Stuttgart - Immer mehr Senioren entdecken die schöne neue Welt der digitalen Medien. Die Generation 50plus surft im Internet, telefoniert ins Ausland via Skype und trifft sich in sozialen Netzwerken. In einer Serie stellen wir wichtige Trends vor. Heute: Welche technischen Helferlein sind für Senioren interessant.
Bücher stapelten sich auf dem Couchtisch mit Häkeldeckchen, die Stricknadeln klapperten, zu Omas Füßen zupfte die Katze am Wollknäuel, und aus dem Radio trällerte Volksmusik. Das war zu einer Zeit, als man zum Musikhören die Stereoanlage benutzte, nach dem Studium der Ernst des Lebens begann - und nicht ein weiteres Praktikum. Damals suchte man die Nummern im Telefonbuch und setzte sich mit dem Telefonhörer neben den Apparat.
Einst kamen im Fernsehen richtige Spielfilme und keine Vorher-Nachher-Shows, in denen sich Frauen vor laufender Kamera liften lassen. Man traf sich im Café, nicht bei Facebook. Während Opa neben Oma gemütlich Zeitung las, beschäftigte sich nur der Nachwuchs mit den neuen Verrücktheiten.
Heute ist das anders. In Deutschland machen Senioren über 20 Prozent der Bevölkerung aus, die Zahl steigt stetig. Sie kontrollieren einen großen Teil des verfügbaren Vermögens - ein riesiges Potenzial für die Technik- und Medienbranche.
Kein Wunder also, dass die neuen Verrücktheiten auch in den Wohnzimmern der Generation 50plus Einzug hält. Die Medienbranche hat eine neue Zielgruppe entdeckt. Wenn Opa mit dem Enkel telefoniert, der mit dem Rucksack durch Neuseeland tingelt, nutzt er nicht mehr das Telefon, sondern entweder Skype oder ein Handy mit so großen Tasten, dass man sie mit Boxhandschuhen bedienen könnte.
Die Tabletteneinnahme wird nicht nur durch eine Schachtel mit Fächern für jeden Wochentag kontrolliert, sondern durch Erinnerungen im Handy organisiert. Gegen die Vergesslichkeit gibt es auch ein Mittel: Gedächtnisspiele im Internet oder als App auf dem iPad.
Neuerdings wird nicht mehr damit geworben, dass man mit den High-Tech-Geräten so viele Funktionen wie möglich bekommt, sondern mit dem Schlagwort: "Get less!" Damit sollen ältere Kunden angesprochen werden, die einfache Geräte ohne komplizierte Menüs und Tausende Optionen wollen. Mit nur einem Klick werden die iPods für Oma und Opa angeschaltet. Ein Gerät sollte maximal drei Knöpfe haben, keinen Mini-Joystick und kein Display. So wendet sich der Markt speziell an Kunden, die kurzsichtig oder weitsichtig, schwerhörig sind und die tatterige Finger haben. Sie finden High-Tech-Spielzeug zu kompliziert.
Einer der Anbieter ist etwa der der Onlineshop www.seniorenland.de. Dort findet man sprechende Armbanduhren, die die Uhrzeit verkünden, wenn der Blick auf das Ziffernblatt schwerer wird. Die Suche nach dem Hausschlüssel hat ein Ende, weil ein Schlüsselfinder auf das Pfeifen Ton- und Blinksignale abgibt. Ein Vergrößerungsbildschirm, der vor den Fernseher gespannt werden kann, ist von Vorteil, wenn ein größeres Gerät zu viel Platz wegnimmt.
Vielleicht könnte demnächst sogar die Betreuung von Demenzkranken technisch erleichtert werden: Die Forscher arbeiten an einem GPS-Navigationssystem, das überwachen soll, ob sich Alzheimer-Patienten ziellos durch die Straßen bewegen, dann schlägt die Technik Alarm. Sogar eine Software ist in Planung, die den Fahrer daran erinnern kann, wohin er fahren wollte, falls dieser das unterwegs vergisst.
Ein Problem scheint bislang noch ungelöst: Die für Senioren entwickelten Produkte wenden sich an eine Generation, die danach strebt, ewig jung zu bleiben und die eben keine verstaubte Oma mit Strickzeug sein möchte. Zu eindeutige Opa-Technik ist nicht attraktiv, denn wer gibt schon gerne zu, dass er ein Handy mit Riesentasten benötigt. Die Generation 50plus fängt deshalb lieber trendy an. Sie surft und kauft im Internet ein, wird Mitglied im SeniorenVZ, skypt, spielt Nintendo Wii oder hält sich geistig fit mit Gehirnjogging. Hörbücher werden konsumiert, junge Alte studieren an Universitäten, leben in Senioren-WGs oder nutzen das schicke iPad, das die Möglichkeit bietet, Schriften zu vergrößern - mutig und modern sind sie, die neuen Silver User.
Carmen Schütterle ist Studentin an der Stuttgarter Hochschule der Medien im Studiengang Mediapublishing.
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