit, was Erotik angeht.

Bietigheim-Bissingen - Die Geschichte der Malerbücher begann mit einem Skandal: Im Jahr 1900 brachte Pierre Bonnard den Band „Parallèlement“ heraus. Darin abgebildet: weibliche Akte neben erotisch expliziten Gedichten von Paul Verlaine. Dem französischen Justizministerium war das zu freizügig, der Band durfte deshalb nur in einer zensierten Version erscheinen. „Die französischen Texte haben es zum Teil echt in sich“, sagt Isabell Schenk-Weininger, die Leiterin der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen. Diese bietet seit Samstag eine Ausstellung zu Malerbüchern der französischen Moderne – es ist eine in vielerlei Hinsicht sehenswerte Schau.

Da ist zum einen die bislang wenig beleuchtete Geschichte der Malerbücher selbst. In Frankreich maßgeblich von Verlegern vorangetrieben, waren diese kostbaren Produkte künstlerischer Kooperation in Wort und Bild einem erlesenen Kreis betuchter Sammler vorbehalten. Die Auflagen der Bücher lagen meist zwischen 20 und 150 Stück. Die Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen hat ihre Exponate aus dem Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster entliehen, das mit der Sammlung Classen einen einzigartigen Fundus an französischen Malerbüchern beherbergt.

Picasso, Matisse, Chagall – Künstler von Weltrang in Bietigheim

Zum anderen hat die Städtische Galerie durch die Leihgaben die Möglichkeit, Werke von Künstlern mit Weltrang auszustellen: Picasso, Matisse, Chagall – sie alle sind mit Malerbüchern vertreten. Natürlich gehört Picasso auch in dieser Kategorie zu den produktivsten Künstlern: Mehr als 150 Malerbücher hat er geschaffen, mal mit eigenen Texten, mal mit Werken zeitgenössischer oder gar antiker Dichter. Die Bücher bieten einen Überblick über seine Stile und Motive, beispielsweise beim düsteren „Poèmes et Litographie“.

Dabei ist es Schenk-Weininger wichtig zu betonen, dass es sich bei den Bildern keineswegs um Illustrationen der Texte handelt. Die Holzschnitte, Lithografien und Radierungen haben Bezüge zum Text, mehr aber auch nicht. Und manchmal nicht einmal das: Für eine Auftragsarbeit sollte Henri Matisse von James Joyce „Ulysses“ inspirierte Bilder liefern. Der dachte aber gar nicht daran, sich mit dem Mammutwerk auseinanderzusetzen, und lieferte einfach Radierungen zum antiken Original, der „Odyssee“. „Das hat mit Joyce gar nichts zu tun, ist aber trotzdem schön“, sagt Schenk-Weininger.

Freie Interpretation der Texte

François Chapon definierte den ästhetischen Gleichklang der Malerbücher oder „livres d´artiste“ einst als „ein und dieselbe Suche auf unterschiedlichen Wegen“. Wie frei die Maler bei der Interpretation der Texte anderer Künstler waren, sieht man auch bei George Rouaults düster-morbider Interpretation von Baudelaires „Fleurs du mal“ oder Aristide Maillols Verarbeitung von Ovids „Die Kunst der Liebe“.

Womit wir wieder beim erotisch expliziten Inhalt wären. Ohne Frauenbrüste und Schenkel wäre Maillol wohl kein Künstler geworden, hat der Kunsthistoriker Julius Meier-Graefe gesagt. Die Malerbücher waren allein schon aufgrund ihrer Exklusivität intimer Natur. Die Sammler waren meist betuchte Männer. So hält sich die Zahl der Malerbücher von Künstlerinnen auch stark in Grenzen: Gerade mal zwei Frauen sind ausgestellt – wobei die Arbeiten von Marie Laurencin Gedichte der griechisch-antiken Lyrikerin Sappho enthalten, worin die gleichgeschlechtliche Liebe zwischen Frauen thematisiert wird. Also auch hier: Brüste, nur diesmal in filigranerer Linienführung.

Zuletzt muss man der Galerie zu Gute halten, dass sie die Bücher gut in Szene gesetzt hat. Wo sie nicht gebunden sind, hängen die hochwertigen Papiere an der Wand. Und gebundene Bücher kann der Besucher in digitaler Version auf einem Tablet neben dem Exponat „durchwischen“. Die französischen Gedichte gibt es in übersetzter Version am Rande zum Nachlesen. Und manche Ausstellungsstücke sind mit Hörstationen versehen, wo die Besucher die Texte vorgelesen bekommen. Dann ist die Ablenkung durch die Bilder vielleicht auch nicht so groß.

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