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Sechs Mal läuten die Glocken für Nazi-Opfer

"Fellbach und Rems-Murr-Kreis", vom 01.09.2010 02:43 Uhr
Stetten. 70 Jahre danach gedenken Diakonie, Kirchen und Bürger der in Grafeneck ermordeten Menschen. Von Eva Herschmann

Vierhundertdrei Stühle mit Stoffüberzügen werden am 5. November, dem zentralen Gedenktag in Kernen, zwischen dem Schloss auf dem Gelände der Diakonie Stetten und dem Kirchplatz aufgereiht. Auf den Hussen aufgedruckt sind Namen, Geburts- und Sterbedaten sowie Herkunftsorte von 403 Opfern des Nazi-Regimes. "Wir wollen den Toten ihren Namen zurückgegeben", sagt Eberhard Kögel, Vorsitzender des Vereins Allmende und Mitglied im "Arbeitskreis Gedenken 2010". Von September bis Dezember werden eine Reihe von Veranstaltungen an die Frauen, Männer und Kinder erinnern, die in den berüchtigten grauen Bussen in die Tötungsanstalt Grafeneck deportiert und ermordet wurden.

Mehr als 100 000 Psychiatriepatienten und behinderte Menschen wurden in den Gaskammern der sechs Tötungsanstalten durch SS-Ärzte und SS-Pflegekräfte mit dem giftigen Kohlenmonoxid umgebracht. Genau 10 654 kranke und behinderte Menschen starben im Jahr 1940 in Grafeneck bei Münsingen auf der Schwäbischen Alb. Erst kurz zuvor, am 15. Oktober 1939, war das in Besitz der Samariterstiftung Stuttgart befindliche "Krüppelheim Grafeneck" von den Nationalsozialisten beschlagnahmt worden. Binnen weniger Monate wurde das Samariterstift in eine Tötungsanstalt verwandelt. "Landespflegeanstalt Grafeneck" hieß die Einrichtung nun.

403 Opfer der "Aktion T4" - unter diesem Namen sind die systematischen Euthanasiemorde der Nazis in den Jahren 1940 und 1941 auch bekannt - kamen aus der damaligen Anstalt Stetten. Sieben Mal fuhren die zum Sinnbild der Aktion gewordenen grauen Busse zwischen Mai und November 1940 vor der damaligen Heil- und Pflegeanstalt für Behinderte in Stetten vor. Im ersten Bus saßen 70 Frauen und Mädchen aus den Reihen der damals nach Stetten verlegten epilepsiekranken Menschen der Korker Anstalten bei Kehl.

An sechs Tagen im September und November rollten die grauen Busse wieder vor und brachten mehr als 330 Stettener Frauen, Männer und Kinder nach Grafeneck. Die jüngste war Tilly Baier, ein fünfjähriges mehrfach schwer behindertes Mädchen, das aus Karlsruhe stammte. Sechsmal werden auch zwischen dem 10. September und 28. November 2010 die Kirchenglocken läuten, und zwar in der Zeit von 19.39 Uhr bis 19.45 Uhr, was die Jahre 1939 bis 1945 symbolisiert.

Pfarrer Matthias Binder von der Diakonie Stetten, der federführend ist im 15-köpfigen Arbeitskreis, nennt die Opfer des Nazi-Regimes ein Thema der gesamten Gemeinde: "Nicht nur der Diakonie." Deshalb wird die Veranstaltungsreihe aus der Behinderteneinrichtung hinausgetragen in den Ort. Die Toten, sagt Eberhard O. Brachhold, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der Diakonie Stetten, sollen ihren Platz in der Gesellschaft wieder bekommen. Deshalb seien die Veranstaltungen in Kooperation mit dem Verein Allmende, den Kirchengemeinden und der weltlichen Gemeinde Kernen entstanden. Unter anderem werden drei so genannte Stolpersteine vor Stettener Wohnhäusern gesetzt. Sie erinnern an zwei Bewohner der Anstalt, die aus dem Ort kamen, und an einen Arbeiter aus Stetten, ein "Politischer", der im Konzentrationslager Oberndorf-Aistaig erschlagen wurde.

Für den Stettener Heimatforscher Eberhard Kögel ist ein wichtiges Ziel der Aktion, die Brücke von der Diakonie Stetten zum Ort zu schlagen und die Verantwortung aller Bürger aufzuzeigen. Er hatte 1999 dafür plädiert, das Mahnmal, den "Stein des Gedenkens" in der Ortsmitte aufzustellen. Er kam jedoch auf das Gelände der Behinderteneinrichtung, am Schlosshof zwischen Wildermuth-Haus und Schlossschule. Ganz in der Nähe der Stelle, an der damals die grauen Busse hielten. "Es hieß im Dorf immer, das geht uns nichts an, das ist Sache der Anstalt. Aber das stimmt nicht", sagt Eberhard Kögel. Schließlich sei die Heilanstalt für Behinderte unter den Nazis Teil der NSDAP-Ortsgruppe gewesen.

Die Baumwollüberzüge der Stühle werden von Schülern und Jugendkunstschülern gestaltet. Sie sollen sich künstlerisch mit den Nazi-Verbrechen auseinander setzen. "Auch Einzelpersonen können sich beteiligen und Gedanken über die damaligen Verbrechen machen", sagt Brachhold.

Info: Das ausführliche Programm der Veranstaltungsreihe ist im Internet unter www.diakonie-stetten.de/70-Jahre-nach-Grafeneck.4309.0.html nachzulesen.

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