Sportphilosoph Gebauer „Fußball hat den Vorbild-Charakter verloren“

Gunter Barner, 19.06.2012 17:00 Uhr

Stuttgart – Er ist Professor an der Freien Universität Berlin. Er ist Philosoph, Soziologe und messerscharfer Analyst sportlichen Geschehens. Wir sprachen mit Gunter Gebauer am Rande eines Gastvortrags an der Uni Stuttgart.


Herr Gebauer, gestatten Sie zunächst, dass ich Ihnen mein Mitgefühl zum Ausdruck bringe.
(schmunzelt) Danke! Aber bitte in doppelter Hinsicht. Ich arbeite in Berlin, den Hauptwohnsitz habe ich immer noch in Köln. Und beide Vereine sind abgestiegen.

Wie lautet Ihre Analyse?
Beide Clubs sind zu Recht abgestiegen. Der 1. FC Köln wird schlecht geführt. Da gibt es zwar viele gute Leute, aber nichts passt zusammen. Bei Hertha war die Trennung von Trainer Markus Babbel in der Winterpause eine Katastrophe.

Die Begleitumstände des Abstiegs über die Relegation waren nicht minder katastrophal. Ist der Fußball emotional überfrachtet?
Diesen Eindruck teile ich. Aber das ist ja gewollt. Die Veranstaltungen werden so organisiert, dass man ein Maximum an Emotionen herausholt. Stadien werden als Arenen ohne Laufbahn gebaut, als Stimmungsräume mit steilen Tribünen, auf denen die Leute dicht neben- und übereinander sitzen. Der Austragsmodus kommt noch hinzu. In der Relegation steht in zwei Spielen alles auf des Messers Schneide.

Ein Spiel mit dem Feuer?
Es geht um viel. Um das Image des Vereins, unter Umständen sogar um seine Zukunft. Jede Stadt will gern in der Bundesliga vertreten sein, die Spieler bangen um ihre Einkommen, Zulieferer und Händler um ihr Geschäft. Das erzeugt ein Maximum an Spannung . . .

. . . das die Sportverbände mit ihrer Dramaturgie auf die Spitze treiben.
Das ist legitim. Das belebt das Geschäft, schafft öffentliche Aufmerksamkeit und sorgt für Gesprächsstoff.

Und für Randale!
(seufzt) Na ja, man muss die Geschehnisse nicht übertreiben. Normalerweise sind die Stadien ja gut organisiert. Es ist in Düsseldorf zweierlei passiert: Die Fortunen-Fans dachten das Spiel sei zu Ende und rannten in ihrer Freude auf den Rasen. Darin sehe ich kein Verbrechen. Bedenklich ist dagegen die Pyrotechnik. Das muss abgestellt werden. Aber darin sind sich ja auch alle einig.

 
 
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Kommentare (3)
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JUN
20
DK, 11:50 Uhr

@Tom

Ich wüßte kein passenderes Bild.

JUN
19
Kai-Uwe Bevc, 19:41 Uhr

Brot und Spiele

So könnte man die Ausführungen auch zusammenfassen. - Und wer sich nicht mit den ausufernden Emotionen (die größtenteils projiziert und nicht geteilt sind) und fast schon grotesken Überhöhungen anfreunden kann und die 'Unser Ali nicht'-Mentalität nicht teilen kann, der muss mittlerweile schon mit Prügel rechnen, wenn er sich nicht rechtzeitig aus dem Staub macht. Das geht schon des öfteren in Massenhysterie über und verlässt den Boden von Feiern und Spaß. Und genau letzteres wird immer schlimmer. Das schön zu reden bringt nichts. - Dabei kann ich mich noch an eine Zeit erinnern, da hab ich noch selbst gefeiert. Irgendwo zwischen bösen Fouls und prügelnden 'Fans' sowie nicht zuletzt der elendigen Geldmaschine ist de Freude aber auf der Strecke geblieben und 'mein' Fußball gestorben. Sport ist das eh nur noch am Rande. Schade eigentlich, vor allem, weil sich dieser verquere Geist mittlerweile bis in die Dorfmannschaften und Jugend zieht. - So und nun fleißig den Daumen nach unten klicken; schon klar - geschenkt ;-)

JUN
19
Tom, 18:32 Uhr

Unpassendes Bild mit Hitlergruß

Ich hätte ein anderes Bild gewählt, liebe Redaktion! Neben der Dame im Nationaltrikot sieht man einen Arm zum Hitlergruß erhoben...

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