Soziologe Andreas Kapphan „Schwaben werden diskriminiert“

Markus Grabitz, 28.01.2013 17:00 Uhr
Die Kritik des Bundestagsvizepräsidenten Wolfgang Thierse an den Schwaben in Berlin zieht weiter Kreise: Für den Soziologen Andreas Kapphan werden Ressentiments bedient. Er warnt vor einer Gefährdung der politischen Kultur in Deutschland.

Berlin – Die Kritik des Bundestagsvizepräsidenten Wolfgang Thierse an den Schwaben in Berlin zieht weiter Kreise: Für den Soziologen Andreas Kapphan werden Ressentiments bedient.

Herr Kapphan, sind die Schwaben in Berlin Integrationsverweigerer?
Nein, das sind sie nicht. Genauso wenig wie jede andere Gruppe, die nach Berlin kommt. Jede Gruppe, die nach Berlin kommt, hat spezifische Formen, sich die Stadt zu eigen zu machen und Teil der Stadt zu werden.

Es gibt in Berlin schwäbische Restaurants, schwäbische Lebensmittelgeschäfte, den Verein der Baden-Württemberger in Berlin. Bei muslimischen Migranten würde man sagen: Sie haben sich in ihrer Parallelgesellschaft schön eingerichtet.
In der Tat ist es bezeichnend, dass die Schwabendebatte mit dem gleichen ­Vo­kabular geführt wird wie die Integrationsdebatte. Und es ist bezeichnend, dass die Integrationsdebatte Schlagseite hat: Immer wieder wird bei sozial schwächeren, ärmeren Zuwanderern ein Problem mit der Integration ausgemacht. Wenn man sich aber anschaut, welche Zuwanderergruppen sich sozial eher separieren, dann sind das durchweg Gruppen mit einem hohen sozialen Status. Das gilt etwa für die ­Japaner in Düsseldorf ebenso wie für die jüdischen Einwanderer in Toronto. Aber bei ihnen wird es eher nicht zum Thema gemacht.


Was bedeutet das für die Schwaben-Debatte?
Die Verknüpfung der Integrationsdebatte mit den Schwaben macht klar, dass in der ­Integrationsdebatte immer ganz einfache Ressentiments bedient werden.

Die Schwaben in Berlin leben aber doch eben nicht mit dem Stigma, sozial schwach zu sein . . .
Nein, im Gegenteil, es wird gesagt, dass die Schwaben besonders reich und besonders geizig sind. Es wird gesagt, dass sie im großen Stil Häuser in Prenzlauer Berg und anderswo in Berlin kaufen und damit dafür verantwortlich sind, dass die Mieten steigen und angestammte Mieter sich das Quartier nicht mehr leisten können.

Ist da was dran?
Die Schwaben, die ich in Berlin kenne, sind zum Teil stinkreich und zum Teil Hartz-IV-Bezieher. Für Schwaben in Berlin gilt – wie übrigens auch für andere Gruppen: Die soziale Spannweite ist viel größer, als das in der öffentlichen Debatte abgebildet wird. Offensichtlich werden die Schwaben in Berlin aber als Minderheit identifiziert und ­wegen tatsächlicher oder vermeintlicher Eigenarten diskriminiert. 

Sticht der Schwabe womöglich nur stärker heraus als der Hesse, Bayer oder Pfälzer?
Nein, das ist es nicht. Man kann jede Gruppe mit Stereotypen belegen.

Als die Bundesregierung 1999 nach Berlin zog, stand „Rheinländer raus“ an der Friedrich­straße. Warum war es mit dem Rheinländer-Bashing so schnell wieder vorbei?
Der Rheinländer war damals das Synonym für die Bundesbeamten. Und die Befürchtung der Berliner, die „Rheinländer“ würden ganze Quartiere aufkaufen, hat sich eben nicht bewahrheitet. Die Stadt Berlin hatte damals Jahre mit Bevölkerungswegzug hinter sich, der Wohnungs- und Mietenmarkt war vergleichsweise entspannt. Das hat sich aber nach 2001 geändert, Berlin gewinnt bis heute viele neue Einwohner, Wohnraum wird knapp und teuer.

 
 
Kommentare (5)
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Katmai Ist schon länger als 1 Jahr her
Seit einigen Wochen sind es vermeintliche reiche Spanier und Griechen, die den Berliner Immobilienmarkt aufkaufen. Da hat man eine Neue Gruppe für Ressentiments und was besonders schlimm daran ist: die Medien bedienen diese Ressentiments.
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hbf Ist schon länger als 1 Jahr her
Wuerde mal sagen, die ueberwaeltigende Mehrheit besteht aus 'Anstaendigen'; sie 'outen' sich nur nicht.
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Zonen-Maik Ist schon länger als 1 Jahr her
Mit dummen Hassparolen im Nazijargon kommen wir im gemeinsamen Zusammenleben nicht weiter. Wenn jedoch Medien wie die Blödzeitung Hartz-4-Menschen diskriminieren oder gegen Spätzles-Schwaben polemisiert, dann sind wir weit herunter gekommen in unserer Gesellschaft. Es gab ja schon mal eine Dutschke-HETZE aus der Springerfresse, die Berlin zu einer ganz üblen Pogromstimmung aufhetzte. Dann wird schnell und scharf geschossen. Zeige mir, wie du mit Fremden umgehst, und ich kann sehen, was für einen Charakter du hast. Verwahrlosen wir weiter zu einer charakterlosen Gesellschaft? Oder gibts auch noch Anständige bei uns - das muss man ja mal fragen dürfen.
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AndreasS Ist schon länger als 1 Jahr her
Mir würde die Vorstellung auch gefallen, wenn man BaWü und Bayern abkapselt von den restlichen Bundesländern. Wurde vor nicht allzu langer Zeit von einem Berliner angepöbelt, dass man uns nicht bräuchte und man dort hin soll, wo der Pfeffer wächst. Sowas finde ich peinlich und beschämend zugleich, wenn wir uns schon untereinander kaum vertragen. Die meisten Berliner scheinen zu vergessen, wer denen alljährlich die Milliarden rüberschickt. Meinereiner arbeitet, damit der eine oder andere in und um Berlin seine Wohnung vom Staat gezahlt bekommt. Sowas will zwar keiner hören, aber ist Realität.
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Gebürtiger Schwabe Ist schon länger als 1 Jahr her
'Reigschmeckte' haben es bei uns auch nicht leicht.....
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