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Schule ist wie Achterbahnfahren

"Kornwestheim und Kreis Ludwigsburg", vom 29.11.2010 02:46 Uhr
Bietigheim-Bissingen Der promovierte Physiker Matthias Götz arbeitet für zwei Jahre mit benachteiligten Kindern. An dem speziellen Programm beteiligen sich zwei Schulen im Kreis Ludwigsburg. Von Birgit Klein

Abends ist Matthias Götz platt. Die Grund- und Werkrealschüler der Schule im Sand in Bietigheim-Bissingen fordern seine ganze Aufmerksamkeit. Götz hat es so gewollt. Statt sich einen gut dotierten Job in der Industrie zu suchen, hat sich der promovierte Physiker bei der Bildungsinitiative "Teach First" beworben. Seit Schuljahresbeginn arbeitet er als pädagogischer Assistent für knapp 1800 Euro brutto im Monat. Er will Schüler für Naturwissenschaften begeistern.

Matthias Götz fesseln sie seit der Schulzeit. Er studierte Physik in Konstanz und machte seinen Doktor. Noch während er an seiner Dissertation arbeitete, die von speziellen, schmutzabweisenden Materialien handelt, stieß er im Internet auf einen Artikel über die Initiative "Teach First" (Unterrichte zuerst). Für das Programm werden herausragende Hochschulabsolventen gesucht, die zwei Jahre lang an Haupt- und Werkrealschulen mit benachteiligten Kindern arbeiten. Die Initiative startete 2009 in den ersten Bundesländern, ein Jahr später dann auch in Baden-Württemberg.

Für den Physiker Götz stand sofort fest, dass er sich für das Projekt bewirbt. "Ich will etwas von der Faszination für das Fach Physik weitergeben", sagt der 30-Jährige. Er ist einer von 16 sogenannten Fellows im Land. Zwei dieser Fachkräfte sind im Landkreis Ludwigsburg beschäftigt - an der Schule im Sand und an der Eglosheimer Hirschbergschule. In den Sommerferien wurden Götz und die anderen Assistenten, die vom Land bezahlt werden, auf ihren Einsatz vorbereitet.

Auf den Moment hat Isolde Steigelmann, die Rektorin der Schule im Sand, lange gewartet. Sie kennt das Teach-First-Programm aus den USA. Daran teilzunehmen, war für sie selbstverständlich. Steigelmann suchte für die von ihr geleitete Grund- und Werkrealschule speziell einen Naturwissenschaftler: "Es ist ganz, ganz schwierig, die Kinder für naturwissenschaftliche Themen zu begeistern."

Das ist jetzt Götz" Aufgabe. Er unterstützt Lehrer in den Fächern Materie, Natur und Technik sowie Mathematik, betreut im sogenannten Lernbüro sechs Schüler, die in großen Klassen überfordert sind, und macht mit ihnen physikalische Experimente. Zudem kümmert er sich um die Technik für die Aufnahme eines Werbejingles, macht Pausenaufsicht und kickt, wenn Not am Mann ist, bei Sportangeboten am Nachmittag mit.

Die Arbeit an der Schule ist völlig anders als an der Universität: "An der Uni habe ich mich über Wochen und Monate auf eine Aufgabe konzentriert", sagt Götz, "hier arbeite ich an vielen Baustellen gleichzeitig." Sobald er das Schulgelände betritt, fordern die Schüler seine ganze Aufmerksamkeit. Erst kürzlich kam ein Siebtklässler im Gang mit Fragen zu schwarzen Löchern im Weltall auf ihn zu. "Es hat mich ungemein gefreut, kurz fachsimpeln zu können", sagt der 30-Jährige und lacht.

Obwohl der Wahl-Ludwigsburger als Doktorand schon Lehrerfahrungen sammeln konnte, hatte er, wie er zugibt, "die Notwendigkeit einer guten Vorbereitung unterschätzt". Komplexe Sachverhalte in verständliche Worte zu kleiden, ist nicht einfach. Die Arbeit an der Schule vergleicht er mit einer Achterbahnfahrt: "Es gibt Stunden, da hab" ich viel rübergebracht, dann stoße ich wieder auf großes Desinteresse."

Trotz der Erfahrung bereut es Götz keine Sekunde, in der Bietigheimer Schule gelandet zu sein. Die Arbeit mit den Kindern und den Lehrern "bringt mich persönlich weiter". Er ist gespannt, "wo es mich nach den zwei Jahren hinzieht".

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