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Serie Endstationen: Neckartor Wo Schönheit und Schmutz nah beieinander liegen

Von Beate Pundt 

Das Neckartor in Stuttgart hat wegen der erhöhten Feinstaubwerte schon oft für Schlagzeilen gesorgt. Dabei ist der Weg ins Grüne von hier so kurz wie an kaum einer anderen Stadtbahnhaltestelle. Wir haben Stuttgarter gefragt, was sie mit dem Neckartor verbinden.

Stuttgart - Haltestelle Neckartor. Beobachtungen an einem gewöhnlichen Werktag: Mit flehendem Blick versucht ein humpelnder Obdachloser die Menschen an der unterirdischen Haltstelle zum Stehen zu bringen – und scheitert wieder und wieder.

Ein Geschäftsmann mit einer Aktentasche in der einen Hand und einem kleinen Mädchen an der anderen eilt in Richtung Kindergarten, eine Studentin joggt vor ihrer ersten Vorlesung in Richtung Schlossgarten und ein Rentner führt geschäftig seinen Rauhaardackel spazieren. Das Neckartor ist kein Ort, an dem man sich länger aufhält.

Der Weg ins Grüne ist nah

Der Dreck, der hier durch die Luft wirbelt, hat es sogar schon in die Schlagzeilen überregionaler Zeitungen geschafft. „Die schmutzigste Kreuzung Deutschlands“ ist der Titel, der sich am hartnäckigsten hält. Ein Superlativ, den Stuttgart erfolglos abzuschütteln versucht. Doch die Messergebnisse vom Neckartor während der Feinstaubperioden sprechen für sich. Dabei ist der Weg ins Grüne von hier so kurz wie an kaum einer anderen Stadtbahnhaltestelle. Von der unterirdischen Station führt das Neckartor direkt in den Mittleren Schlossgarten, die grüne Lunge Stuttgarts.

Dieser extreme Gegensatz zwischen Schmutz und Schönheit ist auch den Stuttgartern bewusst. „Mit dem Neckartor verbinde ich Feinstaub“, formuliert Zehra Y. ihren ersten Gedanken zu der Haltestelle. Die 23-jährige Ergotherapeutin wohnt ganz in der Nähe und kennt das Problem nur zu gut: „Wenn ich das Fenster aufmache, kann ich gleich einmal durchsaugen“. Daniel G., Philosophiestudent aus Österreich, sieht das anders: „Das Neckartor ist für mich der Ort völliger Freiheit in Stuttgart, man hat viel grün, entspannte Menschen, viele Familien, man ist schnell in der Stadt“. Auch Regine Heering kann dem Neckartor durchaus Positives abgewinnen: „Man kommt hier super weg und braucht kein Auto“, sagt die 64-Jährige, die als Richterin am Amtsgericht arbeitet.

Kein Ort, den Stuttgarter meiden

Der Verkehr an einem gewöhnlichen Werktag zeigt, dass das Neckartor mitnichten ein Ort ist, den die Stuttgarter meiden. Sowohl oberirdisch als auch unterirdisch geht es hier zu wie in einem Bienenschwarm: Auf der Kreuzung rauschen die Autos auf der sechsspurigen Straße im Takt der Ampeln von links nach rechts. Darunter rumpeln die Stadtbahnen stadteinwärts über den Hauptbahnhof oder stadtauswärts in die nordöstlichen Teile des Kessels. Wer auf dem Weg in die Innenstadt zufällig die Stadtbahnlinie U4 erwischt, muss am Neckartor aussteigen. Für die U4 ist hier Endstation.

Der Grund dafür liegt auf der gegenüberliegende Seite des Schlossgartens: der Hauptbahnhof und die damit verbundene S21-Großbaustelle. Wegen der Tunnelarbeiten wurde die Strecke zwischen Staatsgalerie und Charlottenplatz im Mai 2016 gesperrt. Die Linien U1 und U2 wurden umgeleitet, die U4 in zwei Äste aufgeteilt: Untertürkheim – Neckartor und Charlottenplatz – Hölderlinplatz.

Und die nächste Baustelle steht schon fest. Mit dem kommenden Fahrplanwechsel im Dezember 2017 soll das Tunnelstück zwischen Staatsgalerie und Hauptbahnhof in Angriff genommen werden. Zumindest die U4 fährt dann wieder ihre gewohnte Bahn.

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