Ich war früher total unsportlich!", sagt Angelika Abel und lacht. Das mag man ihr heute kaum mehr glauben. Die 53-Jährige hat in diesem Jahr einen persönlichen Rekord aufgestellt: Sie ist ihren hundertsten Marathon gelaufen. Nun haben sie und ihr zehn Jahre älterer Laufpartner Eberhard Ostertag sich noch höhere Ziele gesteckt: Im September wollen sie zum ersten Mal zusammen mit 500 anderen Läufern am Transalpinlauf von Ruhpolding durch Österreich bis ins italienische Sexten teilnehmen: 305 Kilometer über 13 500 Höhenmeter in acht Tagen.
Kennengelernt haben sie sich vor vielen Jahren beim Lauftreff des TV Stammheim. Angelika Abel begann 1997 "aus Spaß" zusammen mit einigen Frauen aus der Nachbarschaft zu joggen, Eberhard Ostertag fing im darauffolgenden Jahr an. "Beim TV Stammheim war ich zuerst in der Anfängergruppe", erzählt Abel. "Aber mit der Zeit wurde ich besser und hatte mehr und mehr Spaß daran." Es folgten Marathons und die Steigerung: Ultramarathons. Darunter werden Läufe verstanden, die länger als die genau 42,195 Kilometer eines herkömmlichen Marathons sind.
Der Transalpinlauf findet in diesem Jahr zum fünften Mal statt. Ohne auch nur einen Tag zu pausieren werden die Läufer vom 4. bis zum 11. September täglich neun bis zehn Stunden unterwegs sein.Übernachtet wird in Turnhallen und unterwegs gibt es Getränke und Essen an Verpflegungsstellen. Gestartet werden darf nur zu zweit, in Männer-, Frauen- oder gemischten Teams. Beim Transalpinlauf wird Sicherheit großgeschrieben. Die Zweierteams müssen abends zusammen ankommen und dazwischen gemeinsam Kontrollstellen passieren. Diese Regelung gilt aus gutem Grund: In den Bergen und insbesondere auf langen Strecken könne es vorkommen, dass sich Einzelne verirren und irgendwann alleine und abseits des Weges wiederfinden. Die Anforderungen an die Läufer sind hoch: Die Strecke führt bis auf 3000 Meter hohe Bergpässe und über den Alpenhauptkamm hinüber. Dazu kommt, dass die Wege oft schmal und unbefestigt sind. Im letzten Jahr beendeten von den anfänglich 250 Teams 195 den Lauf erfolgreich. Ins Ziel zu kommen, das haben sich Abel und Ostertag natürlich auch vorgenommen. Darum, es auf"s Siegertreppchen zu schaffen, geht es ihnen dabei nicht. "Für Läufer in unserem Alter ist es sehr schwer, zu gewinnen, weil es da so viele jüngere Konkurrenten gibt. Was wir wollen, ist gut mitzuhalten und den Lauf zu genießen. Man könnte sagen, der Weg ist das Ziel."
In den vergangenen Jahren haben sie oft zusammen trainiert, viele Läufe gemeinsam absolviert. "Wir sind inzwischen ein eingespieltes Team", sagt er. Die Schwächen und Stärken des anderen zu kennen - das ist auch nötig bei ihrem nächsten Vorhaben. Ihr größtes Problem sei das Laufen bergab, erzählt Abel, "Ich bin lieber vorsichtig und drossele mein Tempo, während andere einfach von Stein zu Stein den Berg herunter hüpfen." Beide finden, dass sie sich recht gut ergänzen: Abel selbst sei manchmal eher zurückhaltend, "aber dafür ist Herr Ostertag glücklicherweise der Optimist unter uns beiden."
Ihre Vorsicht hat Angelika Abel bis jetzt noch nicht geschadet: Einige Male hat sie es bei Marathonläufen schon auf die vorderen Plätze geschafft. Und verletzt hat sie sich bisher nur einmal: 2009 musste sie sich am Knie operieren lassen und danach eine Pause von einem halben Jahr einlegen. Ganz konnte sie es aber während dieser Zeit auch nicht lassen: "Ich war viel walken und musste eben sehr vorsichtig sein." Ostertag fügt hinzu: "Wenn ich mir vorstelle, nicht mehr laufen zu können - da würde mir schon etwas fehlen."
"Wegen des Transalpinlaufs bin ich schon ein wenig nervös. Das ist eine große Herausforderung", gibt Angelika Abel zu. Die Strecke und auch die Anforderungen dieses Laufes übersteigen ihre bisherigen Erfahrungen. "Dieser Lauf ist sicher ein Höhepunkt", sagt sie. Ihr Plan ist, es langsam angehen zu lassen und sich nicht schon am Anfang zu verausgaben. Sonst schwinden die Kräfte zu schnell und man muss den Lauf abbrechen. Für die Läufer, die bis zum Schluss durchhalten wollen, ist konsequente und langfristige Vorbereitung ein Muss. Beim Trainieren sei es besonders wichtig, einen klaren Plan und klare Ziele zu haben. Den Trainingsplan solle man weder unter- noch übererfüllen. Abel und Ostertag laufen vier Mal in der Woche und machen zusätzlich noch zwei bis drei Mal Krafttraining. Mit Arbeit und Familie ließe sich das vereinbaren. Abel ist gelernte Erzieherin und erzählt, dass ihre Kinder stolz auf sie seien, wenn sie gewinnt. Manchmal werde sie gefragt, an was sie während der stundenlangen Läufe denkt. Sie erzählt: "Bei einem Marathon ist man sehr viel mit sich selbst beschäftigt. Langweilig wird es mir dabei sicher nicht. Meistens höre ich nicht einmal Musik, sondern erfreue mich an der Natur und ihren Geräuschen." Ostertag arbeitet im Rechenzentrum der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg: "Das Laufen ist ein sehr wichtiger Ausgleich für mich. Wenn ich laufe, dann verwischen meine Gedanken. Nach einer Weile weiß man dann nicht mehr, welche Sorgen man vorher gehabt hat."
Laufen als eine Art der Meditation - Für den Normalsportlichen mag es schwer verständlich sein, dass die beiden willens sind, sich derartigen Belastungen auszusetzen, sich mitunter sogar zu quälen. Denn dazu gehört nicht nur der Wunsch nach Ausgleich und Entspannung. Im Gespräch über das Training und über die Krisen, die man während eines Laufes hat, wird deutlich, dass Abel und Ostertag über eine reichliche Portion Disziplin und Durchhaltevermögen verfügen. Vor allem einen starken Willen müsse man haben. Ostertag meint: "Die Hälfte des Marathons läuft man mit dem Kopf. Der muss sagen: Mach weiter."
Auf die Frage danach, was sie am Marathon-Laufen reizt, haben sie unterschiedliche Antworten. Angelika Abel steht die Begeisterung ins Gesicht geschrieben, wenn sie davon erzählt, welche Freude es ihr bereitet, ins Ziel zu gelangen. Oder davon, dass man immer wieder die gleichen Leute sieht, sich über die Jahre kennenlernt. "Es ist schön, Menschen zu treffen, die die gleichen Ziele haben. Wie in einer große Marathonfamilie." Eberhard Ostertag ergänzt: "Ich denke, dass man sich am meisten über Dinge freuen kann, bei denen auch das Scheitern möglich ist." Ina Franke