Sozialkaufhaus in Stuttgart-Stammheim Das Kleine Kaufhaus macht dicht

Von Chris Lederer 

Die Rollos sind unten, die Türen verschlossen. Das kleine Sozialkaufhaus an der Korntaler Straße wird nur noch einmal kurz für einen Abverkauf öffnen. Foto: Chris Lederer
Die Rollos sind unten, die Türen verschlossen. Das kleine Sozialkaufhaus an der Korntaler Straße wird nur noch einmal kurz für einen Abverkauf öffnen. Foto: Chris Lederer

Weil die Zuschüsse gekappt wurden und der Umsatz angeblich nicht ausreicht, schließt das Sozialunternehmen Neue Arbeit seinen Secondhand-Laden an der Korntaler Straße in Stammheim. Bei den Betroffenen ist die Enttäuschung groß.

Stammheim - Die grünen Rollläden sind herabgelassen, die Türen verschlossen. An der Glasscheibe hängt ein Zettel. Darauf ist von einer „Sommerschließung“ bis Anfang September die Rede. Doch die Tage des Kleinen Kaufhauses an der Korntaler Straße 51 sind gezählt. „Wir haben den Mietvertrag gekündigt und werden das Kaufhaus endgültig schließen“, sagt Rolf Kaltenberger, Sachgebietsleiter Sozialkaufhäuser bei der Neuen Arbeit.

Seit 2010 hatte das Sozialunternehmen Neue Arbeit gemeinsam mit einer Initiativgruppe aus Stammheimer Ehrenamtlichen um Stadträtin Judith Vowinkel das Kaufhaus in einem ehemaligen Blumenladen betrieben. Ziel war es unter anderem, Langzeitarbeitslose zu integrieren, benachteiligte Bevölkerungsgruppen mit gebrauchter und neuer Kleidung und anderen Waren zu versorgen sowie das Gemeinwesen zu stärken. „Das Kaufhaus war gut besucht, wir hatten eine gute Stammkundschaft und konnten auf eine große Spendenbereitschaft bei den Stammheimern bauen – sie haben uns immer mit Waren unterstützt“, sagt Kaltenberger. Auch der Umsatz sei nicht schlecht gewesen, aber eben nicht so gut, um neben den Betriebskosten auch das – lange Zeit bezuschusste – Personal zu bezahlen. Für das Personal haben wir vom Jobcenter finanzielle Zuschüsse erhalten“, erklärt Kaltenberger. Die Rahmenbedingungen hätten sich jedoch mit den Jahren zusehends verschlechtert. „Das Jobcenter möchte den Nachweis, dass 75 Prozent unserer Kunden bedürftig sind, sie also Bonuskartenbesitzer sind oder nur eine geringe Rente erhalten.“

Zu wenige bedürftige Kunden

In Stammheim sei dieser Anteil an Kunden nicht hoch genug. Es kämen nämlich auch Leute in den Laden, die knapp über dieser Schwelle lägen. Die Folge sei, dass in Stammheim keine sogenannten Arbeitsgelegenheiten-Plätze mit Hilfe von öffentlichem Geld angeboten werden könnten. „Um den Betrieb ohne Zuschüsse aufrecht zu erhalten, müssten wir mehr erwirtschaften.“ Statt der 30 000 bis 40 000 Euro pro Jahr seien 50 000 bis 60 000 Euro nötig. „Doch dafür ist der Standort mit 120 Quadratmetern Verkaufsfläche zu klein“, sagt Kaltenberger.

Bei der Stammheimer Initiativgruppe um Stadträtin Judith Vowinkel und die Delegierte des Stadtseniorenrates Erika Schittenhelm ist die Enttäuschung über die Schließung groß. „Wir haben seit Februar versucht, einen anderen Träger für das Kleine Kaufhaus zu finden, um die Schließung zu verhindern“, sagt Vowinkel. Mit zwei Einrichtungen aus der Behindertenhilfe habe man viele Gespräche geführt. Leider ohne den gewünschten Erfolg. „Wenn Menschen mit Behinderung im Laden arbeiten, dann brauchen sie auch jemanden, der sie betreut, und das können die Einrichtungen an einem Standort in Stammheim nicht leisten“, sagt Vowinkel.

„Wir bräuchten jemand, der die Verantwortung übernimmt“

Den Betrieb allein über Ehrenamtliche aufrecht zu erhalten, sei nicht möglich, sind sich Vowinkel und Schittenhelm einig. „Die Umsatzzahlen sind gut, aber wir bräuchten auch jemanden, der die Verwaltung übernimmt, die Buchhaltung führt und Verantwortung trägt“, sagt Vowinkel. Ihr fehle bei all ihren anderen Ehrenämtern die Zeit dazu, sagt Vowinkel. Auch Erika Schittenhelm geht es nicht anders: „Ich bin im Kirchengemeinderat, berate als Stadtseniorenrätin, mache Hausbesuche, bin im Krankenpflegeverein und im Förderverein des Luise-Schleppe-Hauses“, sagt sie. „Auch mir fehlt einfach die Zeit und auch das nötige Knowhow bei der Betriebswirtschaft.“

Dass sich keine Lösung ergeben hat, geht beiden sichtlich nahe. „Das Kleine Kaufhaus war nicht nur ein Geschäft, sondern auch ein Treffpunkt für die Menschen, es hatte ein ganz besonderes Flair.“ Nach den Sommerferien soll laut Kaltenberger das Kaufhaus noch einmal für zwei Wochen öffnen, für einen Resteausverkauf. Rolf Kaltenberger bedauert die Schließung in Stammheim: „Es ist schade, dass wir es dort nicht hinbekommen haben, aber das Kaufhaus weiterzuführen, bedeutet auch ein finanzielles Risiko, das niemand aus der Initiativgruppe tragen wollte.“ Er sehe die Schließung als Chance. „Vielleicht bekommen wir an einem größeren Standort mit mehr Verkaufsfläche in Zuffenhausen etwas Neues hin, wir sind schon auf der Suche“, sagt er. „Aber es ist noch nichts fix.“

Redaktion Stammheim

Ansprechpartner
Chris Lederer
stammheim@stz.zgs.de

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