Stuttgart - Pisa, Pisa an der Wand, wer hat die besten Schulen im Land? Die neue Landesregierung setzt auf die Gemeinschaftsschule, die Bundes-CDU schwört auf ein zweistufiges Modell mit Gymnasium und Oberschule und die Landes-CDU ließe am liebsten alles beim Alten.
Seit zwei Jahren lernen an der Geschwister-Scholl-Schule in Tübingen Schüler mit Hauptschul-, Realschul- und Gymnasialschulempfehlung gemeinsam in Lerngruppen. Die Verbundschule, die unter ihrem Dach Gymnasium, Realschule und Hauptschule mit je eigenen Schulleitungen beherbergt, beteiligt sich am Schulversuch Erweiterte Kooperation, den noch die alte CDU-geführte Landesregierung genehmigt hat. Die Erfahrungen seien positiv, sagt Realschulleiter Joachim Friedrichsdorf. Er und seine Kollegen wollen das gemeinsame Lernen künftig zur Regel machen. Sie hoffen, dass sie zu den Gemeinschaftsschulen gehören werden, die im September 2012 in Baden-Württemberg an den Start gehen.
Keiner soll benachteiligt sein
Die Gemeinschaftsschule ist der bildungspolitische Schwerpunkt der neuen Landesregierung. Jahrelang haben Grüne und SPD gefordert, dass Kinder nicht schon nach der vierten Klasse je nach Notendurchschnitt in Deutsch und Mathematik auf Gymnasium, Realschule oder Hauptschule verteilt werden, sondern länger gemeinsam lernen können.
"Wir müssen es endlich schaffen, dass jeder Junge und jedes Mädchen den bestmöglichen Schulabschluss erreichen kann und dass niemand wegen seiner Herkunft oder wegen des kleineren Geldbeutels seiner Eltern benachteiligt ist", sagte Kultusministerin Gabriele Warminski-Leitheußer (SPD) jüngst bei der Auftaktveranstaltung zur Gemeinschaftsschule in Ludwigsburg, zu der rund 1400 Pädagogen, Eltern, Kommunalpolitiker und Bildungsfachleute kamen, um sich zu informieren.
Warminski-Leitheußer rechnet damit, dass etwa 30 Schulen die Voraussetzungen erfüllen, um für das nächste Schuljahr eine Genehmigung zu erhalten. Das sind Schulen, die sich schon lange mit Schulentwicklung beschäftigen. Die früheren Kultusminister verweigerten ihnen, neue Wege zu gehen, weil sie nicht am gegliederten Schulsystem rütteln lassen wollten.
Interesse an Kooperation mit Nachbarschulen
Allein in Tübingen stehen derzeit drei Schulen in den Startlöchern, neben der Geschwister-Scholl-Schule auch die Werkrealschule Innenstadt und die Französische Grundschule, die früher vergeblich eine fünfte und sechste Klasse beantragt hatte. Eine von der Stadt eingerichtete und finanzierte Projektgruppe organisiert beispielsweise in den jeweiligen Vierteln Gespräche mit Lehrern, Eltern und Vertretern verschiedener Stadtteileinrichtungen.
Dazu geladen sind selbstverständlich auch die Schulen in der Umgebung, denn die Einrichtung einer Gemeinschaftsschule hat auch auf sie Auswirkungen. Die meisten seien daran interessiert, mit den Nachbarschulen zu kooperieren, sagt Schul- und Finanzbürgermeister Michael Lucke. Jetzt wartet er vor allem auf deutliche Signale von der Landesregierung. Die Schulen müssten nicht nur wissen, wie es mit zusätzlichen Lehrern aussehe. Auch die Frage, wer für Schulbauten, Mittagessen, Aufsicht oder Schulsozialarbeit zahlt, sei bisher nicht beantwortet.
Doch Schulen und Gemeinden müssen sich noch gedulden. Vor gut einer Woche hat das Kabinett zwar die Eckpunkte des Kultusministeriums für die Gemeinschaftsschule gebilligt. Wie viel Geld das Land für sie zur Verfügung stellt, steht aber immer noch nicht fest. Das werde bei den Haushaltsberatungen festgelegt, vertröstet Warminski-Leitheußer drängende Schulleiter und Bürgermeister.