Seliger im Interview „Kunst verkörpert eine Haltung“

Von Thomas Morawitzky 

Berthold Seliger, KOnzertveranstalter, beklagt die Mutlosigkeit in Deutschland in Sachen Pop-Musik Foto: privat
Berthold Seliger, KOnzertveranstalter, beklagt die Mutlosigkeit in Deutschland in Sachen Pop-Musik Foto: privat

Der Konzertveranstalter Berthold Seliger hat seit 1988 mit seiner Konzertagentur Künstler wie Patti Smith oder Lou Reed nach Deutschland gebracht. 2013 kehrte er dem Geschäft mit der Musik den Rücken zu, sein Insiderbericht aus der Branche wurde zum kleinen Bestseller.

Stuttgart - Herr Seliger, sind Sie noch als Konzertveranstalter tätig? Sie hatten angekündigt, Ihre Konzertagentur zu schließen. Auch dieses Jahr organisieren Sie nun eine Tour mit Patti Smith – mit einem Konzert am 22. Juli in ­Winterbach.

Ich habe Ende 2013 meine Konzertagentur in ein kleines Büro für Musik, Texte & Strategien transformiert, in dem ich nach wie vor einige Künstler als Europaagent, andere als deutscher Tourveranstalter vertrete. Ich arbeite jetzt noch mehr nach eigenen Regeln, unabhängig wie immer, aber auch ohne nutzlose Manager, ohne Maschinerie – direkt mit den Künstlern und ihren Ideen.
Ihr Buch „Das Geschäft mit der Musik. Ein Insiderbericht“ erschien vor mehr als einem Jahr. Sie stellen Ihr Buch bei Lesungen vor. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?
Ich habe jetzt über 30 Veranstaltungen gemacht, und ich bin auf ein sehr neugieriges Publikum gestoßen, vor allem auf viele junge Menschen, die mehr über das Musikgeschäft erfahren wollen – ganz offensichtlich erfahren sie da, wo sie sind, etwa an den Unis oder in der Ausbildung, nicht viel darüber, was wirklich Sache ist. Das deckt sich mit meinen Erfahrungen, wenn ich Absolventen von sogenannten Kulturmanagement-Studiengängen in meiner Firma eingestellt habe.
Ist es schwieriger geworden, in Deutschland anspruchsvolle Konzerte zu veranstalten? Wenn ja, woran liegt das?
Man sollte keinesfalls dem Missverständnis aufsitzen, dass es jemals einfach gewesen sei. Das war es nie. Wenn Sie eine Bude mit anspruchsvoller Musik auf dem Markt haben, ist das immer ein ziemlicher Kampf, das sollte man nicht unterschätzen. Allerdings, was sich geändert hat: zum einen die Neugier vieler Menschen auf spannende Musik mit einem gewissen Niveau. Zum anderen die Rahmenbedingungen: Sie finden bestimmte Musik kaum mehr in den Radios, schon gar nicht im Fernsehen, da ist das alles Nischenkultur. Es gibt kaum noch Wagemut, sondern eher Quotenhörigkeit – gebucht wird, was gefällt und schon erfolgreich ist. Natürlich gibt es auch immer noch die erfreulichen Ausnahmen, die diese Regel bestätigen, aber die wirklich guten, engagierten Leute an den Schalthebeln werden immer weniger.
Können auf Festivals, die auf die große Besuchermasse abzielen, auch Nischen bedient werden? Beim Southside-Festival trat in diesem Jahr zum Beispiel James Blake auf, den Sie ja schätzen.
Wobei James Blake natürlich längst ein etablierter, auch kommerziell erfreulich erfolgreicher Künstler ist. Sicher könnten Festivals auch Nischen bedienen. Die Frage ist: Warum tun sie es so selten? Und vor allem: Warum tun sie das just in Deutschland so selten? Allüberall in Europa gibt es spannende Festivals, die selbstverständlich einen großen Teil der Popmusik, eben die wunderbare Vielfalt unserer Zeitkultur abbilden – da finden Sie Rock, Pop, Soul, Heavy Metal, ­Hip-Hop, Weltmusik, Singer/Songwriter oder Jazz und Electronica in ein und demselben Festival – und das funktioniert großartig! Ob in Barcelona, Oslo, Roskilde, Glastonbury, ob auf dem Sziget oder bei Lowlands. Nur in Deutschland gibt es hauptsächlich Schubladen-Festivals, die meist auf ein, zwei Musikrichtungen festgelegt sind. Und je größer sie sind, desto mehr nageln sie alles in die Schubläden. Aber sagen Sie das mal jemandem, der damit zufrieden ist, dass sich ein paar Hunderttausend Menschen ­Tickets für die Böhsen Onkelz kaufen.
Sie haben sicher die Entwicklung um den ­Nürburgring verfolgt. Wie beurteilen Sie, was dort geschieht?
Da geht es schlicht ums Imperiengeschäft. Der eine deutsche Großkonzern der Live-Industrie, CTS, kämpft mit dem anderen ­deutschen Großkonzern, der DEAG, um die Vormachtstellung auf dem Markt. Es geht hier um Marktanteile, es geht um den Profit.
Sie sagen: Kultur sollte zur gesellschaftlichen Grundversorgung gehören. Was würden Sie jemandem entgegnen, der sagt: Kultur ist ein Luxus?
Na, das wäre wahrscheinlich jemand, der auch Trinkwasser und die Luft zum Atmen oder das Grundrecht auf menschenwürdiges Wohnen für Luxus hält. Die Kultur gehört zu den Dingen, die den Menschen zum Menschen machen. Wer wollte das ernsthaft ­bezweifeln? Alles andere ist neoliberales ­Geschwätz.
Sie sagen auch: Wir müssen uns unser Recht auf dissidentes Hören wieder erkämpfen. Ist es aber nicht so, dass Musik jenseits des Mainstreams heute leichter zugänglich ist denn je? Eröffnet das Internet nicht enorme Möglichkeiten zu einer individuellen Musikrezeption?
Es geht nicht um „dissidentes Hören“, sondern um Dissidenz ganz allgemein. Patti Smith verortet ihre Kunst „outside the society“, und ich finde diesen Platz außerhalb der Gesellschaft für Künstler sehr charmant und sinnvoll. Künstler sollten weder Staatspop machen noch Marketinginstrument der Konsumindustrie sein, sondern im Idealfall die Gesellschaft bereichern, sie erweitern. Kunst teilt Perspektiven mit, verkörpert eine Haltung. Im „anything goes“ unserer Tage ist das, glaube ich, eine Qualität, auf die wir uns wieder neu besinnen müssen – als Protagonisten wie als Hörer.
Stimmt es, dass Sie sich einmal geweigert haben, Wolfgang Niedecken Freikarten für ein Konzert mit Patti Smith zukommen zu lassen?
Ach, diese alte Geschichte. Nicht wirklich. Es ist wie immer alles noch schlimmer: Niedecken hat versucht, über einen Techniker der Frankfurter Jahrhunderthalle an zwei Freikarten fürs Patti-Smith-Konzert zu kommen. Was ich daran so besonders degoutant fand: Einer der wohlhabendsten Rockmusiker dieser Republik ist offensichtlich nicht willens, den Wert von Musik zu erkennen und zu bezahlen. Und eine Patti Smith ist ihm offensichtlich keine 40 Euro wert. ­Interessant. Aber dann kommt dazu, dass dieser Typ nicht beim Tourveranstalter schnorrt, sondern bei einem abhängig Beschäftigten, der ihm sozusagen verpflichtet ist und praktisch keine Wahl hat, weil er ­Niedecken ja in seiner weiteren Arbeit wieder begegnen wird. Also, das ist schon verdammt unappetitlich, und deswegen habe ich das damals öffentlich gemacht. Der ­kölsche Jong ist dann nicht bei dem Konzert aufgetaucht. So war das.

Lesen Sie jetzt