Leben in Europa: Bulgarien Das Armenhaus der EU – und trotzdem lebenswert

Von Thomas Roser 

Marija und Dalibor Denkow mit Sohn Jan und Tochter Eva vor dem Archäologischen Museum in Sofia. Foto: Thomas Roser
Marija und Dalibor Denkow mit Sohn Jan und Tochter Eva vor dem Archäologischen Museum in Sofia. Foto: Thomas Roser

Banken vor der Pleite, Staaten vor dem Bankrott: Die Krise, die 2007 begann, hat die EU und das Leben der Menschen verändert. Die Folgen sind noch immer zu spüren. Unsere Serie beleuchtet den Alltag. Heute: Familie Denkow in Bulgarien.

Sofia - Auch im ärmsten Land der EU rotiert farbiges Plastik um rege Kinderfinger. Fünf Spinner-Handkreisel zähle bereits zu ihrer Sammlung, berichtet die elfjährige Eva Denkow im Café des Archäologischen Museums im Zentrum von Bulgariens Hauptstadt Sofia stolz. Auch die Zukunftspläne und musikalischen Vorlieben der blonden Schülerin dürften sich kaum von denen ihrer Altersgenossen in anderen EU-Staaten unterscheiden. Am liebsten höre sie die Musik von Haydon Summerall und Justin Bieber, bekennt sie lächelnd: „Und wenn ich groß bin, möchte ich auf einem großen Anwesen wohnen – mit einer Katze und drei Hunden.“

Freigelegte Fundamente aus der Römerzeit künden im Café-Keller von der bewegten Vergangenheit der geschichtsträchtigen Stadt. Bulgariens Gegenwart sieht hingegen eher ernüchternd aus. Zehn Jahre nach dem Beitritt dümpelt das ärmste EU-Mitglied noch immer am Ende fast aller Sozialstatistiken von Europas kriselndem Wohlstandsbündnis. Doch obwohl das Pro-Kopf-Sozialprodukt in dem Balkanstaat nicht einmal die Hälfte des EU-Mittels beträgt, gleicht sich das Leben und Denken nach Ansicht des zweifachen Familienvaters Dalibor Denkow zumindest in der Hauptstadt zunehmend dem anderer EU-Nationen an: „Sofia ist eine europäische Metropole geworden. Die negativen Klischees, die über Bulgarien in Europa kursieren, werden unserem Land absolut nicht gerecht.“

Zeitgleich mit Rumänien der EU beigetreten

Im Doppelpack mit Rumänien war Bulgarien 2007 der EU beigetreten. Die gerade vermählten Eheleute Marija und Dalibor plagten damals andere Sorgen. Kurz zuvor hatte die Keramik-Designerin Marija ihr erstes Kind Eva auf die Welt gebracht. Und der im nahen Carimbrod (Dimitrovgrad) als Angehöriger von Serbiens bulgarischer Minderheit geborene Dalibor harrte noch auf die Zuteilung der bulgarischen Staatsbürgerschaft: „Ich beschäftigte mich damals nicht wirklich mit der Frage, was sich mit der EU für Bulgarien ändern könnte. Die Folgen des Beitritts waren auch erst drei, vier Jahre später zu spüren.“

Auch die Folgen der 2007 einsetzenden Weltwirtschafts- und Finanzkrise erreichten Bulgarien verspätet: Erst 2009 rutschte die Wachstumsrate mit minus 4,2 Prozent kräftig, dafür aber nur kurz, in den Negativbereich. Hatte Dalibor bis 2006 sein Elektrotechnik-Studium in Sofia als Webdesigner finanziert, heuerte er nach der Familienexpansion auch aus finanziellen Gründen bei einem der ins Billiglohnland Bulgarien drängenden Outsourcing-Konzerne an: Als Manager von dessen Callcenter-Operationen hatte er fortan Kunden aus aller Welt zu betreuen. Marija entschied sich bewusst, sich als Hausfrau ganz der Erziehung von Eva und des 2010 geborenen Jan zu widmen: „Unsere finanzielle Lage ermöglicht uns diesen Luxus. Dass die Frau nicht arbeiten geht, können sich bulgarische Familien sonst kaum leisten.“

Auswirkungen der Finanzkrise waren kaum direkt zu spüren

Die Auswirkungen der Finanzkrise seien in Bulgarien direkt kaum zu spüren gewesen, erinnert sich der 37-jährige Dalibor an die Zeit, die für ihn persönlich im Zeichen eines schnellen beruflichen Aufstiegs stand: „Bulgarien war damals einfach noch nicht so entwickelt, um viel verlieren zu können.“ Im Gegensatz zu Iren, Spaniern oder Ungarn seien seine Landsleute „nicht so weit gewesen“, um daran zu denken, Kredite aufzunehmen. Laut Marija bekamen die Finanzkrise aber diejenigen Freunde und Bekannte zu spüren, die zuvor nach Spanien oder Westeuropa ausgewandert seien: „Sie zählten zu den ersten, die dort während der Krise ihre Jobs verloren. Viele sind inzwischen wieder zurückgekehrt.“

Fast ein Fünftel seiner Bevölkerung hat der Balkanstaat im letzten Vierteljahrhundert verloren. Ja, sie habe zeitweise auch über Emigration nachgedacht, sagt die 40-jährige Marija: „Aber es war nie mein Ziel, um jeden Preis auszuwandern. Denn von den Freunden weiß ich, dass das Leben im Ausland auch nicht so problemlos ist, wie es scheint. Mir ist es lieber, im Urlaub andere Länder und Kulturen kennenzulernen, als definitiv von hier wegzuziehen.“

Viele Bulgaren sind ins Ausland gezogen

Neben Levski Sofia ist der FC Barcelona der Lieblingsclub des siebenjährigen Jan – und Messi sein Vorbild: „Ich will Fußballer werden.“ In Sofia könne man auch gut leben „und sich sehr gut entwickeln“, weiß indes sein mittlerweile als Manager in die IT-Branche gewechselter Vater: „Ja, es stimmt. Viele Bulgaren sind wegen der Arbeit ins Ausland gezogen. Aber es sind auch viele ausländischen Investoren wegen des guten Businessklimas und der hoch qualifizierten und günstigen Arbeitskräfte hierhergekommen.“

Für den „überzeugten Anhänger der EU-Idee“ überwiegen die Vorteile der EU klar deren Nachteile: „Ich kann die Entscheidung der Engländer für den Brexit absolut nicht verstehen.“ Seiner Einschätzung nach halten sich EU-Befürworter und Skeptiker mit je 50 Prozent in dem als proeuropäisch geltenden Bulgarien aber etwa die Waage: „Bei manchen ist das kommunistische Zeitalter eben noch tief verwurzelt.“ Die Öffnung des Landes, aber auch die Einführung des Einheitssteuersatzes von zehn Prozent habe nach 2007 die Ansiedlung ausländischer Konzerne stimuliert, glaubt der Manager. Die seit dem EU-Beitritt nur langsam auf über 500 Euro gekletterten Durchschnittslöhne gehen zu Marijas Leidwesen allerdings mit höheren Preisen einher: „Und wegen der besseren Löhne in den Städten hält die Landflucht an. Ganze Dörfer stehen leer. Aber das ist auf dem ganzen Balkan der Trend.“

Zum Missionar zur Verbreitung eines positiven Bilds über Bulgarien geworden

Wo gebe es in Europa schon eine Hauptstadt, von der aus sich in zwei Stunden Berggipfel in 3000 Meter Höhe und in drei Stunden sowohl die bulgarische Schwarzmeerküste als auch das griechische Ägäis-Gestade erreichen lasse, preist Dalibor seine Lieblingsstadt Sofia. Doch obwohl er sich auf Geschäftsreisen ins Ausland als „Missionar zur Verbreitung eines positiven Bilds über Bulgarien“ versteht, kommt das Familienoberhaupt selbst schnell auf die zahlreichen Probleme seines Landes zu sprechen.

Bulgarien kenne leider „keine Medienfreiheit“, bedauert Dalibor. Auch seien die Klagen der EU-Fortschrittsberichte über Korruption und den mangelhaften Rechtsstaat „völlig berechtigt“: „Die EU muss Bulgarien so lange in den Hintern treten, so lange das nötig ist. Und das sage ich, obwohl ich mein Land sonst immer verteidige“, sagt der 37-Jährige. Trist sei es auch um das soziale Netz bestellt, so Marija. Mit der Minimumrente von 150 Lewa (75 Euro) könne ihre Mutter wie viele andere Rentner nicht über die Runden kommen und sei gezwungen, zwei Zusatzjobs zu machen: „Wie soll man damit sonst einen Monat überleben können?“, fragt sich die 40-Jährige.

Antiquiertes Schulwesen

Zu schaffen macht den Eltern von zwei schulpflichtigen Kindern das antiquierte Schulwesen. Es fehle an den Schulen an jeglicher Innovation, klagt Dalibor: „Das Land kümmert sich zu wenig um seine Kinder.“ Tochter Eva setzt bei den Tücken im Schulalltag derweil auf pragmatische Lösungen. Die Toiletten im Erdgeschoss seien eine Katastrophe: „Darum gehe ich auf die im zweiten Stock.“

Jan paukt Englisch und Deutsch, Eva Englisch und Russisch in der Schule: „Ich möchte gerne auch noch Spanisch lernen“, sagt Jan. Trotz mancher Missstände würde die polyglotte Familie ihren Wohnort Sofia nur ungern gegen eine andere EU-Metropole tauschen. Doch zum Strandurlaub machen sich die Bulgarien-Fans auch dieses Jahr lieber nach Griechenland als an die mit Bettenburgen zu betonierte Küste ihres Landes auf. „Bei uns denken manche leider noch immer zu viel an den Profit und zu wenig an die Natur“, bedauert Marija beim Abschied.

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