Schwimmbad Schorndorf Baupfusch im regionalen Vorzeigebad

Von Dirk Herrmann 

Auch im halbkreisförmigen, 30 Grad warmen Erlebnisbecken des Schorndorfer „Seehallensaunarutschenwohlfühlfürallebads“ (Werbespruch) lösen sich die Fliesen vom Boden. Foto: Peter-Michael Petsch
Auch im halbkreisförmigen, 30 Grad warmen Erlebnisbecken des Schorndorfer „Seehallensaunarutschenwohlfühlfürallebads“ (Werbespruch) lösen sich die Fliesen vom Boden.Foto: Peter-Michael Petsch

Fliesen lösen sich in Becken des Schorndorfer Oskar-Frech-Schwimmbad – Halbjährige Schließung nötig

Schorndorf - Stets mit gewissem Neid blickten die benachbarten Rathauschefs seit dem Eröffnungssalto ihres Amtsbruders Matthias Klopfer am 11. März 2008 nach Schorndorf: 15 Millionen Euro wurden für ein „Fünf Sterne-Seebad mit ökologischem Anspruch“ investiert. Damit, so Klopfer, entwickle sich Schorndorf in der Badelandschaft des Rems-Murr-Kreises zur Nummer eins. Wer sich dem imposanten Gebäude ­nähere, bekomme „glänzende Augen“.

Derzeit erkennen Beobachter erneut feuchte Pupillen bei den Verantwortlichen. Doch statt Tränen der Euphorie sind es diesmal jene der Empörung. Im Gemeinderat ließ der Geschäftsführer der Schorndorfer Stadtwerke, Andreas Seufer, jetzt die Katze aus dem nassen Sack. Im Bad gibt’s gewaltige Mängel, in den Becken und an den Umläufen lösen sich die Fliesen in großem Umfang. Als wäre das nicht schon nervig genug, ist auch noch der Boden der Sauna undicht. Im Keller wird das herabtropfende Wasser, 50 Liter täglich, „mittels einer Zeltplane gesammelt“. Es sei „zu erwarten, dass der gesamte Bodenaufbau sowohl im Hallenbad wie auch in der Sauna komplett entfernt und vollständig neu aufgebaut werden muss“, so Seufer. Er rechnet „mit Kosten von rund 1,5 Millionen Euro und einer Schließung des Hallenbads von fünf bis sechs Monaten mit entsprechenden Einnahmeausfällen“.

Ein harter Schlag fürs erfolgsverwöhnte Oskar-Frech-Seebad: „Es erfreut sich sehr großer Beliebtheit und hat mit mehr als 380.000 Bade- und Saunagästen im Jahr 2011 die Erwartungen bei den Besucherzahlen weit übertroffen.“ Auch wenn die Schließung im Sommer erfolgen dürfte, würden die Einnahmen von Zehntausenden Gästen fehlen. „Äußerst ärgerlich“, wettert Seufer.

Fliesenleger legte jegliche Garantie- und Gewährleistung ab

Erstmals aufgefallen sind die abgeplatzten Fliesen dem Bäderbetriebsleiter Jörg Bay im Juli 2010. „Punktuelle Schäden“, wie man zunächst dachte, die der Fliesenleger in den Abendstunden umgehend behob. Kurz danach wurden die Mängel noch auffälliger. Ein Sachverständiger konstatierte „Hohlstellen und das Ablösen des Belags“. Ortstermine und Krisensitzungen folgten. Vertreter der Stadt, der Stadtwerke und des planenden Ingenieurbüros, der Fliesenleger und der Fliesen- und Klebehersteller diskutierten über mögliche handwerkliche Mängel oder Fehler beim Klebstoff. Doch es gab nur gegenseitige Schuldzuweisungen: „Keiner will’s gewesen sein“, so Seufers Fazit.

Nachdem der Fliesenleger jegliche Garantie- und Gewährleistung ablehnte, reagierten die Stadtwerke mit einer „schriftlichen Mängelrüge“. Ein externer Sachverständiger, Professor Rolf Gieler, entnahm dem Beckenboden etliche sogenannte Bohrkerne, die er am Finger-Institut der Bauhaus-Universität in Weimar untersuchte. Im März 2012 beantragte der von den Stadtwerken beauftragte Stuttgarter Rechtsanwalt Karsten Meurer die Eröffnung eines selbstständigen Beweisverfahrens beim Landgericht. Das wird am Ende entscheiden ­müssen, wer die Sanierung bezahlt.

Das Problem: Will man in Schorndorf den Badebetrieb nicht langfristig einstellen, muss die Sanierung wohl noch vor dem Richterspruch erfolgen. Stadträtin Sabine Becker-Rapp (CDU) orakelt, dass man am Ende „ein tolles Urteil, aber kein Geld“ bekomme, weil beim Schuldigen nichts mehr zu holen sei. Vorwürfe an die Verwaltung gibt’s ansonsten kaum. Man solle sich, so Grünen-Fraktionschef Werner Neher, zudem „hüten, das Bad schlechtzureden“. Auch Seufer seufzt: „Es gibt kein schöneres Bad hier in der Gegend – eigentlich.“

Die Schließung wird vermutlich im Sommer 2013 erfolgen. Bis dahin sollen die Schäden so behoben werden, dass Badegäste nicht etwa wegen scharfer Kanten abgebrochener Fliesen in Gefahr geraten. Rund 20 Kilometer westlich von Schorndorfer wird die Entwicklung übrigens genau beobachtet: Dort, in Fellbach, entsteht derzeit für insgesamt 45 Millionen Euro ein kombiniertes Hallen-Freibad. Die Eröffnung ist für Frühsommer 2013 vorgesehen – genau zu dem Zeitpunkt also, wenn Schorndorf für ein halbes Jahr dichtmacht. Da dürfte mancher neugierige Badegast erst recht den Weg vom mittleren ins untere Remstal antreten.

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