Fachkräftemangel in Deutschland Kollege Azubi kommt aus Spanien

Von Imelda Flaig 

Blick auf die Festo-Zentrale  in Esslingen. Foto: Festo
Blick auf die Festo-Zentrale in Esslingen.Foto: Festo

Während in Südeuropa die Arbeitslosigkeit hoch ist, macht sich Deutschland Soren wegen des Fachkräftemangels. Auch bleiben mangels geeigneter Bewerber viele Lehrstellen unbesetzt. Junge Spanier kommen deshalb als Azubis nach Deutschland – das bietet beiden Seiten Perspektiven.

Während in Südeuropa die Arbeitslosigkeit hoch ist, macht sich Deutschland Soren wegen des Fachkräftemangels. Auch bleiben mangels geeigneter Bewerber viele Lehrstellen unbesetzt. Junge Spanier kommen deshalb als Azubis nach Deutschland – das bietet beiden Seiten Perspektiven.

Stuttgart - „In Spanien ist es nahezu aussichtslos, einen Job zu bekommen,“, sagt Francisco Nieto Madruga, „selbst mit einem Abschluss findet man keine Arbeit.“ Deshalb macht der 23-Jährige eine Lehre bei Festo in Esslingen. „Das ist für mich eine Chance“, sagt der junge Mann aus dem nordspanischen Burgos.

Vorreiter Festo

Nieto Madruga ist einer von drei ausländischen Azubis, die im September 2013 bei dem Esslinger Pneumatikspezialisten eine dreieinhalb Jahre dauernde Ausbildung zum Mechatroniker begonnen haben. Auch Joan Linzbach Segura (19) aus Barcelona und Miguel Costa (20) aus dem portugiesischen Porto haben für einen Neustart in Deutschland ihre Heimat verlassen.

Millionen junger Leute aus Südeuropa haben keine Arbeit. Im krisengeschüttelten Spanien ist es besonders extrem. Jeder zweite Jugendliche ist dort arbeitslos. Zu Hause rumzusitzen kommt für die drei jungen Leute nicht infrage, auch wenn das Azubi-Sein in Deutschland viel abverlangt.

Das größte Problem ist die Sprache. Zweimal pro Woche büffeln die jungen Männer neben Betrieb und Berufsschule noch deutsche Vokabeln und Grammatik. „An den Tagen ist der Kopf dann so voll, dass man nur noch müde ins Bett fällt“, sagt Linzbach Segura. Die drei Azubis wohnen zusammen in einer Wohngemeinschaft – das erleichtert vieles und mildert das Heimweh. Aufgeben ist für sie kein Thema, denn in ihren Heimatländern haben sie keine Perspektive.

Die Firma ist angetan von den Azubis. „Sie sind unglaublich motiviert und engagiert, flexibel, bringen sich ein und stellen Fragen“, sagt Festo-Ausbildungsleiter Stefan Dietl. Die drei Azubis haben schon vor Ausbildungsbeginn Sprachkurse belegt und im Sommer auch bei Festo in der Produktion gejobbt, um das Unternehmen kennenzulernen. Festo hat den Azubis auch die Wohnung vermittelt, die Kosten für Sprachkurse und auch das Busticket übernommen. „Man hat schon auch eine besondere Verantwortung“, sagt Dietl, „denn ein Stück weit ist man auch so etwas wie Familienersatz.“ Und seien es nur kleine Probleme, wie etwa die Hilfe beim Behördengang, sagt er.

Dass Festo neben den regulären 64 Auszubildenden in Esslingen noch drei Azubis aus Südeuropa aufgenommen hat, sieht Dietl als „kleinen Baustein“ im Kampf gegen die ­Jugendarbeitslosigkeit dort.

Förderprogramm vom Bund

Als Familienunternehmen spiele bei Festo auch soziale Verantwortung eine große Rolle, sagt er. „Wir haben schon Ende 2012 damit begonnen, uns mit dieser Thematik zu beschäftigen.“ Einige Zeit bevor die einstige Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) im Sommer vergangenen Jahres ein Abkommen mit Spanien unterzeichnet hat, um gezielt jungen Europäern berufliche Perspektiven in Deutschland zu bieten. Binnen vier Jahren sollen rund 5000 junge Spanier in Deutschland einen Ausbildungsplatz oder eine Arbeitsstelle erhalten.

Da hierzulande viele Lehrstellen unbesetzt bleiben, mangels geeigneter Bewerber, hat das Bundesarbeitsministerium bereits Anfang 2013 ein Programm aufgelegt, mit dem eine betriebliche Ausbildung gefördert wird. Ein ausländischer Lehrling wird mit maximal 818 Euro pro Monat gefördert, die Höhe des Lohns mit dem Betrag verrechnet.

Bundesweit hat die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit im letzten Jahr 320 junge Spanier direkt in Ausbildungsstellen nach Deutschland vermittelt, wie ein Sprecher sagt. Die Gesamtzahlen ausländischer Azubis sind aber höher, denn es gibt auch viele Projekte, bei denen die Bundesagentur nicht im Boot war – Beispiel Festo. Nach Baden-Württemberg seien mehr als 200 ausländische Azubis gekommen, sagt Tobias Pieper von der Regionaldirektion der Bundesagentur. 2014 dürften es mehr werden, schätzt er. Derzeit liefen die Vorbereitungen fürs neue Ausbildungsjahr, das im Herbst beginnt.

Projekt von Südwestmetall

Auch der Arbeitgeberverband Südwestmetall ist aktiv und hat in einem Pilotprojekt „M+E Duale Ausbildung in Baden-Württemberg“ spanische Jugendliche zur Ausbildung an sieben Mitgliedsfirmen vermittelt. Sie haben in der Heimat Deutschkurse belegt und waren im November zu Schnupperpraktika hier. Damit will der Verband einen Beitrag zur Förderung der Mobilität in Europa als Reaktion auf die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Spanien und den einsetzenden Fachkräftemangel leisten. Ab April kommen mindestens 25 spanische Jugendliche zu mehrwöchigen Praktika, wie Projektbetreuerin Birgit Steinmüller sagt. Im Herbst könnte dann – wenn es auf beiden Seiten passt – die Ausbildung beginnen. Mit von der Partie sind Allgaier in Uhingen, Audi, ABB, die Ulmer Airbus-Tochter Airbus Defense and Space, Modine in Filderstadt, Elring-Klinger in Dettingen/Erms und ZF Lenksysteme in Schwäbisch Gmünd.

Engpassberuf im Handwerk

Auch die Handwerkskammer Konstanz setzt – gemeinsam mit der Wirtschaftsförderung Schwarzwald-Baar-Heuberg und der Arbeitsagentur – auf spanische Azubis, vor allem weil hierzulande viele Lehrstellen unbesetzt bleiben. „Toma tu futuro en las manos!“, was so viel heißt wie „Nimm deine Zukunft in die Hände“, wirbt die Kammer in Barcelona für den Ausbildungsberuf Anlagenmechaniker – also den Gas-/Wasser-Heizungsbauer. Ein Engpassberuf angesichts des Baubooms und der Energiewende, wie Raimund Kegel, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Kammer, sagt. Er hat selber Bewerbungsgespräche in Katalonien geführt. Von 70 interessierten Jugendlichen wurden 25 ausgewählt. Nach Deutschkursen in Spanien kommen sie dieses Frühjahr zum Praktikum in Familienbetriebe im Kreis Rottweil, Tuttlingen, Schwarzwald-Baar. Danach werden beide Seiten entscheiden, ob es zum Lehrvertrag kommt.

Erfahrungen der Stuckateure

Weil es an Lehrlingen mangelt, hat auch das Stuckateurhandwerk bereits 2013 bei spanischen Jugendlichen für eine Ausbildung in Deutschland getrommelt. Im Berufsschulzentrum in Leonberg gebe es eine spanische Klasse mit zwölf Azubis, sagt Wolfram Kümmel, Geschäftsführer des Stuckateurverbandes Baden-Württemberg. Auch wenn aus den einst 25 Praktikanten nicht 25 Lehrlinge geworden seien, weil manch einer kalte Füße bekommen habe, wertet er das Projekt als Erfolg. „Doch die Sprache ist der Schlüssel“, sagt Kümmel. Deshalb müssten Sprachkurse intensiviert werden.

Pläne von Bosch

Auch Bosch engagiert sich und hat sich soziale Verantwortung auf die Fahnen geschrieben. Der Konzern will zusätzliche 50 Ausbildungsplätze in Deutschland im Herbst mit Bewerbern aus Spanien besetzen. Weitere 50 Jugendliche sollen bei Bosch in Italien, Portugal und Spanien einen Lehrvertrag bekommen. „Die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit in Europa ist eine gemeinsame Aufgabe für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft“, hatte Bosch-Chef Volkmar Denner formuliert. „Wir wollen deshalb unseren Beitrag dazu leisten.“

Die drei Festo-Azubis sind froh, eine Chance in Deutschland bekommen zu haben. Ob sie nach der Ausbildung wieder zurückgehen werden, daran denken sie jetzt noch nicht. Ihr Ziel ist erst mal der Lehrabschluss – ganz nach dem Motto: „poco a poco“, will heißen: Eins nach dem anderen.

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