„Silent Heart“ im Kino Gestorben wird sowieso

Von Brigitte Jähnigen 

Szene aus dem Film „Silent Heart“ Foto: Rolf Konow
Szene aus dem Film „Silent Heart“Foto: Rolf Konow

Bille Augusts stilles und eindringliches Leinwandereignis „Silent Heart – Mein Leben gehört mir“ ist jetzt im Kino zu sehen

Es war ein Festessen. Ein harmonisches Familienspeisen und -trinken. Und jetzt sitzen alle – man kennt das ja – in der warm beleuchteten Couchecke. Man wird entspannt plaudern und Fotos von früher anschauen. Nur Jonathan, Vertreter der jüngsten Generation, hält sich ein wenig abseits, tippt auf seiner Spielkonsole. Die Atmosphäre ist freundlich, der Kinobesucher Teil dieser netten Familie.

Doch dann fällt Esther das Weinglas aus der Hand. Wie ein schriller Schrei zerplatzt es auf dem Boden. Esther, Mutter von Heidi und Sanne, Ehefrau von Poul und beste Freundin von Lisbeth, hat ALS. Wer an Amyotropher Lateralsklerose erkrankt, stirbt. Meist qualvoll – Störungen und Ausfälle im zentralen und peripheren Nervensystem versagen allem, das der Mensch an Muskulärem hat, den Dienst.

Die letzten Fragen sind nicht beantwortet

Esther will sich nicht weiter quälen lassen. Am nächsten Tag wird sie sich das Leben nehmen, den „freien Tod“ (Friedrich Nietzsche) wählen. Und die, die zum Fest ­gekommen sind, haben ihren Entschluss ­akzeptiert. Dass aber letzte Fragen doch noch nicht beantwortet sind, zeigen Regisseur Bille August („Nachtzug nach Lissabon“), Christian Torpe (Drehbuch) und Dirk Brüel (Kamera) gemeinsam mit dem überzeugenden Schauspieler-Team mit ihrem Leinwandereignis.

Bald dreht das Gedankenkarusell des Zuschauers eigene Kreise. Das ist Absicht. Der Freitod ist ein Nichtthema. Dabei nehmen sich allein in Deutschland jährlich 10 000 Menschen aus eigener Hand ihr Leben. Der Torwart Robert Enke tat es, der Literaturkritiker Fritz J. Raddatz. Wer sich herausnimmt, sein (von ihm nicht selbst bestimmtes) Geborensein mit einem selbst gewählten Tod zu beenden, darf in keiner der drei monotheistischen Religionen auf Gnade hoffen.

Ghito Norby spielt eine grandios entschiedene Esther

Das sitzt tief. Bille August hält sich damit nicht auf. Ghito Norby, die Grande Dame des dänischen Theaters, spielt eine grandios entschiedene Esther. Bestärkt wird sie durch Morten Grunwald als ihren Ehemann Poul. Unruhe wühlt allein in Sanne (Danica ­Curcic). „Vater weiß, was sie tut, und Mutter weiß, was sie will“ – das zischt Heidi, die ­ältere Schwester, Sanne, der jüngeren, entgegen. Sannes Leben ist wirr, ohne festen Halt. Die Mutter zu verlieren, stellt ihre eigene Existenz in Frage. „Ich habe noch nicht genug gelernt von ihr“ – es ist ein von Verzweiflung getragener Vorwurf. Sanne wird, das ist jetzt ihr Entschluss, zum geplanten Todeszeitpunkt der Mutter die schnelle ­medizinische Hilfe holen.

Bille August lässt seinen Protagonisten genügend Zeit, Verwirrungen in Kopf und Herz zu verhandeln. Esther zelebriert ihre letzten Stunden. Sie bittet Poul, die Gardinen am Morgen zu schließen, damit sie noch einmal kurz einschlafen und ein allerletztes Mal aufwachen kann. Die Familie spaziert durch die frostige Landschaft, Sanne ficht ihre eigenen Kämpfe aus. Und nun ist auch Heidi verunsichert. Inzwischen haben sich Esther und ihr Enkel auf wunderbare Weise genähert – Oma gibt Tipps für Jonathans (Oskar Saelan Halskov) erstes zartes Liebeserwachen.

Die Hauptfigur wankt nicht

Sannes Freund Dennis (Pilou Asbaek) animiert derweil die Familie erfolgreich zum Haschrauchen. Sich der Köstlichkeiten ihres Lebens erinnernd, hockt die Familie ­lachend und ein wenig unkontrolliert in der Couchecke. Trotzdem: Die Situation am nächsten Tag, dem geplanten Todestag der Mutter, eskaliert. Esther hat mit ruhiger Stimme verfügt: „Ihr esst nur einen kleinen Imbiss und fahrt gegen sechs Uhr“, doch Sanne hat den Notarzt benachrichtigt. Der wird zwar ein wenig brauchen, bis er das abgelegene Landhaus erreicht, doch zurücknehmen lässt sich diese Entscheidung nicht mehr. Wenn Esther in Ruhe sterben will, muss ein anderes Familienmitglied an ihrer Stelle in die Klinik ­fahren.

Bille August hätte es sich mit dem Thema Freitod leichter machen können. Er hätte seine Hauptfigur wanken lassen, die gut situierte Familie über Modalitäten zur Versorgung der immer schwächer werdenden Mutter diskutieren lassen können. Doch Leben bis zum letzten Atemhauch – diese Option ist hier nicht gefragt.

In Stuttgart im Atelier am Bollwerk

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