Spaßmacher mit Zottelfell und Eselsgeduld

Von "Blick vom Fernsehturm" 

Birkach. Therapeuten auf vierPfoten: die Malteser Besuchshunde. Von Franziska Neumann

Birkach. Therapeuten auf vierPfoten: die Malteser Besuchshunde. Von Franziska Neumann

Sie stehen schon vor der Tür. Vergessen sind Kaffee und Käsekuchen. Wie Kinder fiebern die Besucher des Café Fröschle ihren Gästen entgegen. Endlich fährt der silberne Wagen vor, und die heiß Ersehnten springen aus dem Auto und hecheln auf den Eingang zu. Aufmachen muss ihnen allerdings jemand anders, denn erwartet werden keine Zwei-, sondern Vierbeiner.

Anneliese Ergenzinger ist diejenige, welche die Tür öffnet und die Bande hereinlässt. Jeden Dienstag um 14.15 Uhr schaut sie mit ihren Besuchshunden vom Malteser Hilfsdienst Böblingen im Gemeindepsychatrischen Zentrum Birkach vorbei, ein Treffpunkt für Erwachsene mit psychischen Erkrankungen. "Seit Herbst 2008 kommen die Hunde regelmäßig ins Café und wir sind glücklich, sie bei uns zu haben", sagt Silvia Schweizer, die Leiterin der Tagesstätte. Ergenzinger sei schon früher ehrenamtliche Mitarbeiterin des Zentrums gewesen und habe irgendwann das Angebot mit den Hunden gemacht, erläutert die Leiterin.

Drei Hunde sind heute dabei. Smarty, der kleine Havanese, ist der Kleinste der Gruppe und immer für ein Spiel zu haben. "Wegen seines geringen Gewichtes setzen wir ihn besonders bei bettlägrigen Patienten ein", erklärt Ergenzinger. Der braune Labrador Buddy ist sehr kinderlieb und, aufgrund einer Herzschwäche, eher von der ruhigeren Sorte. Der Dritte im Bunde ist Benny, ein Mops-Havanesen-Mischling. "Unser Liebling der Damen. Ein richtiger Frauenschwarm", sagt Ergenzinger und lacht.

Eingesetzt werden die Malteser Besuchshunde vor allem bei jungen und alten, dementen, kranken oder seelisch, körperlich und geistig benachteiligten Menschen. "Die Hunde akzeptieren sie so wie sie sind", erklärt Ergenzinger und ergänzt: "Sie beruhigen, spenden Nähe und Wärme und aktivieren neuen Lebenswillen." Es habe sogar schon Fälle gegeben, bei denen Menschen, die jahrelang reglos im Bett lagen auf einmal versuchten, den Hund zu streicheln oder anzufassen.

Streicheleinheiten sind auch im Café Fröschle sehr beliebt. Geduldig lassen sich die Kleinen und Großen liebkosen und mit Möhrenstückchen füttern. Andere Leckereien sind nicht erlaubt, denn die Hunde dürfen auf ihren vielen Einsätzen nicht zu dick werden. Mit den gesunden Bissen muss allerdings nicht gegeizt werden. "Na los, darfst einmal Staubsauger spielen", sagt Andrea Walter zu Buddy, als ihr mehrere Stückchen aus der Dose auf den Boden fallen und sich der Labrador sofort drüber hermacht.

Schmusen und Fressen ist allerdings nicht alles. Konstanze Singler will spielen. Dazu holt sie ein paar Würfel, schüttelt sie und wirft eine Elf. Das bedeutet für Buddy eine Rolle oder Slalom für Smarty. Jede Augenzahl steht für ein Kunststück. Ob Tanzen, im Kreis drehen, Puppenwagen schieben oder zwischen den Beinen durchlaufen, die Vierbeiner machen alles mit. "Sie sollen die Besucher zum Lachen bringen", erläutert Ergenzinger.

Was nach Spiel und Spaß aussieht, ist in Wirklichkeit harte Arbeit für Hund und Herrchen sowie das Ergebnis einer intensiven Ausbildung. "Besuchshund kann nicht jeder werden", sagt Dieter Hamm, Referent für Besuchs- und Therapiehunde beim Malteser Kreisverband Böblingen. Ein Besuchshund sollte idealerweise einen ruhigen und ausgeglichenen Charakter haben und keinerlei aggressives Verhalten aufzeigen. Auch der Hundehalter muss diese Wesenszüge widerspiegeln. "Das Team muss stimmen", sagt Hamm. Ob das der Fall ist, wird bereits vor der Ausbildung, bei einem Eignungstest festgestellt. Dieser soll den Grundgehorsam des Tieres und die Kontrolle durch den Hundehalter überprüfen.

Erst vor kurzem fand ein solcher Test vor einem Altenpflegeheim in Sindelfingen statt. Neun Teams, bestehend aus Hund und Herrchen, nahmen an der Prüfung teil. So unterschiedlich wie die Tiere - vom kleinen Havanesen bis zum riesigen Neufundländer - waren auch die Menschen. Sowohl jüngere, als auch ältere Teilnehmer interessieren sich für die ehrenamtliche Arbeit mit ihren vierbeinigen Lieblingen. Viele sind bereits im sozialen Bereich tätig und wollen die Hunde integrieren. So auch Christina Baumbach. Sie ist eine der Jüngsten in der Gruppe und engagiert sich mit ihrem Neufundländer Hektor im Jugendrotkreuz und der Rettungssuche. Die Ausbildung machen sie, weil "Heki so verschmust ist" und sie glaubt, "dass er anderen Menschen genauso viel Freude bringen kann wie mir."

Der Test wird von Dieter Hamm und Anneliese Ergenzinger geleitet. Dabei werden die Teams mit den unterschiedlichsten Situationen konfrontiert. Zum Beispiel müssen die Hunde ruhig neben einem Rollstuhl entlang laufen oder die bedrängende Nähe von drei oder mehr Personen ertragen. "Wir testen, wie aggressiv sich die Tiere verhalten", erklärt Hamm. Ebenfalls dazu gehört, dass Hamm an Krücken läuft und beim Händeschütteln mit Absicht eine fallen lässt. Reagiert der Hund stürmisch oder springt er hoch, ist er durchgefallen. Nichts dergleichen passiert. Nur Edith Abels Australian Shepherd Linko reagiert etwas schreckhaft. "Er ist vorsichtig, aber sonst sehr lieb", sagt die Besitzerin.

Hingegen lässt sich Candy von ihrem Frauchen Petra Callmeyer ganz ohne Schwierigkeiten in den Rollstuhl setzen und im Kreis herumfahren. Während ihr Mann zusieht, sagt er: "Wir gehen hauptsächlich in Altenheime und nehmen den Menschen die Einsamkeit. Das ist ein gutes Gefühl"

Die schwierigste Übung steht allerdings noch aus. Dieter Hamm schneidet ein Saitenwürstchen in Stückchen und legt sie in einen Eimer. Nun muss jedes Team darum herumlaufen. "Die erste Runde klappt noch ganz gut", sagt Ergenzinger und lächelt. Was genau sie damit meint, wird gleich darauf klar. Hamm nimmt die Würstchenstücke und legt sie oben auf den umgedrehten Eimer. Das gleiche Spiel noch einmal. Jetzt reicht ein strenges "Nein" nicht mehr aus, allein die Leine bewahrt die Würstchenstücke vor den gierigen Schnauzen. Bei den meisten hilft nur noch stupide Bestechung in Form von Leberwurst aus der Tube. Der Hintergrund des Spiels ist weniger lustig. "Die Hunde dürfen nicht alles fressen, was sie bekommen. Da kann auch schon einmal eine Herztablette dabei sein", erklärt Ergenzinger.

Nach eineinhalb Stunden haben es die Teams geschafft. Die Übungen sind beendet. "Alle haben bestanden", ist das abschließende Urteil von Hamm und Ergenzinger. "So eine gute Gruppe hatten wir noch nie. Wir wurden nicht mal gebissen", erläutert Hamm begeistert.

Nach dem Eignungstest folgen mehrmonatige Ausbildungseinheiten mit einer weiteren Abschlussprüfung. Nach 18 Monaten muss eine erneute Prüfung abgelegt werden, um auszuschließen, dass sich weder Mensch noch Tier negativ verändert haben.

Buddy, Benny und Smarty haben die Ausbildung mit all ihren Prüfungen schon lange hinter sich. Sie dürfen sich stolz zur Malteser Besuchshundestaffel zählen und Woche für Woche die Besucher des Café Fröschle in Birkach mit fröhlichem Bellen und Kunststücken erfreuen.

Nach einer Stunde ist aber auch für sie Schluss. "Wir wollen die Hunde nicht überfordern", sagt Ergenzinger und verfrachtet die Meute zurück in das silberne Auto. Traurig sind die verbliebenen Damen und Herren nicht. "Nächste Woche kommen sie ja wieder", sagt Konstanze Singler und winkt.

Weitere Informationen gibt"s unter Telefon 0171/ 86 73 64 0 oder im Internet unter www.malteser-boeblingen.de.

Redaktion Degerloch

Ansprechpartner
Cedric Rehman
degerloch@stz.zgs.de

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