Schwieberdinger verreisen mit Elektroauto Unter Strom an die Nordseeküste

Von Stefanie Köhler 

Unterwegs auf der nördlichsten Straße Deutschlands – in Sylt auf der Halbinsel Ellenbogen. Die Gölzers beschreiben die Landschaft als „atemberaubend“.Hildegard Gölzer lädt ihr Auto am Naturerlebniszentrum Sylt auf. Foto: privat
Unterwegs auf der nördlichsten Straße Deutschlands – in Sylt auf der Halbinsel Ellenbogen. Die Gölzers beschreiben die Landschaft als „atemberaubend“.Hildegard Gölzer lädt ihr Auto am Naturerlebniszentrum Sylt auf. Foto: privat

Hildegard und Thomas Gölzer sind mit einem Elektroauto in den Urlaub gefahren. Manchmal mussten sie nach Ladestationen suchen. Ihre anfängliche Skepsis gegenüber der neuen Technik ist Begeisterung gewichen.

Schwieberdingen/Hemmingen - Geringe Reichweite, lange Ladedauer, hoher Kaufpreis: Um die Nachteile von Elektroautos wissen Hildegard (58) und Thomas Gölzer (61) aus Schwieberdingen. Trotzdem haben sie im Juni ihren Mini durch ein E-Auto ersetzt. Und kurz darauf ein außergewöhnliches Projekt gewagt mit dem BMW i3, der laut technischen Angaben eine Reichweite von rund 250 Kilometern hat: Mitte August sind die Gölzers mit dem E-Auto in den Urlaub an die Nordseeküste gestartet, um Flora und Fauna zu genießen.

Etwa alle eineinhalb bis zweieinhalb Stunden legten sie eine Lade-Pause ein. Dass ein E-Auto oft geladen werden muss, sieht das Paar gelassen. „Auf längeren Strecken macht man ohnehin Pausen. Die Zeitfresser sind die Staus“, sagt Hildegard Gölzer. Zurückgelegt haben sie in den zwei Wochen Urlaub gut 2000 Kilometer.

Wenn die Gölzers über ihre Erfahrung mit dem E-Auto sprechen und Urlaubsbilder zeigen, fallen Aussagen wie „tolles Fahrgefühl“, „spritzig“, „ausgereift und voller Technik“ oder „rasante Beschleunigung“. Ihre anfängliche Skepsis ist Begeisterung gewichen. „Wir sind angenehm überrascht. Ich habe mir ein E-Auto provisorischer vorgestellt“, sagt die Berufsschullehrerin. In den vergangenen drei Monaten sind sie und ihr Mann mit dem E-Auto fast 7000 Kilometer gefahren – mehr als mit dem Mini in einem Jahr.

Weniger und andere Bauteile im E-Auto

Die Gölzers gehören zu einer Minderheit: Laut Statistischem Bundesamt gab es am 1. Januar hierzulande gerade einmal 34 022 E-Autos. Eigentlich wollte die Bundesregierung bis 2020 eine Million E-Fahrzeuge auf die Straßen bringen. Inzwischen hat Kanzlerin Angela Merkel dieses Ziel für unrealistisch erklärt.

Das wundert die Gölzers nicht. „Das E-Auto wird schlechtgeredet und von der Autoindustrie gebremst“, kritisiert Hildegard Gölzer. Sie vermutet, dass der Industrie der Wandel schwerfalle. Laut Münchner Ifo-Institut hängen in Deutschland zurzeit mindestens 620 000 Arbeitsplätze am Verbrennungsmotor, das seien zehn Prozent der Beschäftigten der deutschen Industrie. „E-Autos haben weniger und andere Bauteile als Diesel und Benziner“, sagt Thomas Gölzer, der bei Bosch im Bereich für Motorsteuergeräteentwicklung arbeitet.

Überschaubares Angebot

Bei den Gölzers gibt es noch einen anderen Grund für die Entscheidung für ein E-Auto: Beide engagieren sich im Nabu Schwieberdingen-Hemmingen. Er ist Vorsitzender, sie Schriftführerin. Umweltschutz liegt ihnen am Herzen. „Die moderne Technik verschlingt unsere begrenzten Ressourcen“, sagt Hildegard Gölzer. Entweder müsse man die Technik reduzieren – oder versuchen, sie besser, sprich: umweltfreundlicher zu machen. „Das E-Auto ist ein solcher Versuch“, sagt die Lehrerin. Es müsse sich an den Rahmenbedingungen aber einiges ändern, solle das E-Auto populärer werden.

Beim Kauf stellte das Paar fest, dass das Angebot an E-Autos sehr überschaubar ist. „Manche Marken bieten Fahrzeuge an, liefern jedoch nicht“, sagt Hildegard Gölzer. Nachholbedarf besteht auch bei der In-frastruktur. In Baden-Württemberg finde man zwar an jeder Autobahnraststätte Schnellladestationen. Damit dauere das Laden der leeren Batterie etwa 40 Minuten. An anderen Ladesäulen sind es drei, an der heimischen Steckdose zehn Stunden. Auch Schwieberdingen, wo auf dem Parkplatz von Bosch Ladesäulen stehen, und Hemmingen seien gut aufgestellt.

Überdachte Ladestationen in Holland

„Außerhalb des Landes haben wir weniger Säulen gefunden“, sagt Thomas Gölzer. Insgesamt seien die Stationen schlecht ausgeschildert und lieblos gemacht. Holland gebe sich da mehr Mühe. „Dort sind die Säulen bei den Tankstellen. In Veeningen waren wir an einer überdachten Station, an die man ranfahren kann wie an eine klassische Tankstelle. Hier steht man beim Laden im Regen und muss das Auto umständlich vor die Säule stellen“, sagt Hildegard Gölzer. Sie wünscht sich mehr Schnellladestationen und grundsätzlich komfortable und verlässliche Stationen. Manchmal seien Säulen auch defekt. Hildegard Gölzer rät: „Vor einer längeren Reise schaut man besser im Internet.“

Auch der Preis eines E-Autos schreckt viele Bürger vor dem Kauf ab. Die Gölzers zahlten 42 000 Euro. Die Kaufprämie von 4000 Euro fängt nur einen Bruchteil der Kosten auf – „sofern wir das Geld je überwiesen bekommen“, sagt Hildegard Gölzer. Nach „viel Papierkrieg“ wurde dem Paar die staatliche Prämie kürzlich genehmigt. Hildegard Gölzer ist überzeugt: „Sobald E-Autos günstiger sind, kaufen mehr Menschen sie.“ Die Gölzers wollen wieder mit dem fast geräuschlosen E-Auto in den Urlaub. Geht es nach ihnen, sollten das alle Reisenden tun. Das Paar beobachtet leidenschaftlich gern Vögel. Am liebsten in völliger Ruhe. Verkehrslärm stört da bloß.

Wo man laden kann: Anfang 2017 standen bundesweit 7407 Ladepunkte (3206 Ladestationen) zur Verfügung. Nordrhein-Westfalen hatte die meisten Ladepunkte (1603), nach Baden-Württemberg (1494) und Bayern (1080). Mit einem Programm der Bundesregierung sollen 15 000 neue Ladestationen gebaut werden.

Die Niederlande haben vier Mal so viele Ladesäulen, Frankreich und Großbritannien doppelt so viele wie Deutschland. Im Schnitt steht hier alle 111, in den Niederlande alle sieben Kilometer eine Säule.

Die Bundesnetzagentur informiert auf ihrer Internetseite über die Standorte von Ladesäulen. Die Ladesäulenkarte finden Sie hier.

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