Staatsgalerie Stuttgart Der Meister von Meßkirch: Ein Genie wird durchleuchtet

Von Georg Leisten 

Die Restauratorin Eva Tasch nimmt ein Detail aus der Mitteltafel des Wildensteiner Altars unter die Lupe. Foto: Lichtgut/Verena Ecker
Die Restauratorin Eva Tasch nimmt ein Detail aus der Mitteltafel des Wildensteiner Altars unter die Lupe. Foto: Lichtgut/Verena Ecker

Er hat legendäre Werke wie den Wildensteiner Altar erschaffen: Doch über den Meister von Meßkirch weiß man wenig. Nun durchleuchten die Restauratoren die Werke des namenlosen Malers – und fördern vor der großen Landesausstellung in der Stuttgarter Staatsgalerie neue Erkenntnisse zutage.

Stuttgart - Kein Name, kein Ruhm. Da ist der Ausstellungsbetrieb gnadenlos. Anonyme Künstler werden seltener präsentiert und auch weniger intensiv erforscht – egal wie grandios und singulär ihr Œuvre auch sein mag. Insofern bricht die Stuttgarter Staatsgalerie im Herbst gleich mit zwei Konventionen. Während alle Welt die Reformation feiert, widmet sich Baden-Württembergs führendes Museum in seiner kommenden Landesausstellung nicht nur einem prononciert katholischen Künstler, sondern auch einem, von dem keiner weiß, wie er eigentlich hieß: dem Meister von Meßkirch. Seinen Notnamen erhielt der geniale Unbekannte nach einem Altarensemble für die Kirche St. Martin in Meßkirch bei Sigmaringen. Doch auch andere Werke tragen seine Handschrift. Zwischen 1520 und 1540 war der Renaissancemaler vor allem im oberschwäbischen Raum tätig. Über ihn persönlich indes schweigen sich alle schriftlichen Quellen der Zeit aus.

Wer Neues über den Schöpfer anmutiger Madonnen und prunkvoll gewandeter Heiligengestalten erfahren will, muss also in seinen Bildern danach suchen. Das haben Lydia Schmidt und Eva Tasch getan. Ein Jahr lang nahmen die beiden Restauratorinnen den Maler so genau unter die Lupe wie schon lang nicht mehr. Mit kunsthistorischem Rat stand ihnen Peter Scholz zur Seite. Als kuratorischer Assistent wirkte er auch an der Vorbereitung der Schau, die Anfang Dezember startet, mit.

Den Restauratoren bleibt nichts verborgen

Insgesamt standen dreizehn Tafeln auf dem Prüfstand, prominentestes Stück: der Wildensteiner Altar. 2013 hat ihn das Museum aus den Fürstlich Fürstenbergischen Sammlungen in Donaueschingen erworben. Während sich der Kunsthistoriker auf Bildvergleiche und Quellenstudien beschränken muss, standen den Restauratorinnen auch naturwissenschaftliche Methoden zur Verfügung. „Wir wissen jetzt mehr über Technik und Werkstattorganisation des Künstlers“, fasst Schmidt die Ergebnisse zusammen. Die kunsttechnologische Analyse lief so ab: Zunächst wurden die Tafeln behutsam ausgerahmt. Dann kamen Röntgen- und Infrarotgeräte zum Einsatz, gleichzeitig entnahmen die beiden Expertinnen Farbproben und schauten sich das Trägermaterial genauer an. Es ist Tannenholz, kein untypischer Bildträger für die Epoche des Malers.

Besonders die Werkentstehung konnten Schmidt und Tasch exakt rekonstruieren. Der Meister begann die Bilder mit Vorzeichnungen in Eisengallus, einer Tintenlösung aus Eisensulfat und Galläpfeln. Die eigentliche Malerei führte er in einem Gemisch aus Öl und Eitempera aus. Doch auch mit Blattgold sparte der Künstler nicht. „Daran wird deutlich, dass er für altgläubige Auftraggeber arbeitete“, sagt Scholz. In der schlichteren reformatorischen Bildästhetik war der Einsatz des Edelmetalls unüblich. Der Meßkirch-Meister dagegen verlieh den goldenen Bischofsmützen und Gewändern seiner Heiligen sogar noch plastisch hervortretenden Reliefcharakter, und zwar durch haarfeine Ritzungen, wie die mikroskopischen Aufnahmen der Restauratorinnen belegen.

Die Heilige Kundigunde verrät ihre Geheimnisse

Spannendes verriet auch die „Heilige Kunigunde“, der versprengte Seitenflügel eines nicht komplett erhaltenen Altars. Hier staunten Schmidt und Tasch über merkwürdige, schwer lesbare Notizen im Untergrund: „Wir haben das als interne Abkürzungen für Farben identifiziert“, erklärt Tasch. „Bla“ für Blau, etwas wie „gol“ für Gold. Anweisungen des Meisters an seine Gesellen, wie sie die jeweiligen Stellen auszumalen hatten. Der Mann konnte es sich also leisten, Tätigkeiten zu delegieren. Und er hatte die richtigen Leute dafür. Der Kunsthistoriker schließt aus diesem Befund: „Dass ein katholisch geprägter Künstler im protestantischen Württemberg eine offenbar recht große Werkstatt unterhielt, spricht für ein hohes zeitgenössisches Interesse an seinen Bildern. Viele seiner Kollegen sind dank Luther arbeitslos geworden.“ Zu den wenigen Adeligen der Region, die eisenhart am katholischen Glauben festhielten, gehörte der Freiherr und spätere Graf Gottfried Werner von Zimmern. Er hatte 1536 den Wildensteiner Altar in Auftrag gaben und ist, in vollem Harnisch, auf der Innenseite des linken Flügels als frommer Stifter porträtiert.

Auch bei der sogenannten Benedikt-Tafel, einem anderen Werk aus der Staatsgalerie, fiel den Museumsmitarbeitern etwas auf. Das Kreuz, vor dem der Einsiedler anbetend kniet, wurde zwischendurch versetzt. In der Endfassung ragt das Kruzifix schräger in den Bildraum. „Möglicherweise“, vermutet Scholz, „hat der Künstler noch vor der Fertigstellung ein Hieronymus-Blatt von Dürer gesehen, auf dem dies ähnlich ist. Danach hat er seinen Entwurf abgeändert.“

Ein Künstler mit einer Vorliebe für Ritterrüstungen

Denn obwohl der Meister von Meßkirch an mancher mittelalterlichen Tradition festhielt (Scholz: „Das merken Sie etwa an seiner Vorliebe für Ritterrüstungen!“), stand er auch neuen Entwicklungen offen gegenüber. Immer wieder verweisen Motive auf Dürer und seinen Kreis, Architekturkulissen nehmen die Säulen und Rundbögen der italienischen Renaissance auf. Die Ausstellung wird dies mit Vergleichsbeispielen von Dürer selbst sowie von Hans Baldung Grien oder Albrecht Altdorfer weiter vertiefen.

Eine Sache aber, auf die man beim Durchleuchten vielleicht insgeheim gehofft hatte, trat nicht zutage: eine Signatur, die den Maler aus seinem Inkognito geholt hätte. Doch auch ohne ihm einen Namen geben zu können – das Stuttgarter Forscherteam ist sich sicher: „Nach der Ausstellung wird der Stellenwert des Künstlers ein anderer sein.“

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