Mercedes Benz

Sneaker-Trend Schuhschränke, die Frauen vor Neid erblassen lassen

Von Sascha Maier 

Philipp Maisel ist kein Teenager, sammelt aber Sneakers. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Philipp Maisel ist kein Teenager, sammelt aber Sneakers.Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Wenn junge Männer vor Schuhgeschäften kampieren, nur um ein neues Schuhmodell zu ergattern, wirkt das mitunter befremdlich. doch bei dem aktuellen Sneaker-Trend geht es um Nostalgie.

Stuttgart - Früher gab es das eigentlich nur bei Boygroup-Konzerten: Junge Menschen, die vor noch geschlossenen Pforten kampieren – oft tagelang. Heute finden sich diese Bilder nicht mehr nur vor Konzerthallen, sondern auch vor Ladengeschäften. Entweder vor einem Apple-Store, wenn ein neues iPhone auf den Markt kommt. Oder eben vor einem Turnschuhfachgeschäft, wenn ein neuer Sneaker released, also erstmals dargeboten wird.

Dann sind die Camper vornehmlich männlich. Und obwohl ja Schuhticks eigentlich eher Frauen nachgesagt werden, schaffen es selbst die schönsten Designer-High-Heels nicht, das schöne Geschlecht dazu zu bewegen, tagelang vor Damenmodegeschäften die Zelte aufzuschlagen. Woran liegt das?

Im Sneaker-Fachgeschäft Suppa in der Paulinenstraße wurde vergangenen Freitag ein Sneaker veröffentlicht, vom Nischenhersteller Diadora. Darum hielt sich der Andrang in Grenzen. Dennoch steht das Release des Turnschuhs vom Modell V7000 exemplarisch für das, was den Hype am Leben hält. Der V7000 ist die Neuauflage eines Schuhmodells, das vor 25 Jahren auf dem Markt war. Es geht also um Nostalgie.

Etliche Kunden haben graue Härchen in den Bärten

Blickt man in die Gesichter der anwesenden Männer, mischen sich da schon mal ein paar graue Härchen in die Bärte. Sneaker-Sammler Olaf Nordwich ist 47 Jahre alt und besitzt bis heute den 25 Jahre alten Originalschuh, den er freilich nicht mehr trägt. „Der würde dann vermutlich zerbröseln“, so der Projektmanager aus Karlsruhe.

Es wird der Sache also nicht gerecht, den jungen Trend als Jugendtrend abzutun. Während der Präsentation bei der Release-Party wird auf der Videospielkonsole Nintendo 64 mit einem Beamer an der Wand das Spiel „Mario Kart 64“ gespielt. Es wurde in Deutschland 1997 veröffentlicht und ist für Kinder ab drei Jahren empfohlen. Was heißt: Wer das im Kinderzimmer hatte, ist heute mindestens 21 Jahre alt, wahrscheinlich aber um die 30. Genauso verhält es sich mit der Musik, die aufgelegt wird. Das ist vor allem Hip-Hop aus den frühen 90ern.

Schwer vorstellbar, dass die Teenager von heute, die mit Hip-Hop den Stuttgarter Rapper Cro verbinden und Videospiele auf dem Smartphone spielen, mit alldem sehr viel anfangen können. Cro, 25, könnte schließlich Nordwichs Sohn sein.

300 Paare im Schuhschrank

Auch der Stuttgarter Sportjournalist Philipp Maisel (36) ist leidenschaftlicher Sneaker-Sammler und hat 300 Paare im Schuhschrank. Die Motivation des Sammelns beschreibt er so: „Es geht um den Retro-Trend. Schuhe aus den 80ern oder 90ern, die man damals eben mochte und heute gerne wiederhaben will.“ Außerdem gibt es verschiedene Sammlertypen. „Die einen sammeln Vintage-Schuhe, das heißt die Originale von damals. Andere wollen eher die Neuauflagen der alten Modelle. Und Dritte ganz neue Modelle.“

Letztere laufen vor allem auf den asiatischen Märkten gut, oft zeichnen sich die neu designten Sneakers durch futuristische Gestaltung oder gewagte Muster aus. „Den Asiaten kann es gar nicht bunt genug sein“, sagt Maisel.

Auch Hybrid-Schuhe aus Sneaker und Stiefel sind im Trend. Oder sogenannte Kollabo-Schuhe. Die werden dann von einem Hersteller zusammen mit einem Hip-Hop-Künstler oder einem Schuhgeschäft ­designt, das die Exklusivrechte am Vertrieb hat.

Sammler sind vor allem sogenannte Hipster

Die Produzenten der Sneakers, die heute angesagt sind und von ihren Fans mit Stolz als modische Markenzeichen getragen werden, sind dieselben, die in den 80er und 90er Jahren die geläufigen Turnschuhproduzenten waren, als sie vor allem noch als bequemer Straßenschuh oder zum Sport getragen wurden. „Den Bärenanteil am Markt hält auch heute noch Nike, gefolgt von Adidas und Asics. Vor allem Asics galt früher als reine Sportmarke ohne hohen modischen Anspruch“, sagt Sneaker-Experte Maisel.

Untrennbar ist der Sneaker-Trend mit dem Phänomen der sogenannten Hipster verbunden. Die 90er-affine urbane Mode- und Lifestyle-Bewegung stellt auf den Märkten in Großstädten mittlerweile eine beachtliche Konsumgruppe dar.

Auch in Stuttgart wächst die Nachfrage nach Retroprodukten. Eine Handvoll Fachgeschäfte hat sich auf den reinen Verkauf von Sneakers spezialisiert. Neben dem Suppa-Store gibt es in Stuttgart weitere Fachgeschäfte wie Snipes mit Filialen in der Königstraße, am Mailänder Platz und im Milaneo oder Footlocker (ebenfalls Königstraße). Viele weitere Geschäfte, die sich auf urbane Streetwear konzentrieren, führen auch große Mengen an Sneakers.

Vermarktung häufig übers Internet

Suppa-Inhaber Erdal Ersan (39) hat sein Hobby zum Beruf gemacht und das Geschäft 2012 eröffnet. „Meine Eltern hatten früher nicht viel Geld, darum konnte ich mir als Kind die Schuhe nicht leisten, die mir gefallen haben. Trotzdem habe ich mir an Schaufenstern die Nase platt gedrückt“, sagt er. Das hat Ersan heute nicht mehr nötig. Seine Privatsammlung umfasst über 1000 Sneaker-Paare.

Die Vermarktung von Sneakern erfolgt fast ausschließlich übers Internet. Facebook-Seiten wie der Sneaker-Stammtisch Stuttgart (3988 Fans) kündigen Schuhrelease-Partys an, und da es um Schauwerte geht, spielt das soziale Netzwerk Instagram eine besondere Rolle; hier sind vor allem Bilder im Mittelpunkt, nach thematischen Schwerpunkten geordnet. Ein weiterer wichtiger Treffpunkt für die Sneaker-Szene ist die Fachveranstaltung „Kicks N Coffee“, die weit über Stuttgart hinaus als Pflichttermin für die Community gilt.

Zurück zur lauschigen Schuhrelease-Party in der Paulinenstraße. Unter den 17 Männern, die den nach Herstellerangaben auf 800 Paare limitierten Diadora V7000 anprobieren, ist auch eine Frau. Pamela Valentin (33) kann absolut verstehen, dass auch Männer sich mit beeindruckenden Schuhsammlungen schmücken. „Warum nicht? Ich habe ja auch über hundert Paar im Schrank!“, sagt sie. Den V7000 lässt sie trotzdem liegen. Zu groß. Normalerweise werden Sneakers nicht kleiner als Größe 40 produziert.

Bewerten
Wie hat Ihnen der Artikel gefallen? Vielen Dank für Ihre Bewertung!
1 Stern 2 Sterne 3 Sterne 4 Sterne 5 Sterne 0.0
Stadtkirche Stuttgart-Vaihingen Altgold und Kleingeld für eine bessere Orgel

Von 30. Mai 2016 - 8:45 Uhr

Das Instrument in der Stadtkirche soll rundum erneuert werden. Das kostet 160 000 Euro.