Schöner Zu-Fuß-Gehen Verkehrsplaner haben Fußgänger im Visier

Von Annette Mohl 

Gehwege bergen für  Fußgänger oft Hindernisse oder sind wenig einladend Foto: fotolia
Gehwege bergen für Fußgänger oft Hindernisse oder sind wenig einladendFoto: fotolia

Auch wer zu Fuß geht, ist ein Verkehrsteilnehmer. Das baden-württembergische Verkehrsministerium hat jetzt den Fußverkehr entdeckt und will ihn als „eigenständige und wichtige Mobilitätsform“ ins Bewusstsein rücken. Letztlich geht es darum, das Zu-Fuß-Gehen attraktiv zu machen.

Stuttgart - Was im allgemeinen Verkehrschaos bisher untergeht: Die Menschen in Baden-Württemberg legen ein Viertel ihrer Wege schon heute zu Fuß zurück. Vor allem Schulkinder und ältere Menschen sind fleißige Fußgänger. Doch die Bedingungen sind häufig alles andere als ideal. Denn bisher hat kaum jemand ein Augenmerk darauf geworfen, wichtige Wegeverbindungen attraktiv zu gestalten.

Das will Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) mit einer landesweiten Maßnahme ändern. Und er stieß auf überraschende Resonanz: Auf der Suche nach eigentlich zehn Modellkommunen nahmen mehr als 60 Städte und Gemeinden am Bewerbungsverfahren teil. Ausgewählt wurden schließlich 15 – von der Landeshauptstadt Stuttgart bis zur Schwarzwaldgemeinde Königsfeld.

Sie alle kommen jetzt in den Genuss des „Fußverkehr-Checks“. Bei diesem Verfahren bewerten Bürger, Politik und Verwaltung gemeinsam die Situation des Fußverkehrs vor Ort. In Workshops und Begehungen erfassen sie die Stärken und Schwächen im örtlichen Fußverkehr und erarbeiten Vorschläge, wie die Wege zu Fuß künftig attraktiver und sicherer gestaltet werden können. „Fußverkehr ist ein bedeutsames Thema für die bisher in unserem Verkehrsalltag benachteiligten Gruppen, wie Kinder und Senioren. Wir müssen die Sicherheit erhöhen und die Aufenthaltsqualität stärker“, sagt Hermann.

Stuttgart will Stadtteile verbinden

Ein Hauptanliegen ist, Fußwege sicher zu machen – etwa an größeren Straßen. Auch die Beleuchtung muss an manchen Stellen wohl verbessert werden. Viele ältere Menschen trauen sich längere Fußwege nicht zu, weil sie sich etappenweise ausruhen wollen und Sitzgelegenheiten fehlen. Auch die Barreierefreiheit muss an vielen Stellen verbessert werden. Die Ideen und Problemlösungen, die in den Modellkommunen in den kommenden Monaten entwickelt werden, sollen exemplarisch für andere Städte und Gemeinden sein und Impulse geben für die Renovierung oder Ausweisung neuer Fußwege.

Ausgewählt wurden die Modellkommunen von einer Fachjury aus Vertretern des Städte- sowie Gemeindetags, der Universität Stuttgart, der Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg, des Ministeriums und des Fachverbandes FUSS. Die Landeshauptstadt etwa konnte bei der Bewerbung punkten, indem sie konkrete Ziele benannte, was sie durch den Fußverkehr-Check erreichen will. Das ist die Verbindung von Stadtteilzentren, untersucht wird eine Hauptverkehrsachse für Fußgänger im Stadtbezirk Stuttgart-West. Außerdem soll der Stadtbezirk Stuttgart-Süd fußgängerfreundlich an die Innenstadt angebunden werden. Dazu will sich Stuttgart um die Begehbarkeit, Sicherheit, Beschilderung, Beleuchtung und Aufenthaltsqualität kümmern und Querungen und Wegebeziehungen verbessern. Wichtig ist auch die Anbindung der Achsen an den Nahverkehr sowie an Car- und Bike­sharing-Stationen.

Stuttgart hat zuvor erhoben, dass dort bereits 91 Prozent der Bürger ihre begehbare Umgebung für angenehm oder sehr angenehm halten. Dennoch stellte sich bei Rundgängen heraus, dass in den Stadtbezirken einiges noch verbessert werden kann. So sollen die für Stuttgart typischen Stäffele instand gesetzt werden. Im Herbst wir – als Grundlage für Investitionen – eine Fußgängerkonzeption in Auftrag gegeben.

Kampf den Falschparkern

Der Verband FUSS hat festgestellt, dass Fußgänger in Innenstädten nicht die Minderheit, sondern die Mehrheit der Verkehrsteilnehmer bilden. So legten die Einwohner von Berlin 2013 erstmals mehr Wege zu Fuß als mit dem Auto (Fahrer und Mitfahrer) zurück. Mit einem Anteil von 31 Prozent stehe der Fußverkehr damit in der Bundeshauptstadt an der Spitze, gefolgt vom motorisierten Individualverkehr (MIV) mit 29,6 Prozent, dem öffentlichen Personen-Nahverkehr (ÖPNV) mit 27 und dem Radverkehr mit 13 Prozent. In vielen Mobilitätserhebungen würden zudem lediglich die Hauptverkehrsmittel eines Weges erfasst. Etappen zu Fuß seien aber bei fast jeder Bewegung außerhalb der eigenen vier Wände enthalten, stellt der Verband fest.

Der Hamburger FUSS-Verein setzt sich für eine bessere Ausleuchtung der Gehwege ein. Meist seien zwar die Straßen gut beleuchtete, die Wege lägen aber im Dunkeln. Und auch den Falschparkern auf Gehwegen sagt der Verein den Kampf an: Menschen mit Kinderwagen, Rollatoren und Rollstuhlfahrer kämen dadurch oft in eine missliche Lage, wenn sie den Barrieren nicht ausweichen könnten. Insbesondere wenn der Fahrbahnrand an Ausfahrten, Straßenecken und Zebrastreifen mit Kraftfahrzeugen zugestellt und die Bordsteine zu hoch seien, können diese Verkehrsteilnehmer den Gehweg vor dem abgestellten Pkw nicht verlassen.

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