Spanien Zug um Zug zur Kultur

Roland Müller aus Barcelona, 28.11.2012 05:00 Uhr
Reisen und Klimaschutz - das passt zusammen. Eine Zugreise zu Spaniens Metropolen, die gleichzeitig Biogas-Anlagen in Indien finanziert.

Barcelona - Nein, dieses architektonische Juwel stammt nicht von Antonio Gaudí. Auch wenn der eigenwillige Baumeister die katalanische Metropole zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts stark geprägt hat: Das kauzige Genie hat neben sich noch Platz gelassen für andere Kollegen. Zum Beispiel für Domènech i Montaner. Unzählige Male weist die junge Reiseführerin auf diesen Architekten hin, während sie seinen zwischen 1905 und 1908 gebauten Palau de la Música Catalana erklärt: ein prachtvolles Konzerthaus, reingequetscht in die engen Gassen der Altstadt von Barcelona. Seit 1997 gehört der Musikpalast zum Weltkulturerbe. Aber er ist kein totes Museum, er brummt. Sänger, Ensembles und Orchester aus der ganzen Welt treten hier auf. Wer eines der Konzerte besucht, landet nicht nur im Reich der Musik, sondern in einer Orgie des Jugendstils. Um genau zu sein: des Jugendstils spanischer Ausprägung, des sogenannten Modernismo, der üppiger, süßer und kitschiger ist als seine mitteleuropäischen Verwandten. Roter Backstein, geschwungenes Gusseisen, schillernde Glasfenster, farbige Mosaiken und schreiend farbige Keramiken.

Klimaneutral reisen - mit dem Zug zum Beispiel

Die Informationen über den Baumeister und den Modernismo kommen nicht von ungefähr: Der Reiseveranstalter der Spanien-Tour ist Studiosus, ein Unternehmen, das seit je kundige Führer zur Verfügung stellt, die vor Ort ihr enzyklopädisches Wissen an Mann und Frau bringen. Für Kunst, Kultur und Bildung ist dank des begleitenden Hispanisten also bestens gesorgt. Das spüren die Reisenden von morgens bis mitternachts. Dass während ihres Urlaubs aber auch an die Umwelt gedacht wird, nehmen sie nur am Rande wahr. Abends auf der Dachterrasse des Hotels stellt sich heraus: Keiner der Mitreisenden weiß, dass sein Urlaub zumindest halbwegs klimaneutral verläuft. Aber so ist es: Seit Anfang des Jahres kompensiert Studiosus den bei Fahrten mit Bussen, Bahnen und Schiffen entstehenden CO 2 -Ausstoß mit Geldern, die in ein Umweltprojekt in Indien fließen. Und diese Kompensationsleistung erbringt der Veranstalter auch bei unserem 10-Tage-Trip. Mit einer Ausnahme: Den Flug kompensiert er nicht. Frankfurt-Barcelona hätte hin und zurück pro Person 15 Euro für Indien gebracht. Aber darum muss sich der Reisende selbst kümmern. Der Blick schweift jetzt von der Dach­terrasse aufs Mittelmeer. Und könnte er auf Adlerflügeln weiterschweifen, bis er in Indien ankäme, würde er sehen, was mit einem kleinen Teil unserer Reisekosten geschieht. Dort, in Karnataka, werden mit Viehmist betriebene Biogas-Anlagen gebaut, aus denen Familien ihre Koch- und Heizenergie beziehen - und eben nicht mehr aus Kleinholz, bei dessen Verfeuerung enorm viel CO 2 anfällt. Südindische Bauern sparen also jenes Kohlendioxid ein, das Reisende von Studiosus auf der ganzen Welt produzieren. Eine Art moderner Ablasshandel, in dem man freilich auch ein lobenswertes Öko-Konzept sehen kann. Noch lobenswerter wird es, wenn schon auf der Reise selbst der Ausstoß der Treibhausgase reduziert wird, was bei der Städtetour durch Spanien der Fall ist. Innerhalb des Landes wird die umweltverträgliche Bahn genutzt - und deshalb hat die Reise, die Zug um Zug zu Spaniens Kulturmetropolen führt, auch den Touristikpreis von Sonntag Aktuell gewonnen.

Der AVE ist schnell und pünktlich

In Barcelona heißt es jetzt: auf zum Bahnhof! Einchecken wie auf dem Flughafen, mit strenger Gepäck- und Personenkontrolle, und rein in den AVE, den Alta Velocidad Espanola. Er ist das spanische Pendant zum deutschen ICE, aber - und das macht den Unterschied - auf die Minute pünktlich. In 2 ¾ Stunden legen wir die mehr als 600 Kilometer lange Strecke zwischen Barcelona und Madrid zurück, schnell und bequem. Und so wird es auch bleiben, wenn wir später von Madrid nach Sevilla und weiter nach Cordoba rauschen: schnell, bequem, pünktlich und klimaneutral, denn mit jedem zurückgelegten Kilometer wächst in Karnataka ja eine Biogas-Anlage in die Höhe. In Barcelona war der Modernismo des anbrechenden 20. Jahrhunderts ein großes Thema, in Madrid führt der kluge Reiseleiter ins Siglo de Oro ein. Das ist jenes „Goldene Zeitalter“, das sich in Spanien mit der Ausbeutung der Übersee-Kolonien ab Mitte des 16. Jahrhunderts ausbreiten konnte. Der kulturelle Reichtum dieser Epoche lässt sich nirgends so gut besichtigen wie im Prado. Staunend steht man vor den Gemälden von El Greco, Velázquez und Murillo, verstört vor den rund 200 Jahre später entstandenen Albtraumbildern von Francisco de Goya, der mit seinen apokalyptischen Visionen weit ins 20. Jahrhundert ragt. Stunden später, noch benommen von den Bildgewittern, tritt einem das 21. Jahrhundert wieder heftig entgegen: Auf der Straße vor dem Kunstmuseum wird eine Demonstration gegen die Sparpolitik der Regierung vorbereitet.

Madrid schläft nie

Dass sich Spanien in einer schweren Wirtschaftskrise befindet, weiß jeder. Und doch ist nichts davon auf der Reise spürbar. Wie zuvor in Barcelona besticht auch Madrid mit dem Charme einer Innenstadt, in der Leben, Wohnen und Arbeiten noch nicht auseinandergerissen wurden. Bis weit in die Nacht schlägt der Puls der Kapitale, Menschen schieben sich durch Gassen, drängen in Kneipen und erfreuen sich an Heerscharen von Straßenkünstlern. Ein Mitteleuropäer, der seine City im fahlen Mondlicht normalerweise wie ausgestorben erlebt, gerät in Madrid in einen wahren Urbanitätsrausch. Kein McDonald’s weit und breit, nur Tante-Emma-Läden, Bars und Restaurants gleich um die Ecke. Tagsüber Kunst & Kultur, aber abends Tapas & Wein - eine Wohltat nach einem Tag, an dem man das gesamte Stadtzentrum zu Fuß durchwandert hat, klimaneutral, bis Köpfe und Socken qualmten. Weiter geht es mit dem Zug nach Andalusien. In Sevilla, Cordoba und Granada ist das Erbe der Mauren zu sehen. Ihre Paläste, Moscheen und Gärten sind heute noch bewundernswert: filigrane Meisterwerke der Architektur, die alles, was zeitgleich in Mitteleuropa entstanden ist, wie roh zusammengewürfelte Steinhaufen erscheinen lassen. PS: Für die zehntägige Spanien-Rundreise hat Studiosus 1,18 Euro pro Person als CO 2 -Kompensation bezahlt. Ein Nasenwasser, das sich aber offensichtlich doch zu einem Geldstrom läppern kann: In diesem Jahr sind aus München insgesamt 280 000 Euro in den Bau der indischen Biogas-Anlagen geflossen.

 
 
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