Sportchefs in der Fußball-Bundesliga Nicht nur der VfB will keine Ein-Mann-Show mehr

Von Gunter Barner 

VfB-Sportvorstand Reschke, Aufsichtsratschef und Präsident Dietrich: Blitzwechsel Foto: Baumann
VfB-Sportvorstand Reschke, Aufsichtsratschef und Präsident Dietrich: Blitzwechsel Foto: Baumann

Er entscheidet über Millionen, feuert Trainer und kauft Spieler. Das Geschick eines Sportchefs kann über die Zukunft eines Clubs entscheiden. Immer mehr Vereine meiden die Ein-Mann-Show und verlassen sich lieber auf Kompetenz-Teams – aus gutem Grund.

Stuttgart - Weil jeder Versuch, sich dem Fußballgeschäft rational zu nähern, so ist, als würde man aufs eigene Tor schießen, verständigen sich Zyniker gern auf die Formel: Bundesliga bedeutet das Streben nach maximalem sportlichen Erfolg – unter strikter Vermeidung der möglichen Insolvenz.

Das leuchtet ein, bedeutet aber, dass es kein Fehler ist, wenn der Sportchef eines Clubs mit Millionenumsätzen Soll und Haben unfallfrei unterscheiden kann. Die ehemaligen Chefs beim VfB Stuttgart versicherten ihrem Sportvorstand Fredi Bobic auch deshalb die uneingeschränkte Wertschätzung: „Der kann ja sogar eine Bilanz lesen.“ Eine Fähigkeit allerdings, die ihn am Ende nicht vor dem Rauswurf bewahrte und die Frage aufwirft: Was muss so ein Sportvorstand eigentlich können? Nicht alles, aber ziemlich viel.

Wichtigste Aufgabe: Kaderplanung

„Wichtigste Aufgabe ist die strategische Kaderplanung“, sagt Alex Wehrle, Geschäftsführer des Bundesligisten 1. FC Köln, „er muss heute schon wissen, welche Spieler wir auf welchen Positionen in den kommenden zwei bis drei Jahren brauchen. Und sein Handeln danach ausrichten.“ Der Sportchef müsse Spiele analysieren können, Korrektiv für den Trainer sein, Strömungen in der Mannschaft wahrnehmen, nützliche Netzwerke pflegen und als Führungskraft strategische wie auch strukturelle Aufgaben vorantreiben. Von sozialer Intelligenz und Teamfähigkeit, sagt Wehrle, brauche man erst gar nicht zu reden.

Er hält den Kollegen Schmadtke deshalb für eine Idealbesetzung: „Er macht einen glänzenden Job.“ Selbstverständlich ist das aber nicht. Schmadtke war früher Bundesliga-Torwart, er studierte Betriebswirtschaft und Maschinenbau, brach beides ab. Seiner Karriere als Manager hat es nicht geschadet. Der 1. FC Köln gehört inzwischen so unangefochten zur Bundesliga wie der Geißbock Hennes zum Club.

Der frühere VfB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder pflegte die Antwort auf Fragen der Qualifikation von Ex-Profis nach dem Ausschlussverfahren zu geben. „Nur, weil einer mal den Freistoß um die Mauer zirkeln konnte, taugt er noch lange nicht zum Manager“, knurrte MV, als seiner Ära beim VfB schon der Abpfiff drohte. Die Ex-Profis Karlheinz Förster (Teammanager) und Hansi Müller (Vorstand für Marketing und Öffentlichkeitsarbeit) traten an, um den VfB in turbulenten Zeiten vor dem Gröbsten zu bewahren. Das gelang mehr schlecht als recht, was weniger an mangelnden Fähigkeiten der Protagonisten lag, als an den homerischen Schlachten in Reihen der Clubführung. Danach scheiterte Herbert Briem am Ego von Trainer Giovanni Trapattoni. Rolf Rüssmann stand irgendwann quer im Stall. Horst Heldt gelang als Manager mit dem VfB immerhin die deutsche Meisterschaft 2007. Nach sechs Jahren bei Schalke 04 lenkt der gelernte Kfz-Mechaniker nun den Ein- und Verkauf bei Hannover 96. Der Hang der Branche, ihr Führungspersonal aus den eigenen Reihen zu rekrutieren, scheint ungebrochen.

Retro-Lösung beim FC Bayern

Zuletzt entschied sich der FC Bayern, ansonsten ein Schrittmacher des deutschen Fußballs, für die Retro-Lösung auf dem Posten des Sportchefs. „Er braucht das Vertrauen der Spieler, des Vorstands und der Fans“, begründete Bayern-Präsident Uli Hoeneß die Wahl von Ex-Bayer Hasan Salihamidzic. „Brazzo“ hatte 2012 seine Karriere beendet und zuletzt diversen Sendeanstalten als TV-Experte gedient. „In diesem Geschäft gibt es viele Dinge, die nicht im Handbuch nachzulesen sind, sondern, die man selbst erlebt hat und aus dem Bauch raus entscheidet“, hält Uli Hoeneß den Zweiflern entgegen. Also doch: Einkaufstouren und Millionentransfers über Pi mal Daumen?

Kommt ganz darauf an. Seit der Jahrtausendwende hat sich der Fußball jedenfalls schneller verändert als die Branche, die nur zögerlich auf die Anforderungen des Marktes reagierte. Die meisten Clubs, auch der VfB Stuttgart, werden inzwischen als Kapitalgesellschaften geführt. Was bedeutet: Die Kurzärmeligkeiten der Instinkt-Funktionäre früherer Zeiten sind nicht nur riskant, sie geraten unter Umständen auch in Konflikt mit geltenden Gesetzen. Die Blicke der Sponsoren, Investoren und der Aufsichtsräte scannen noch intensiver als bisher die hauptamtlichen Führungskräfte in den Vorstandsetagen der Turbo-Kapital-Gesellschaften. Der VfB nahm kurz vor Saisonbeginn unter Getöse noch seinen Sportvorstand Jan Schindelmeiser vom Feld, schickte an seiner Stelle den Bayern-Import Michael Reschke ins Spiel. Strikt der Überzeugung von Club-Präsident und Aufsichtsratschef Wolfgang Dietrich folgend, die bestmöglichen Experten an den wichtigsten Stellen im Unternehmen zu platzieren. Reschke vermutet, dass es ein Problem für den VfB werden könnte, „dass inzwischen alle Clubs kompetent und seriös arbeiten“. Schlecht wirtschaftende Vereine, die sich hartnäckig um den Abstieg bewerben, sind diesmal nicht in Sicht. Weshalb es noch bedeutender sein wird, die Ressourcen des Fußball-Geschäfts möglichst intensiv auszuloten. Am besten im Team mit Spezialisten. Wer am Stammtisch glänzen will, spricht von der Notwendigkeit organisationaler Ambidextrie, der Fähigkeit von Organisationen, gleichermaßen effizient wie flexibel zu sein.

Das Bauchgefühl kann täuschen

„Zu häufig dienen noch weiche Parameter als überwiegende Entscheidungsgrundlage bei Spielertransfers. Dem Bauchgefühl von Trainern und Managern folgend“, sagt Professor Sascha L. Schmidt, Leiter des Center for Sports and Management an der WHU – Otto Beisheim School of Management in Düsseldorf. „Wenn die Transferkosten aber weiter steigen, wird das Risiko für jeden einzelnen Transfer höher und damit auch das Risiko für den Verein. Bei einem Deal über zweistellige Millionenbeträge aber nicht alle Parameter intensiv zu prüfen, wäre schlicht fahrlässig.“

Parameter wie Alter, Leistungsfähigkeit und Gesundheitszustand abzuwägen, sind im Auswahlverfahren längst eine Selbstverständlichkeit. Die kulturelle und psychische Typologie des Spielers, Vermarktungspotenzial, Markenwert, passende Finanzierungsmodelle, knifflige Vertragsoptionen und -klauseln werden dagegen noch häufig unterschätzt. Entweder, weil die Sportdirektoren wenig Ahnung davon haben – oder das Fachpersonal in den Vereinen fehlt. „Die Professionalisierung der Transferabwicklung hält mit dem derzeitigen Wachstum der Transfersummen nur bedingt Schritt“, sagt Sascha L. Schmidt.

Clubs wie RB Leipzig und 1899 Hoffenheim oder auch der 1. FC Köln orientieren sich dagegen schon seit Jahren stärker an privatwirtschaftlichen Modellen der Unternehmensführung. Sie leisten sich qualifiziertes Fachpersonal, bilden Strategie- und Transferteams – mit dem Sportchef als Projektleiter. Das rechnet sich. „Vereine, die mehr Rationalität in ihr Risikomanagement bringen, verschaffen sich Wettbewerbsvorteile“, sagt Stefan Walzel. Der Wissenschaftliche Mitarbeiter im Institut für Sportökonomie und Sportmanagement an der Sporthochschule Köln wundert sich: „Trainer oder Schiedsrichter müssen eine aufwendige Ausbildung absolvieren, sich alle paar Jahre fortbilden. Sportvorstand kann im Prinzip jeder werden.“ Der Grund: Das Amt eines Sportdirektors ist Teil der privatwirtschaftlichen Unternehmung des Vereins, Trainer und Referees unterliegen dem DFB-Lizenzrecht.

Der Handball ist in dieser Hinsicht schon weiter. Die Sporthochschule Köln kooperiert mit der Europäischen Handballföderation (EHF)-Union in einem Ausbildung-Projekt für Manager. Das Ziel: Vereine, die in der Champions League starten, müssen lizenziertes Fachpersonal nachweisen.

Spezialisten gesucht

„Früher oder später“, schätzt Ulf Baranowsky von der Spielergewerkschaft VDV, „werden noch mehr Clubs als bisher nach hoch qualifizierten und spezialisierten Mitarbeitern suchen. Nach Leuten mit Studienabschluss, guten Fremdsprachenkenntnissen und mit der Nähe zum Fußball. Und das nicht nur für die Vorstandsetagen.“ Der Geschäftsführer der Vereinigung der Vertragsfußballspieler rät Profis, „sich frühzeitig um die Zeit nach der Karriere zu kümmern.“ Gewinner sind immer einen Schritt voraus.

VfB Stuttgart - 1. Bundesliga

lade Widget...

Tabelle

lade Widget...
Komplette Tabelle

Lesen Sie jetzt