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Sportler mit Behinderung „Wir alle können Dinge und andere Dinge eben nicht“

Von Frank Rothfuss 

Der Stuttgarter Fotograf Luca Siermann begleitet seit zehn Jahren die Special Olympics, die Wettkämpfe geistig behinderter Sportler. Seine Porträts der Athleten sind derzeit im Regierungspräsidium zu sehen.

Stuttgart - Herr Siermann, was ist normal?
Ich habe darauf keine allgemeingültige Antwort. Seit ich bei den Special Olympics fotografiere, weiß ich allerdings, dass unser Konzept von Normalität und Behinderung nicht greift. Wir alle können Dinge und können andere Dinge eben nicht. Wenn Sie sehen, wie fantastisch die Athleten Ski fahren und wie mäßig ich dabei bin, kann man fragen: Wer ist denn nun der Behinderte? Und es gibt vieles mehr, was ich nicht kann.
Aber ganz sicher können Sie fotografieren. Wie kamen Sie zu den Special Olympics?
Ich arbeite seit längerem mit der Firma ABB zusammen. ABB unterstützt die Special Olympics und bat mich, die Arbeit der freiwilligen Helfer mit der Kamera zu begleiten. 2004 war ich dann bei den deutschen Sommerspielen in Hamburg – und sofort vom Special-Olympics-Virus infiziert.
Ist das Virus gefährlich?
Ja. Man stellt nämlich alte Denkmuster infrage. Wie viele der in den 60er Jahren Aufgewachsenen hatte ich keine Berührung mit Behinderten. Die sah man nicht, die waren im Heim. Die Special Olympics haben mich förmlich umgehauen, diese Begeisterung, diese Lebensfreude können sie nirgendwo sonst erleben. Dort lebt der olympische Gedanke, dabei sein ist alles. Ansonsten ist das ja nur noch Klischee, geht es um Geld, die bedingungslose Fokussierung auf Erfolg.
Bei den Special Olympics geht es doch auch um Erfolg?
Natürlich wollen die alle auch Erfolg. Aber dieser Erfolg ist eine andere Kategorie, als man das gewohnt ist, als der uns so verinnerlichte Leistungsgedanke. Ich erinnere mich da an eine Geschichte bei den Spielen in Berlin 2006 bei der Leichtathletik. Da nahm ein junger Mann am Standweitsprung teil. Zwei Helfer halfen ihm aus dem Rollstuhl. Dann stand er an einer weißen Linie und sprang. Im Grunde genommen war das, wie wenn er nach vorne fällt. Aber für jemanden, der im Rollstuhl sitzt und geistig behindert ist, kann das ein Erlebnis von Selbstverständlichkeit und Teilnahme sein, das man überhaupt nicht überschätzen kann. Solche Geschichten gibt es unzählige.
Erzählen Sie.
In Idaho bei den Weltspielen lief ein Mädchen beim Eisschnelllauf in die falsche Richtung. Nun dürfen die Trainer nicht eingreifen, aber die Zuschauer und der Schiedsrichter haben es geschafft, dass sie umdreht. Da merken Sie, dass die eigentliche Leistung bei den Weltspielen ist, dass dieses Mädchen durchs Ziel fährt. All das berührte mich tief. Und mich trieb die Idee um, aus diesen Erfahrungen etwas Eigenes machen.
Ihre Porträts?
Ja. Ich habe 2005 bei den Winterspielen in Garmisch im ABB-Zelt ein Eckchen bekommen, dort mein Porträtstudio aufgebaut und die ersten 80 Bilder gemacht. Das Jahr darauf in Berlin habe ich in der Max-Schmeling-Halle 20 großformatige Bilder gezeigt. Das kam so gut an, dass mich Special Olympics Deutschland gefragt hat, ob wir gemeinsam vor den Weltspielen in Schanghai ein Buch mit den Porträts machen könnten. So ging das los. Die Sache hat sich unglaublich entwickelt. Das kleine Pflänzchen von Garmisch ist zu einem großen Projekt geworden. Das Konzept habe ich von Anfang an so haben wollen. Ich habe es auch sehr ­bewusst und überzeugt nie verändert.
Was steckt da dahinter?
Eine künstlerische Entscheidung. Ich wollte den weißen Hintergrund, das Querformat, die Unmittelbarkeit und dieses Licht, ich wollte mit der Asymmetrie innerhalb der Bilder spielen. Die Reaktionen der Athleten und der Betrachter zeigen, dass es funktioniert.
Was ist Ihre Absicht?
Es ist ja nur ein kleiner Teil meiner Arbeit, aber eine wichtige Motivation für mich, das überhaupt zu machen, war, den Athleten ein Gesicht zu geben. Gerade damals war das eine Veranstaltung, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand. Etwas von der Individualität der Athleten, der Großartigkeit, von dem Spirit über die Gesichter in die Öffentlichkeit zu bringen, das ist eine Herzenssache.
Gibt es auch Athleten, denen Ihre Fotos nicht gefallen?
Der Fluch der digitalen Fotografie ist ja, dass jeder sein Foto gleich sehen will. Und da machen die Athleten keine Ausnahmen. Da gibt es wahnsinnig Eitle darunter. Sie haben 16-jährige Eiskunstläuferinnen, geschminkt, aufgedonnert, genauso, wie das wäre, wenn sie nicht behindert wären, die sind auch genauso eitel, die sind auch ganz genauso mit sich selbst am Kämpfen, weil sie genauso in der Pubertät stecken, weil sie genauso interessiert sind am anderen Geschlecht. Das ist das volle Programm. Plus, unter Umständen, die größere Emotionalität, plus die größere Unverstelltheit.
Haben Sie Freunde unter den Athleten?
Man kennt sich. Und manche begleite ich schon lange. Etwa Lisa Schnitzer, eine junge Frau mit Down-Syndrom. Die habe ich als Mädchen fotografiert, heute arbeitet sie im Kindergarten. Oder Willy Kirchmeier, da durfte ich dabei sein, als er bei den Weltspielen in Idaho nach Jahrzehnten seinen in die USA ausgewanderten Bruder getroffen hat. Das rührt Sie zu Tränen.
Ist das Inklusion, was Sie da machen?
Das ist ein großes Wort. Ich will einfach zeigen, dass das Leben eine größere Vielfalt hat, als wir annehmen. Ich glaube, dass wir uns als Gesellschaft keinen Gefallen tun, Menschen, die den Leistungserwartungen nicht genügen, in Einrichtungen zu geben. Diese Begegnungen sind eine unglaubliche Bereicherung.
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