Sex-Kinos kämpfen ums Überleben Deutschlands letzte Lust-Reservate

Von Markus Brauer 

Aussterbende Art: Eingangstür eines Sex-Kinos in Berlin. Foto: dpa
Aussterbende Art: Eingangstür eines Sex-Kinos in Berlin.Foto: dpa

Das klassische Sex-Kino stirbt aus. Im Zeitalter kostenloser, immer und überall verfügbarer Online-Pornografie ist mit Video-Kabinen kein Geschäft mehr zu machen.

Stuttgart - „Sex-Shop und Erotik-Kino“ steht in fetten, grellen Buchstaben auf der Leuchtreklame. Drinnen geht es einen schmalen Gang entlang. Die dunkelgestrichenen Wände, der Boden, die Decke, das gedämpfte Licht – es ist, als ob man eine Parallelwelt betritt. Über der Theke flimmert ein Bildschirm, einige der Kabinentüren stehen offen, aus den verschlossenen dringt leises Gestöhne. Willkommen im Sex-Kino, einer aussterbenden kinematografischen Errungenschaft.

Gute Zeiten, schlechte Zeiten

Den Erotik-Kinos geht es schlecht. Im Zeitalter kostenloser Internet-Pornografie kämpfen sie ums Überleben. Die klassischen Porno-Großkinos sind längst Geschichte und auch die Kleinkinos und Videokabinen schwinden rapide dahin. „Die Situation ist schwierig, die Konkurrenz groß“, sagt Christian Otto. Der 47-Jährige betreibt die „Blue Box“, ein „Cruising & Erlebnis Kino“ in der Stuttgarter Innenstadt. Vergnügungssteuer, Abgaben für Gema und Güfa, Miete und Gehälter – am Ende des Monats bleibt nicht viel übrig für Otto und seine Frau. „Die guten Zeiten sind endgültig vorbei“, sagt er.

Als die ersten Erotik-Lichtspielstätten im Zuge der sexuellen Revolution Ende der 1960er in Dänemark aufmachten, war das eine Sensation. 1972 wurde die Veröffentlichung pornografischer Inhalte in den USA und danach auch in Deutschland legalisiert. Nachdem das neue Sexualstrafrecht 1975 in Kraft trat, schossen die Porno-Buden wie Pilze aus dem Boden. „Roxy“ war ein allseits beliebter Name für die schmuddelig-schummrigen Etablissements, denen bis heute der Geruch des Verruchten anhaftet.

Langsames Aus für das klassische Sex-Kino

„Das klassische PAM-Kino ist tot. Vorne eine Leinwand, dahinter ein paar Sitze – das gibt es praktisch nicht mehr. Es ist ersetzt worden durch erotische Erlebnis-Landschaften“, sagt Uwe Kaltenberg, der seit über 20 Jahren Geschäftsführer des Bundesverbandes Erotik Handel ist. 2009 hatte der Verband noch 365 Mitglieder – darunter Erotik-Großkonzerne wie Beate Uhse und Orion, aber auch kleine Ladengeschäfte und Film-Produzenten. Heute sind es noch 220 – und es werden immer weniger.

Geräumiger, flexibler und offen für alle Vorlieben

Die noch verbliebenen Sex-Kinos buhlen mit allerlei Versprechungen um die sich rar machende Kundschaft. „Wer einmal bei uns war, kommt gerne wieder“. Mit diesem Slogan wirbt ein „Erlebniskino für Paare und Singles“ in Ludwigsburg auf seiner Website. Spielwiese, Kabinenkinos, geräumige Paarzimmer, die Tageskarte für 12,50 Euro – „für jeden Geschmack“ sei etwas dabei.

In der „Blue Box“ in Stuttgart kann man auf zwei Etagen „die ganze Welt des modernen Erotik-Kinos mit all seinen Möglichkeiten“ hautnah erleben. Mit „Thementagen“ für Gays, Heteros, Bisexuelle, Transvestiten, Liebhaber von Damenunterwäsche und andere Menschen mit speziellen sexuellen Vorlieben versucht Otto die Verluste beim klassischen Kino-Geschäft zu kompensieren. „Das wird angenommen, weil es solche Angebote anderswo nicht gibt. Wer hat schon ein Andreaskreuz bei sich zu Hause stehen?“

(Zur Info: Als Andreaskreuz bezeichnet man ein x-förmiges Kreuz in Menschengröße, das zu den sogenannten Sadomasochismus – kurz SM – Möbeln gehört. Es ist nach dem Apostel Andreas benannt, welcher der christlichen Legende nach an einem solchen Kreuz gestorben ist).

Wer ist schuld am Niedergang? Natürlich das Internet!

Trotz der ausgefallenen Angebotspalette ist die Nachfrage eher mau. „Als meine Frau die ‚Blue Box‘ 2006 übernahm, haben wir noch richtig Geld verdient. Jetzt müssen wir für das bisschen, was wir rauskriegen, viel arbeiten“, so Kino-Betreiber Otto.

Wer ist schuld am Niedergang? Natürlich das Internet! Diesen Vorwurf hört man immer wieder von Sex-Shop- und -Kino-Betreibern, kleinen und großen Erotik-Händlern. Fakt ist: Sex-Kinos gehen den Bach runter, der Verkauf von DVDs ist dramatisch eingebrochen. Viele Videotheken, die noch vor wenigen Jahren 40 bis 60 Prozent ihres Umsatzes mit Erotik-Filmchen machten, haben die Sparte eingestampft. Kaltenberg: „Die Videotheken sterben wie die Fliegen.“

Der Internet-Hype hatte selbst Branchen-Primus Beate Uhse tief ins Minus getrieben. Das 1951 gegründete Versandhaus ging 1999 an die Börse, als die DVD-Welle schon längst über das Abendland geschwappt war. Dank neuer Marketing-Strategien schreibt das Unternehmen wieder schwarze Zahlen. Im ersten Halbjahr 2015 wurden 65,5 Millionen Euro mit Dessous, Sex-Spielzeug und anderen Erotik-Accessoires in europaweit über 200 Geschäften (davon 34 in Deutschland), mit Katalogen und Online umgesetzt.

Jugendschutz im Internet?

Auch bei Orion läuft es wieder rund. Der Erotik-Warenanbieter hat zwar nie Sex-Kinos betrieben, dafür aber Filme massenhaft verkauft. Der Umsatzrückgang bei den heißen Silberscheiben sei fürs erste gestoppt, berichtet Jens Seipp, Sprecher der Orion-Fachgeschäfte im hessischen Biebertal. „Für unsere Branche sind die kostenlosen Porno-Anbieter ein Riesenproblem. Die Inhalte sind für jeden frei zugänglich, der einen Internet-Zugang hat, ohne jede Kontrolle. Jugendschutz – den gibt es nicht.“

Erst kürzlich wurde in der Online-Ausgabe der „Zeit“ eine Grafik veröffentlicht, auf der die letzten Lust-Reservate der Republik verzeichnet sind – insgesamt 172 Kinos mit eigenem kleinen Saal. Mit 18 Adressen ist Berlin einsamer Spitzenreiter, gefolgt von Hamburg mit fünf sowie Frankfurt und München mit je drei. Angesichts der grenzenlosen Erotisierung durch das www. ist das erstaunlich viel. Die Porno-Klitsche an der Bahnhofsecke und in der Seitengasse ist seit langem totgesagt. „So long Pornokino!“, titelte die „taz“ schon vor einigen Jahren. Doch Totgesagte leben länger.

Ordnungsamt: Sechs Sex-Kinos in Stuttgart

Die Gewerbebehörde im Stuttgarter Ordnungsamt listet sechs Kinos auf, in denen „Hardcore“ zu sehen ist, darunter mindestens zwei mit Mini-Saal. „Wir tun uns nicht so leicht damit, Sex- und Pornokinos aus dem Gewerberegister herauszufiltern“, betont ein Mitarbeiter. Die Betriebe würden unter ganz unterschiedlichen Bezeichnungen laufen. „Wenn nur der Verkauf von Erotik-Artikeln angemeldet ist und nachträglich Kinofilme in Boxen angeboten werden, wie das offenbar öfters der Fall ist, lässt sich das nur schwer überprüfen.“

Sex-Kinos sind keine Kultur-Einrichtung

Kinos werden in Deutschland als Kultureinrichtungen eingestuft, weshalb sie den ermäßigten Mehrwertsteuersatz von sieben statt 19 Prozent entrichten müssen. Davon haben auch Sex-Kinos lange profitiert. Inzwischen erheben viele Städte – wie auch Stuttgart – eine Vergnügungssteuer auf „Vergnügungen besonderer Art“ wie Peepshows, Kinos, Bordelle oder Striptease. Der Europäische Gerichtshof bestätigte 2010 die Rechtmäßigkeit dieser Abgabe. Sex-Kinos seien keine kulturellen Einrichtung, hieß es in der Urteilsbegründung.

„Blue-Box“-Betreiber Otto findet das alles andere als in Ordnung. „Die Stadt Stuttgart wirft einem Knüppel zwischen die Beine. Wir zahlen jeden Monat ein Haufen Vergnügungssteuer, während man sich im Netz die Sachen umsonst runterladen kann. Da fühle ich mich bestraft.“

Beate Uhse AG setzt auf Paare und Frauen

Der Trend geht immer mehr zum exquisiten erotischen Sortiment, um vor allem weibliches Publikum und Paare anzusprechen. Besuchten früher fast nur Männer die Sex-Kinos und Erotik-Shops von Beate Uhse, so sind nach Angaben des Unternehmens heute 70 Prozent der Kunden Frauen. Tendenz steigend. „ Auch Dank der Trilogie ‚Fifty Shades of Grey‘ haben Frauen weniger Berührungsängste, stehen zu ihren Wünschen und Fantasien und sprechen darüber offen mit ihren Freundinnen und Partnern“, sagt Nicola Schumann, Deutschland-Chefin der Beate Uhse AG.

Hingegen habe sich der Mann als Zielgruppe „quasi selbst abgeschafft, indem er sich Filme mehr und mehr gratis aus dem Internet geladen hat“. 2012 habe der Konzern mit dem Relaunch der Marke begonnen. Nicola Schumann: „Die Marke Beate Uhse ist jetzt viel weiblicher, 80 Prozent unseres Sortiments sind Lifestyle-Produkte für Frauen und Paare.“ Deutschlandweit betreibe der Branchenführer „nur noch vereinzelt Kabinen“, vornehmlich an Autobahnraststätten. In den innerstädtischen Stores beispielsweise in Köln oder Hannover gäbe es bereits keine Kinos oder Kabinen mehr.

Sex geht immer

„Sex sells“ – Sex verkauft sich immer. Der Spitzenreiter im globalen Sex-Netz hat 640 Millionen Online-Besuche im Monat, der Zweitplatzierte 533 Millionen. Verlässliche Zahlen udn Statistiken, wie viel die Porno-Branche weltweit oder in Deutschland umsetzt, gibt es nicht – man kann aber von vielen Milliarden Euro ausgehen.

Die Deutschen sind angeblich Weltmeister im Porno-Gucken. Nach Untersuchungen des britischen Marktforschers SimilarWeb entfallen 12,5 Prozent aller Internet-Aktivitäten hier zu Lande auf Sex-Seiten – so viel wie in keinem anderen Staat. Der Durchschnitt liegt bei 7,7 Prozent, die USA – größter Produzent von Porno-Filmen – kommen auf eine Quote von 8,3 Prozent. 70 Prozent der Männer in Deutschland sollen sich regelmäßig Erotik am Bildschirm anschauen, bei manchem artet das zu einer regelrechten Internet-Sexsucht aus.

Da kann das kleine Sex-Kino um die Ecke nicht mithalten. Selbst an guten Tagen verirren sich kaum mehr als 100 Gäste in die „Blue Box“. „Das Ganze ist mehr ein Hobby“, sagt Christian Otto. „Den Riesen-Reibach machen wir schon lange nicht mehr.“

„Jugendschutz ist eine Farce“

Für Feministinnen wie Alice Schwarzer, die seit Jahrzehnten gegen Pornografie zu Felde zieht, dürfte der Niedergang der Sex-Kinos ein später Triumph sein. Und doch ist es ein Pyrrhussieg. Solange es nur Kinos gab, war die Welt der Erotik noch überschaubar und überwiegend jugendfrei. Ob ein Erotik-Kino die strengen Jugendschutz-Auflagen einhielt und einhält , konnte und kann überprüft werden. Seit Pornografie durch das Internet allgegenwärtig geworden ist, gibt es diese Schutzbarriere nicht mehr. Christian Otto: „Dass heute jeder Fünf- und Zehnjährige pornografische Inhalte im Netz angucken kann, und das völlig unkontrolliert, ist total daneben. Der Jugendschutz ist doch eine Farce.“

Zwei, drei Klicks auf dem Computer und schon landet man auf einer der unzähligen Schamlos-Webseiten. „Ich möchte doch nicht mein Gehirn und schon gar nicht das Gehirn meines Kindes mit solchem Schrott, mit gewalttätigen oder ekligen Sachen belasten“, sagt Männercoach und Bestsellerautor Björn Thorsten Leimbach. „Aber durch das Internet sind die Dinge heute super leicht verfügbar. Das ist das Problem.“ Leimbachs neues Buch trägt den Titel „Internet-Porno – Die neue Sexsucht: Ein Ratgeber für Männer, Frauen und Eltern“.

Das Thema ist für die familiäre und schulische Erziehung viel zu wichtig, um es verschämt totzuschweigen, empört darüber die Nase zu rümpfen oder Kinder und Jugendliche das Anschauen von digitalem Schund unter Strafandrohung zu verbieten. Dann tun sie es erst recht.

Info: Kurze Blüte des Sex-Kinos

1899 wurde in Berlin das erste Sex-Kino eröffnet – das „Abnormitäten- und Biograph-Theater“ mit 158 Sitzplätzen. Schon zuvor zeigten Kinematografen auf Jahrmärkten bewegte Nackedei-Bilder.

Nach einer kurzen Blüte in den 1920er Jahren verschwand das Genre Sex-Filmin der Versenkung, aus der es erst Ende der 1960er wiederauftauchte. Auf die FKK-Welle aus Schweden und den deutschen Aufklärungsfilmen („Helga – Vom Werden des menschlichen Lebens“, 1967; „Mein Mann das unbekannte Wesen“, 1970) folgten die ersten „harten“ Pornofilme „Made in USA“.

Nachdem das deutsche Sexualstrafrecht 1975 gelockert und Pornografie teilweise legalisiert worden war, erlebten der Sex-Film und das Erotik-Kino einen ersten Boom. Anfangs waren die gesetzlichen Auflagen für PAM-Kinos (ein Franchise-Unternehmen des Dortmunder Bauer Film-Verleihs) noch recht restriktiv. Die Kinos waren offiziell Schankbetriebe, in denen man für Getränke und Vorführung zahlte.

Die 1980er Jahre waren die Hochphase des kommerziellen Pornofilms – auch „Made in Germany“. Mit dem Siegezug der DVDs begann der Niedergang des Sex-Kinos, der durch Porno 2.0 – die kostenlosen Angebote im Internet – enorm beschleunigt worden ist. Das komplette Aussterben der Art dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein.

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