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Sozialdatenatlas Stuttgart Keine Entspannung in den sozialen Brennpunkten

Von Barbara Czimmer-Gauss 

Mehrere Stadtteile in der Landeshauptstadt sind geprägt von Armut. Foto: Daniel Moritz
Mehrere Stadtteile in der Landeshauptstadt sind geprägt von Armut.Foto: Daniel Moritz

Diskutieren Sie mit - Die Abhängigkeit von staatlichen Leistungen ist und bleibt in Bad Cannstatt, Mitte, Nord und Mühlhausen groß. Dies zeigt der jüngst aufgelegte Sozialdatenatlas Kinder und Jugendliche einmal mehr. Die Wirkung sozialer Maßnahmen ist nicht sichtbar.

Stuttgart - Die Achse der Bedürftigen verläuft von Stuttgart-Mitte direkt nach Norden, durch Bad Cannstatt bis hinauf zum Hallschlag und bis nach Freiberg im Stadtbezirk Mühlhausen. Dort leben überdurchschnittlich viele Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren von Sozialgeld. Auch die Zahl der Alleinerziehenden, die auf Arbeitslosengeld angewiesen sind, und die Zahl der Arbeits­losen ist auf dieser Achse überdurchschnittlich hoch. Maßstab ist der Durchschnitt der Gesamtstadt.

Seit mehreren Jahren schon zeigt die Datensammlung des Jugendamts eine solche Schneise durch Stuttgart. Im Atlas ist sie tiefrot hinterlegt. Neu ist seit 2009, dass nicht mehr nur der Stadtbezirk, sondern auch seine einzelnen Stadtteile in ihrer ­Sozialstruktur abgebildet sind. Dadurch können die Sozial- und Jugendhilfeplaner gezielter vorgehen vor allem dort, wo die Bezirke wie beispielsweise in Mühlhausen oder Bad Cannstatt groß sind und einzelne Gebiete das Ergebnis des ganzen Bezirks verschlechtern.

Entscheidungsgrundlage für soziale Maßnahmen

Die Daten und die Analysen geben insbesondere darauf Hinweise, wo die Mobile Jugendarbeit gebraucht wird, wo Familien und Alleinerziehende in Stadtteilzentren unterstützt werden sollten oder wo Erziehungshilfe geleistet werden muss. In den vergangenen Jahren wurden mehrfach Entscheidungen auf Basis dieser Daten gefällt. Auch andere Ämter und Referate bedienen sich des Atlas. So wurden insbesondere in Brennpunkten die ersten Ganztagsschulen eingerichtet, und die Kinder- und Familienzentren sind dort angesiedelt, wo viele Alleinerziehende und junge Familien Unterstützung brauchen.

Die Stadträte im Jugendhilfeausschuss, wo der Atlas am Montag vorgestellt worden ist, haben die Fortschreibung der Daten begrüßt. Judith Vowinkel (SPD) sieht sie als gute Basis auch für die künftige Unterbringung von Flüchtlingen: „Dort, wo wir schon Probleme haben, sollten wir nicht noch weitere hinzufügen.“ Rose von Stein (Freie Wähler) beobachtet insbesondere den Stadtbezirk Zuffenhausen genauer: „Er gilt seit Jahren als problematisch, und ich kann nicht wahrnehmen, dass sich diese Einstellung in der öffentlichen Meinung geändert hätte. Jetzt hat sich dort der Wohnungsbau verbessert, aber wir wissen trotz Sozialdatenatlas nicht, wie sich dadurch die Situation in Zuffenhausen verändert hat.“

Auch Umweltfaktoren werden erfasst

„Wir schaffen es nicht, die Wirkung sozialer Maßnahmen zu beweisen“, sagte Jugendhilfeplaner Oliver Herweg, „dazu sind die Einflussfaktoren viel zu komplex.“ Vittorio Lazaridis (Grüne) zeigte Verständnis dafür: „Es gibt keine monokausalen Einflussfaktoren, aber wenn wir was tun, verändert sich trotzdem was im Stadtteil, auch wenn zunächst die Farbe im Atlas gleich bleibt.“ Lazaridis gab auch zu bedenken, dass einzelne Kriterien wie beispielsweise die Häufigkeit, mit der Viertklässler ins Gymnasium wechseln, nicht allein entscheidend sind für einen guten Bildungsstand. Insgesamt aber sei der Atlas ein gutes Handwerkszeug für eine Stadt, die „auf dem Weg zu einer kinder- und jugendgerechten Stadt“ sei. Insbesondere lobte er, dass der Atlas in diesem Jahr erweitert wurde um Faktoren wie Siedlungsdichte und Lärmbelästigung.

Trotzdem blieb die entscheidende Frage offen: „Wann und wo arbeiten wir mit diesen Daten?“, fragte Christian Walter (SÖS/Linke-plus), und auch Nicole Porsch (CDU) stellte fest: „Wir kriegen immer feinere Daten, aber wir sind nicht wirklich vorangekommen.“

Die Bildung dient als Hebel für Veränderungen

Die Stadt selbst hat in ihrem Bericht angekündigt: „Der Blick wird auf Veränderungen gerichtet, um diese rechtzeitig zu identifizieren, zu untersuchen und gegebenenfalls – falls erforderlich und möglich – gegenzusteuern.“ Heinz Gerstlauer, der Vertreter der Evangelischen Gesellschaft, griff diesen Ball auf: „Da wird ein Anspruch formuliert, der gewaltig ist, das ist eine Bombe.“

Sozialbürgermeisterin Isabel Fezer zeigte sich jedoch entschlossen: „Wenn wir Infrastrukturmaßnahmen beschließen in den Gremien, dann müssen diese Daten auf den Tisch“, sagte sie. Bei der Standortfrage für Flüchtlingsheime sei dies allerdings wegen fehlenden Baugrunds schwierig. Auch bei Altersarmut seien „die Möglichkeiten der Stadt begrenzt“ wie auch bei Armut nach Scheidung, die durch das Scheidungsrecht hervorgerufen werde. „Nur bei der Bildung können wir einen grundsätzlichen Hebel ­ansetzen“, so Fezer.

Oliver Herweg mahnte: „Man darf nicht einfach über eine technische Formel zum Ergebnis kommen wollen.“ Vielmehr gelte es, mit den Daten die Diskussion anzustoßen.

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