Sexismus? Brüderle und das Dirndl

Norbert Wallet, 25.01.2013 09:55 Uhr

Berlin - Rainer Brüderle würde jederzeit von sich behaupten, dass er ein Mann der alten Schule sei. Was immer das ist. Der designierte FDP-Spitzenkandidat für die kommende Bundestagswahl ist jovial, leutselig, trinkfest. Und er ist höflich. Im Gespräch legt der 67-Jährige seinem Gegenüber schon mal die Hand auf Arm oder Schulter. Er macht Frauen Komplimente. Auch solche, die diesen womöglich als, nun ja, ein wenig verstaubt vorkommen mögen. Und er pflegt mitunter einen Honoratioren-Humor, der zuweilen nicht ohne Beimengung einer gewissen Derbheit auskommt. Herrenwitze nennen das manche. Das alles ist alles bekannt und unbestritten – wohl auch von ihm selbst. Aber ist er deshalb ein Sexist? Ein Grapscher-Typ? Jemand, der zum Beispiel junge Journalistinnen ungeniert anbaggert und bedrängt, gar übergriffig wird?

Das legt ein Artikel der 29-jährigen „Stern“-Autorin Laura Himmelreich nahe, der in der jüngsten Ausgabe des Magazins abgedruckt ist und im politischen Berlin hohe Wellen schlägt. Himmelreich schildert darin einen Vorfall aus dem Januar 2012, abends an der Bar des Stuttgarter Maritim-Hotels am Vorabend des Dreikönigstreffens der Liberalen. Die Journalistin wollte über Politik reden, Brüderle nicht. Er erkundigte sich lieber nach dem Alter der Dame, auch nach ihrer Herkunft. Sie kommt aus München, was Brüderle zur Bemerkung verleitet: „Sie können ein Dirndl auch ausfüllen.“ Dabei, beobachtet Himmelreich, „wandert Brüderles Blick auf meinen Busen“. Später, berichtet die Journalistin, habe Brüderle ihre Hand geküsst und gesagt: „Ich möchte, dass sie meine Tanzkarte annehmen.“

„Brüderle verhält sich nicht immer wie ein Sexist.“

Er blitzt ab. Als es später zur Verabschiedung kommt, fühlt sich Himmelreich offenbar bedrängt: „Dann steuert er mit seinem Gesicht sehr nah auf mein Gesicht zu. Ich weiche einen Schritt zurück und halte meine Hände vor meinen Körper.“ Das Urteil der Autorin über den Vorfall findet sich in diesem Satz: „Brüderle verhält sich nicht immer wie ein Sexist.“ Nicht immer. Soll wohl heißen: In diesem Fall schon.

Himmelreich hat ihre Empörung ein Jahr konserviert. Nun erscheint ihr die Veröffentlichung passend. Sie kommt zweifach zur rechten Zeit. Brüderle ist soeben zum Gesicht der FDP für den Wahlkampf gekürt worden. Und zudem reiht sich die Enthüllung in eine Debatte über Sexismus und Politik ein, die gerade an Fahrt gewinnt. Vor kurzem hat die ehemalige „Spiegel“-Korrespondentin Ursula Kosser ein Buch vorgelegt. Es handelt von der Art, wie zu Zeiten der Bonner Republik Journalistinnen von Politikern behandelt wurden. Sie hat mit vielen Kolleginnen gesprochen. Die erinnern sich an entwürdigende Begegnungen. So fand ein Minister nichts dabei, die Frage zu stellen: „Darf ich heute Nacht dein Innenminister sein?“ Ein anderer erkundigte sich bei einem Interview nach Familienstand und Kinderzahl der – kinderlosen – Kollegin. Worauf der Politiker meinte, er könne dem abhelfen und seiner Sekretärin heiter zurief, sie solle „mal ein paar Minuten die Tür schließen“. Das war, mag man einwenden, zu vergangenen Bonner Zeiten, als Frauen im politischen Journalismus noch selten waren.

Aber heute scheint sich so viel nicht geändert zu haben, folgt man der „Spiegel-Online“-Journalistin Annett Meiritz, die jüngst in einem Artikel schrieb: „Schön ist es nicht, wenn mich ein amtierender Bundesminister zur Begrüßung extrafest an die Taille packt. Oder wenn, wie es eine Volontärin erlebte, ein Spitzenpolitiker nach einem Arbeitsessen ,Ich vermisse deine Nähe‘ simst.“ Das Regierungsviertel – ein Jagdrevier für hormonell unausgeglichene Politiker?

Politiker und Journalistinnen – das muss nicht anstößig sein

Für diese Sicht gibt es einen Kronzeugen. In einem bemerkenswerten, zwei Jahre altem Interview mit der „Zeit“ nannte der schleswig-holsteinische FDP-Politiker Wolfgang Kubicki die Gründe dafür, warum er nicht aus der Landespolitik nach Berlin wechseln möchte. Hier, sagte er, würde er „zum Trinker, vielleicht auch zum Hurenbock“. Die Politiker seien den ganzen Tag unter Druck und abends warte nur ein leeres Apartment. Kubicki: „Da sind dann diese Abende, an denen Sie nur abschalten wollen, Stressabbau. Da sitzt Ihnen plötzlich eine Frau gegenüber, die Ihnen einfach nur zuhört. Und dann geht dann die Geschichte irgendwann im Bett weiter.“

 
 
Kommentare (7)
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JAN
28
doc-hahn, 11:42 Uhr

Sexismus

Alles Blödsinn. Wer angemacht werden will, stellt sich entsprechend an oder zieht sich männeraufregend geil an. Habe 30 Jahe in der ärztlichen Standespolitikszene nichts anderes erlebt. Komischerweise hat sich da keine oder keiner angemacht gefühlt. Da ging es allerdings nie um Wahlen und darum, eine bereits angezählte Partei fertigzumachen!!!!

JAN
27
Don Jon, 20:52 Uhr

Polit-Elite

Die CSU steht hinter Guttenberg, die CDU steht hinter Wulff und Schavan, die FDP steht hinter Chatzimarkakis, Koch-Mehrin und nun auch noch hinter Brüderle. Was für eine tolle Elite.

JAN
26
obros, 20:27 Uhr

Gegen Sexismus und Gewalt

Sexismus ist geradeso wie Gewalt gegen Frauen ein Problem, das es zu bekämpfen gilt. Am 14.2.2013 wird es dazu einen weltweiten Aktionstag geben: ONE BILLION RISING http://onebillionrisingosnabrueck.wordpress.com/one-billion-rising-germany-geplante-events-in-der-brd/

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